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Halbedel’s Gasthaus : Der letzte Glanz der Bonner Republik

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Alte Schule: Keine Neuerfindung des kulinarischen Rads im „Halbedel’s“, doch der eigene Anspruch des Besitzers wird zu hundert Prozent erfüllt. Bild: Horst Müller

Rentnerfreuden? Niemals! Rainer-Maria Halbedel ist inzwischen siebzig Jahre alt und kocht in seinem Bad Godesberger Restaurant noch immer mit ungebrochener Leidenschaft. Die Kolumne Geschmackssache.

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          Als Rainer-Maria Halbedel zum ersten Mal einen Michelin-Stern bekam, ahnte wohl niemand, dass Deutschland noch fünfzehn Saumagenjahre geistig-moralischen Wendekohls bevorstanden. Im Weißen Haus wohnte damals Ronald Reagan, im Kreml Juri Andropow, in Berlin stand eine Mauer und in Bonn die gleichnamige Republik in voller Blüte, deren Schlachtrösser von Willy Brandt bis Otto Graf Lambsdorff das „Halbedel’s“ zu ihrer Bundeskabinettskantine erkoren. Nichts davon ist geblieben, alles ist jetzt anders im Berliner Deutschland, das sich so grundlos wie gründlich in ein oft sagenhaft schlecht gelauntes Gemeinwesen voller Selbstüberdruss mit einer Stimmungskurve in Form von Angela Merkels Mundwinkeln verwandelt hat. Nur Rainer-Maria Halbedel steht mit seinen siebzig Lebensjahren trotz Achtzehn-Stunden-Tagen noch immer so unverdrossen, so leidenschaftlich in Bonn am Herd, als sei in den vergangenen 35 Jahren nichts geschehen. Was macht dieser Mann nur richtig, was so viele andere falsch machen?

          „Man muss wissen, was man kann, und man darf nicht können wollen, was man nicht kann“, sagt Halbedel, der nie etwas anderes können wollte, als klassische Feinschmeckerküche zu kochen, und damit bei seiner Familie, einer ehrenwerten Lehrerdynastie aus dem Osnabrücker Land, auf entsetztes Unverständnis stieß: „Die hielten mich für einen Spinner, doch ich habe mich durchgesetzt und als einziges Kind einen anständigen Beruf gelernt.“ Nach der Lehre ging der akademisch verlorene Sohn für sechs Jahre in die damalige deutsche Gourmethauptstadt Berlin, kochte sich durch diverse Sternehäuser, entging dabei als schönem Nebeneffekt dem lästigen Bundeswehrreservistendasein, eröffnete 1976 in Bonn sein eigenes Lokal, bekam 1983 einen Stern, hält ihn seither lückenlos, beweist damit bravourös, dass in Deutschland ein Gourmetrestaurant über Jahrzehnte aus eigener Kraft erfolgreich existieren kann, und fand schon 1987 sein endgültiges, kulinarisches Zuhause: einen klassizistischen vanillegelben Gründerzeitbau im Bad Godesberger Villenviertel, der seine Gäste so familiär und vertraulich empfängt, als erwartete sie ein Diner in einem privaten Salon. Das ist auch Halbedels Ehefrau Irmgard geschuldet, einer Bauerstochter und Hotelfachfrau aus der Eifel, mit der er seit Willy Brandts Kanzlerschaft zusammen ist und die als gute Seele und Restaurantchefin einer formalistischen Steifheit im „Halbedel’s“ nicht den Hauch einer Chance lässt.

          Rainer-Maria Halbedel ist dabei ihr natürlicher Verbündeter. Er schreibt die Speisekarten und sogar die achthundert Positionen umfassende Weinkarte von Hand, überreicht beides persönlich jedem Gast, kommt fast immer an den Tisch, um die einzelnen Gänge zu erklären, ist auch sonst eine omnipräsente Personalunion aus Patron und Küchenchef und sperrt sein Haus konsequent zu, wenn er nicht da ist. Der Gast habe schließlich das Recht, den Chef zu erleben, er gehe ja auch nicht ins Stadion, um Schwarzenbeck statt Beckenbauer zu sehen, sagt unser Küchenkaiser und lässt gleich zu Beginn des Menüs seine feine Technik mit einem Räucheraal aus seiner Osnabrücker Heimat aufblitzen, der von Sellerie als Parfait, Julienne, Sud und Stroh äußerst mannschaftsdienlich begleitet wird.

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