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Grüne Smoothies : Die pürierten Vitaminbomben

  • -Aktualisiert am

Grün - und deswegen auch gesund? Bild: Patrick Slesiona

Säfte, die zu mehr als der Hälfte aus Gemüse bestehen, sind ein Lifestyle-Trend, wie gemacht für den mobilen Menschen. Sind grüne Smoothies der bessere Salat oder nur eine moderne Form des Lebertrans?

          5 Min.

          Zuerst schmeckt man die Gurke, dann drängt der Apfel nach vorne, hinten im Gaumen kitzeln Petersilie und Koriander. Erster Gedanke: Gemüsesuppe küsst alten Obstbaum. Der „Hulk“ ist ein gesunder Smoothie für Einsteiger, eine grün-bräunliche Masse, die ein sanftes Prickeln hinterlässt. Der Mix aus Spinat, Apfel und Gurke schmeckt nicht penetrant gesund wie erwartet, vielleicht, weil der Apfelgeschmack dominiert.

          Jeder kennt süße Smoothies, Breigetränke aus püriertem Obst, die in den Einkaufszentren dieser Republik verkauft werden. Grüne Smoothies sind die gesunde Variante. Sie bestehen nur zu knapp der Hälfte aus Obst. Dazu kommt viel Pflanzengrün: Spinat, Blattsalat, Möhrenstauden, Knollensellerie oder Petersilie. Die Zutaten gibt man, komplett mit Kernen und Schale, in den Mixer und zerhäckselt und püriert sie. Heraus kommt ein zäher Flüssigbrei, der vor Vitaminen und Pflanzenstoffen strotzt.

          Werner Carlos Kesslers Leben kreist seit 14 Monaten um den gesunden Brei. Eigentlich ist Kessler gelernter Gesundheitscoach und malochte jahrelang in einer Werbeagentur. Er arbeitete oft bis spät nachts, fühlte sich ausgebrannt und zog irgendwann die Reißleine. Ein Freund, der lange in den Vereinigten Staaten gelebt hatte, schlug ihm vor: „Probier doch mal grüne Smoothies.“ Sie trafen sich, der Freund karrte Wildkräuter heran, Brennnessel, Löwenzahn, Vogelmiere, und mischte alles mit Obst. „Bevor ich den ersten Schluck getrunken habe, gruselte es mich“, sagt Kessler. Der Geschmack haute ihn um. Da war etwas, was ihm sonst beim Essen fehlte.

          Kessler kaufte sich einen leistungsstärkeren Mixer und trank vier Wochen lang Smoothies. Er fühlte sich fitter und stellte automatisch seine Ernährung um. Mehr Äpfel und Karotten, weniger Fleisch. Dann machte Kessler seine Leidenschaft zum Beruf. Er kümmert sich seit vergangenem Jahr um Website und Marketing der Firma Grüne Smoothies. Das Start-up bietet alles rund um die flüssige Gesundheit - Mixer, Ratgeber und Rezepte. Die Seite startete als loses Netzwerk rund um die Säfte, heute klicken monatlich rund 100.000 User auf die Website.

          Smoothies scheinen der Traum jeder Marketingabteilung zu sein. Aber sind sie wirklich gesund? Professor Bernhard Watzl sorgt sich hauptberuflich um das Wohlbefinden der Deutschen; er arbeitet am Max-Rubner-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel, in Karlsruhe. Watzl sagt: „Wer seine fünf Portionen Obst oder Gemüse am Tag isst, braucht eigentlich keine gesunden Smoothies.“ Die Betonung liegt auf „eigentlich“. Denn die Deutschen sollten 400 Gramm Gemüse am Tag verzehren, essen aber durchschnittlich kümmerliche 124. „Wenn Smoothies dazu führen, dass Menschen mehr Gemüse essen, ist das gut“, sagt Watzl.

          Im normalen Gemüse und damit auch in den Smoothies stecken Elemente wie Chlorophyll und Carotine, dazu kommen Vitamin C und Ballaststoffe. Diese Stoffe wirken sich positiv aus, besonders bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Bluthochdruck. Sie senken zudem das Risiko, an Krebs zu erkranken. Durch manche Ratgeber geistert das Gerücht, dass die Oxalsäure aus den Pflanzenzellen schädlich für die Nieren sein könnte. Alles Unsinn, sagt Watzl: „Bei normalem Genuss sind Smoothies völlig unbedenklich.“

          Das Getränk ist also gesund und mit seiner Mischung aus Nachhaltigkeit, Lifestyle plus einem Spritzer Landlust ein Produkt, das wie für den Zeitgeist maßgeschneidert wirkt. „Der grüne Smoothie passt in unsere mobile, gesundheitsorientierte Zeit“, sagt Food-Trendforscherin Hanni Rützler. Das Getränk ist schnell gemacht, hat eine spannende Konsistenz und schmeckt exotisch frisch. „Die Leute sehnen sich nach Frische und Naturnähe und finden es sympathisch, dass die ganze Frucht - zum Teil mit Kernen und Schalen - verarbeitet werden“, so Rützler.

          Der nächste Versuch, diesmal ein Getränk mit mehr Gemüse und weniger Obst. Dieser Smoothie sei noch gesünder, hatte der Verkäufer im Rohkostladen gesagt. War das eine Drohung? Der Smoothie nennt sich „Nutrient Powerhouse“, darin sind Apfel, Brokkoli, Spinat, Sellerie, Gurke, Limette und Ingwer. Der Brei schimmert grün im Trinkbecher, obenauf liegt ein Hauch von weißem Schaum. Er schmeckt noch satter, noch dickflüssiger als der Hulk - mehr eine Mahlzeit als ein Getränk. Er riecht nach Erde, die Limette sticht heraus. An den Geschmack muss man sich gewöhnen, klar. Aber erstaunlicherweise gelingt einem das.

          In Rohkost-Foren muss keiner mehr von Smoothies überzeugt werden. Die Anhänger der flüssigen Gesundheit überschlagen sich dort fast vor Begeisterung. Userin Claudia jubiliert: „Ja, die grünen Smoothies sind echt toll. Ich trink’ sie schon ein Jahr lang, jeden Tag.“ Lillyfee123 sagt: „Selbst mein Mann und mein Sohn, die sich meinen Versuchen ihnen neue gesunde Kost nahe zu bringen, bisher widersetzt haben, mögen den Geschmack.“ Es ist gesund - aber man schmeckt es nicht so sehr, findet Lillyfee. Nur vereinzelt gibt es Gegenstimmen. Userin Brigitte meint: „Ich finde Smoothies grässlich. Erinnert mich an Seniorenkost.“ Und fragt: „Was machen nur all die Menschen ohne hochtourige, teure Mixer?“

          Damit trifft sie einen wunden Punkt. Nicht alle können sich den Gesundheitstrend leisten. Der Smoothie-Boom hat einige Mixer-Hersteller reich gemacht. Hochleistungsgeräte kosten stolze 650 Euro. Sie häckseln mit bis zu 32 000 Umdrehungen in der Minute und haben 2 PS Power, die Leistung eines Rasenmähers. Je höher die Werte, desto besser werden feste Kerne und zähe Schalen zerkleinert.

          Das lohnt sich, denn dort stecken viele Vitamine und Pflanzenstoffe. Kessler und sein Team testen für den Shop der Website immer wieder Mixer. „Es kommt auf die Umdrehungen und auf die Power an“, sagt er. Sein persönliches Fazit: „Die Geräte unter 300 Euro taugen nichts.“ Der Smoothie ist ein Lifestyle-Produkt wie der große Kaffee to go oder die Bionade. „Die Leute sind bereit, für gute Smoothies Geld auszugeben“, sagt Trendforscherin Rützler. Wenn sie es sich leisten können.

          Ursprünglich kommt der Smoothie aus Amerika, Hollywood-Stars schwören auf die pürierten Gesundheitsbomben. Der Trend hat Berge an Ratgeberliteratur produziert, mit Titeln wie „Green Smoothie Magic“. An der Spitze der Smoothie-Bewegung steht Victoria Boutenko, eine russischstämmige Amerikanerin. Sie soll, so die Legende, 2004 die grünen Smoothies erfunden haben.

          Die Geschichte geht so: Ihr Mann und die Kinder litten Anfang der neunziger Jahre an diversen Leiden - Herzrhythmusstörungen, Allergien und Diabetes. Boutenko begab sich auf die Suche und landete bei der Rohkost. Sie verordnete der Familie eine strenge Diät, und die Beschwerden verschwanden. Doch klassische Rohkostgerichte wie Blattsalate waren in großen Mengen schwer verdaulich. Boutenko las über Schimpansen, Tiere mit ähnlichen Erbanlagen wie der Mensch, die ihr Obst in grüne Blätter einwickelten und dann verzehrten. Obst und Blattgrün mischen, eine Idee war geboren. Boutenko schrieb das Standardwerk „Green for Life“ und gilt seitdem als Entdeckerin der grünen Smoothies.

          Die Smoothie-Formel ist selbst in die Luxusküche eingedrungen. Michael Kempf ist Küchenchef im „Facil“ in Berlin. Der 37 Jahre alte Koch experimentiert seit zwei Jahren mit Saucen aus Gemüse- und Obstsäften. Er wollte die Sterneküche leichter machen, filigraner. Die Machart gleicht dem Smoothie, nur der Name ist anders: Kempf nennt seine Kreationen Emulsionen. „Unser Alleinstellungsmerkmal sind mittlerweile die leichten Saucen“, sagt Kempf. Seine Emulsionen bestehen immer aus mehreren Stufen. Kempf verwendet eine Gemüsesorte, gerne Blumenkohl, gibt frische Kräuter dazu, Citrusfrucht und gießt mit Säften auf.

          In Kempfs Großküche stehen zwei riesige Püriermaschinen. Der Thermomixer, eine Multifunktionsstation, die dampfgaren, rühren, wiegen, mixen, mahlen, kneten und zerkleinern kann. Und ein spezieller Gastronomieentsafter. Kempfs Geheimtipp: Er schmeißt bei Obst auch große Kerne mit in den Häcksler. Die Kerne, sagt Kempf, geben den Saucen eine flüchtige Mandel-Marzipan-Note.

          Kessler zuzelt mittlerweile einen Smoothie pro Tag. Der Drink ist meistens seine erste Mahlzeit, die 0,5 Liter Brei ersetzen sein Frühstück. Aktuell steht Kessler auf Feldsalat, einen Hauch von Zimt, Salz und Ingwer.

          Der Smoothie ist ein Beispiel für ein Phänomen, das man als „Soft Health“ bezeichnet - die Mischung aus Genuss und Gesundheit. „Früher waren die Limonaden die innovativen Wilden, heute punktet der Smoothie“, sagt Rützler. „Smoothies stehen für den gesellschaftlichen Trend, sich gesundheitlich zu optimieren“, sagt auch Ernährungswissenschaftler Watzl. Sie seien allerdings kein Allheilmittel für Menschen, die Gesundheit auf Knopfdruck kaufen wollen. „Das Problem ist, dass die Leute, die Smoothies trinken, sich meiner Erfahrung nach sowieso schon gesund ernähren“, sagt er. Watzl ist ein Fan, aber mit Einschränkungen. Wenn er sich entscheiden müsste, würde Watzl das Original wählen - den schlichten Blattsalat.

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