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Grüne Smoothies : Die pürierten Vitaminbomben

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In Rohkost-Foren muss keiner mehr von Smoothies überzeugt werden. Die Anhänger der flüssigen Gesundheit überschlagen sich dort fast vor Begeisterung. Userin Claudia jubiliert: „Ja, die grünen Smoothies sind echt toll. Ich trink’ sie schon ein Jahr lang, jeden Tag.“ Lillyfee123 sagt: „Selbst mein Mann und mein Sohn, die sich meinen Versuchen ihnen neue gesunde Kost nahe zu bringen, bisher widersetzt haben, mögen den Geschmack.“ Es ist gesund - aber man schmeckt es nicht so sehr, findet Lillyfee. Nur vereinzelt gibt es Gegenstimmen. Userin Brigitte meint: „Ich finde Smoothies grässlich. Erinnert mich an Seniorenkost.“ Und fragt: „Was machen nur all die Menschen ohne hochtourige, teure Mixer?“

Damit trifft sie einen wunden Punkt. Nicht alle können sich den Gesundheitstrend leisten. Der Smoothie-Boom hat einige Mixer-Hersteller reich gemacht. Hochleistungsgeräte kosten stolze 650 Euro. Sie häckseln mit bis zu 32 000 Umdrehungen in der Minute und haben 2 PS Power, die Leistung eines Rasenmähers. Je höher die Werte, desto besser werden feste Kerne und zähe Schalen zerkleinert.

Das lohnt sich, denn dort stecken viele Vitamine und Pflanzenstoffe. Kessler und sein Team testen für den Shop der Website immer wieder Mixer. „Es kommt auf die Umdrehungen und auf die Power an“, sagt er. Sein persönliches Fazit: „Die Geräte unter 300 Euro taugen nichts.“ Der Smoothie ist ein Lifestyle-Produkt wie der große Kaffee to go oder die Bionade. „Die Leute sind bereit, für gute Smoothies Geld auszugeben“, sagt Trendforscherin Rützler. Wenn sie es sich leisten können.

Ursprünglich kommt der Smoothie aus Amerika, Hollywood-Stars schwören auf die pürierten Gesundheitsbomben. Der Trend hat Berge an Ratgeberliteratur produziert, mit Titeln wie „Green Smoothie Magic“. An der Spitze der Smoothie-Bewegung steht Victoria Boutenko, eine russischstämmige Amerikanerin. Sie soll, so die Legende, 2004 die grünen Smoothies erfunden haben.

Die Geschichte geht so: Ihr Mann und die Kinder litten Anfang der neunziger Jahre an diversen Leiden - Herzrhythmusstörungen, Allergien und Diabetes. Boutenko begab sich auf die Suche und landete bei der Rohkost. Sie verordnete der Familie eine strenge Diät, und die Beschwerden verschwanden. Doch klassische Rohkostgerichte wie Blattsalate waren in großen Mengen schwer verdaulich. Boutenko las über Schimpansen, Tiere mit ähnlichen Erbanlagen wie der Mensch, die ihr Obst in grüne Blätter einwickelten und dann verzehrten. Obst und Blattgrün mischen, eine Idee war geboren. Boutenko schrieb das Standardwerk „Green for Life“ und gilt seitdem als Entdeckerin der grünen Smoothies.

Die Smoothie-Formel ist selbst in die Luxusküche eingedrungen. Michael Kempf ist Küchenchef im „Facil“ in Berlin. Der 37 Jahre alte Koch experimentiert seit zwei Jahren mit Saucen aus Gemüse- und Obstsäften. Er wollte die Sterneküche leichter machen, filigraner. Die Machart gleicht dem Smoothie, nur der Name ist anders: Kempf nennt seine Kreationen Emulsionen. „Unser Alleinstellungsmerkmal sind mittlerweile die leichten Saucen“, sagt Kempf. Seine Emulsionen bestehen immer aus mehreren Stufen. Kempf verwendet eine Gemüsesorte, gerne Blumenkohl, gibt frische Kräuter dazu, Citrusfrucht und gießt mit Säften auf.

In Kempfs Großküche stehen zwei riesige Püriermaschinen. Der Thermomixer, eine Multifunktionsstation, die dampfgaren, rühren, wiegen, mixen, mahlen, kneten und zerkleinern kann. Und ein spezieller Gastronomieentsafter. Kempfs Geheimtipp: Er schmeißt bei Obst auch große Kerne mit in den Häcksler. Die Kerne, sagt Kempf, geben den Saucen eine flüchtige Mandel-Marzipan-Note.

Kessler zuzelt mittlerweile einen Smoothie pro Tag. Der Drink ist meistens seine erste Mahlzeit, die 0,5 Liter Brei ersetzen sein Frühstück. Aktuell steht Kessler auf Feldsalat, einen Hauch von Zimt, Salz und Ingwer.

Der Smoothie ist ein Beispiel für ein Phänomen, das man als „Soft Health“ bezeichnet - die Mischung aus Genuss und Gesundheit. „Früher waren die Limonaden die innovativen Wilden, heute punktet der Smoothie“, sagt Rützler. „Smoothies stehen für den gesellschaftlichen Trend, sich gesundheitlich zu optimieren“, sagt auch Ernährungswissenschaftler Watzl. Sie seien allerdings kein Allheilmittel für Menschen, die Gesundheit auf Knopfdruck kaufen wollen. „Das Problem ist, dass die Leute, die Smoothies trinken, sich meiner Erfahrung nach sowieso schon gesund ernähren“, sagt er. Watzl ist ein Fan, aber mit Einschränkungen. Wenn er sich entscheiden müsste, würde Watzl das Original wählen - den schlichten Blattsalat.

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