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Wein im Zweiten Weltkrieg : In Vino Vanitas

Nummer 7: „Lich´s Weinstube“ an der Rathausstraße hinter der Sparkasse zu sehen, im Hintergrund der Rathausturm. Bild: Robert Gommlich

Überall tobte vor 75 Jahren noch der Krieg. Das hielt die Mitglieder einer Weinbewertungskommission in Halle nicht davon ab, in aller Ruhe die Jahrgänge 1943 und 1944 zu verkosten, in „Grün's Weinstuben“.

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          Die Geschichte wäre gut erfunden, wenn sie es denn wäre. Aber sie ist es nicht. Also spricht sie Bände, über die trotzige Widerständigkeit der bürokratischen Eigenlogik und des Volksmunds über alle Systembrüche hinweg. Ebenso viel sagt sie über die Mentalität der Personen, die von und mit dem Weinbau leben. Denn nach der Lese ist vor der Lese. Und wenn der frische Most erst von der Kelter läuft, müssen die Fässer und Tanks wieder leer sein.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Es war in Halle (Saale), man schrieb den 20. März 1945. Gut zwei Monate waren vergangen, seit das Bomber Command der Royal Air Force die gut 80 Kilometer nördlich gelegene Stadt Magdeburg dem Boden gleichgemacht hatte. Anfang Februar hatten Zehntausende ihr Leben verloren, als das historische Zentrum Dresdens Ziel des alliierten Bombenkriegs geworden war. Am 27. Februar dann ein erster größerer Tagesangriff auf Halle. Doch die Schäden und die Zahl der Toten waren überschaubar, und die amerikanische 9. Armee mutmaßlich noch weit.

          Die Welt ringsum in Trümmern

          Die Mitglieder der Bewertungskommission des Wein-und Trinkbranntweinverbands Sachsen-Anhalt (WTV) und deren Gäste taten das, wozu sie bestimmt waren. Vor gut einem halben Jahr, am 24. August 1944, hatte man sich noch im Ratskeller von Freyburg an der Unstrut getroffen, um im Auftrag der Preisbildungsstelle Halle-Merseburg Fassproben zahlreicher Weine der Winzervereinigung Freyburg des Jahrgangs 1943 zu verkosten.

          Zum Vergnügen geschah das nicht. Nach dem Preisregime, das der „Reichsnährstand“ lange vor dem Krieg in Kraft gesetzt hatte, um im Namen und zum Wohl der „Volksgemeinschaft“ „Preiswucher“ und „Spekulation“ zu verhindern, sollte für jedes Fass ein Qualitätszuschlag ermittelt werden, der auf den behördlich festgesetzten Basispreis aufgeschlagen werden durfte. Gesagt, getan.

          Auch Rheingau im Angebot: Dekoration in "Lich's Weinstube"
          Auch Rheingau im Angebot: Dekoration in "Lich's Weinstube" : Bild: Robert Gommlich

          Jetzt, Mitte März, war die aus acht Männern bestehende Kommission nach Halle einbestellt worden. Mochte die Welt ringsum in Trümmer fallen – es war höchste Zeit, die Verkaufspreise für einige Flaschenweine des Jahrgangs 1943 und auch solche aus dem Jahr 1944 zu ermitteln.

          Der Ort jener denkwürdigen Zusammenkunft am Tag des kalendarischen Frühlingsbeginns war nicht eine schnöde Amtsstube, sei es in den Räumen der Preisbildungsstelle, sei es im Büro des Wein- und Trinkbranntweinverbands. Wie hätte man die insgesamt 24 Weißweine, darunter einige der Staatlichen Weinbauverwaltung Naumburg, auch da oder dort kühlen können?

          Die Herren trafen sich in einer, wenn nicht der bekanntesten Weinlokalität der Stadt. An der Rathausstraße, unweit des Marktplatzes mit der von dem Bauhaus-Künstler Lyonel Feininger immer wieder ins Bild gesetzten viertürmigen Marktkirche gelegen, trug sie seit Jahrzehnten den Namen „Grün's Weinstuben“. Doch so schlicht der Name, so imposant die Geschichte – von dem Weinangebot zu Friedenszeiten gar nicht erst zu reden.

          Im „Naturzustand“ ungenießbar

          1848 hatte es Johannes Grün, den Spross einer Winzerfamilie aus Bretzenheim bei Bad Kreuznach, in die pulsierende Stadt an der Saale verschlagen. Seinen erlernten Beruf, den des Schreiners, gab er bald auf. Nachdem er einen Vermögensanteil in Wein, den ein verstorbener Onkel ihm hinterlassen hatte, mit dem Fuhrwerk nach Halle hatte bringen lassen und dort schnell verkauft hatte, verlegte er sich ganz auf den Handel mit Wein, den er aus seiner engeren und weiteren Heimat bezog. Gegen die billigen und süffigen Weine vom Rhein und seinen Nebenflüssen hatten die Gewächse aus Mitteldeutschland keine Chance.

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