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Gourmetlokal statt Fernsehen : Lieber Tiki-Taka als Catenaccio

  • -Aktualisiert am

Im „5“ gibt es Gourmetkost auf den Tisch. Bild: „5“

Andere Ex-Fußballprofis lungern im Fernsehen oder in den Klatschspalten herum. Michael „Zico“ Zeyer betreibt in Stuttgart das Gourmetlokal „5“. Und das ist ganz gewiss die bessere Idee.

          Die Sache mit dem Fußball und den Sternen ist in Deutschland eigentlich klar geregelt: Das Trikot der Nationalmannschaft schmückt über dem Wappen auf der Brust ein Stern pro gewonnenen Weltmeistertitel, während bei den Vereinsleibchen ein Stern mindestens drei nationale Meisterschaften repräsentiert. Doch dann gibt es noch einen Sonderfall, der in keinem Regelwerk auftaucht: Michael Zeyer, einst wegen seiner feinen Technik nach dem brasilianischen Fußballhalbgott „Zico“ gerufen, war während seiner Karriere beim SC Freiburg, 1.FC Kaiserlautern und VfB Stuttgart zwar nie deutscher Meister oder Weltmeister, kann sich aber trotzdem eines Sterns rühmen, und zwar eines ganz besonderen: Er ist der einzige unter allen aktiven und pensionierten Fußballspielern in Deutschland mit einem Michelin-Stern, den er sich allerdings nicht als Koch, sondern als Patron seines Stuttgarter Restaurants „5“ verdient hat.

          Es ist für ihn weder Jux noch Dollerei, sondern Hauptbroterwerb, und so steht Zico Zeyer oft mit Schürze am Tresen hinter der Berkel-Aufschneidemaschine, um seinen Gästen italienische Schinkenspezialitäten zu servieren, wobei er klug und bescheiden genug ist, auf alle Allüren eines gewesenen Fußballstars zu verzichten. Denn der einzige Stern, der für ihn noch zählt, ist jener, der guten Geschmack garantiert.

          Im Herzen Stuttgarts

          Das „5“ liegt im Herzen Stuttgarts nur ein paar Meter vom Neuen Schloss entfernt, residiert im ehemaligen Hauptbahnhof der Stadt und fährt – um im Sprachbild zu bleiben – seit inzwischen sieben Jahren zweigleisig: Im Erdgeschoss wird in ungezwungenem Ambiente Bistro-Küche inklusive Frühstück, Mittagstisch und Schinkenmenü serviert, in der ersten Etage kommt unter mächtigen, schmiedeeisernen Nietenbalken Gourmet-Kost auf den Tisch, wobei sich die Zahl fünf oben wie unten programmatisch sowohl auf die fünf Sinne als auch auf die fünf Kontinente bezieht. Und damit dem globalisierten Generalgenuss kein klassizistischer Ballast im Weg steht, hat man im Feinschmeckerlokal alle Insignien der traditionellen Haute Cuisine entsorgt. Man bekommt sein Essen an Tischen aus grobem Nussholz, blickt auf ein, psychedelisches Wandgemälde mit Schlangen und nackten Frauen, nimmt auf Vintage-Sitzgelegenheiten aus der Wirtschaftswunderzeit Platz und kann sich im Falle ausgeprägten Repräsentationsdrangs auch auf den „Thron“ setzen, einen lederbezogenen Ohrensessel mit hoher Lehne, dem sichtbarstem Ausdruck der Philosophie des Hauses: Hier ist nicht der Koch, sondern der Gast König.

          Der Koch heißt Alexander Dinter, hat sich ohne nennenswerte Biographie in Sterneküchen zum Küchenchef hochgearbeitet und wird von seinem kulinarischen Direktor Claudio Urru unterstützt, der halber Italiener, halber Grieche, zugleich mustergültig assimilierter Voll-Schwabe ist und zehn Jahre lang die Küche im Sternerestaurant „top air“ am Stuttgarter Flughafen verantwortet hat. Das passt zum polyglotten Anspruch des Hauses, der gleich einmal mit drei technisch ebenso aufwendigen wie aromatisch überbordenden Küchengrüßen eingelöst wird: einer Polenta-Praline mit Eiskraut und roter Zwiebel, einem Macaron mit Kokos, Wasabi, Lachs-Garnelen-Terrine und Gin-Tonic-Gel sowie einer Variation von der Gurke als Sud und Grütze mit Kefir, Kumquat, weißen Erdbeeren und Piment d’Espelette. Schon jetzt ahnen wir, dass es ein ausgesprochen bunter Abend werden wird, sollte es so weitergehen.

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