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Naturwinzerin von der Nahe : Wie eine Winzerstochter die Tradition umkrempelte

  • -Aktualisiert am

Pauline Baumberger ist Winzerin – und setzt für ihren Wein ausschließlich auf die Natur. Bild: Carl Baumberger

Die junge Winzerin Pauline Baumberger verarbeitet Trauben des Traditionsweinguts ihrer Familie im Naturweinverfahren. Der Gegenwind aus der Branche ließ nicht lange auf sich warten.

          3 Min.

          Pauline Baumberger liebt ihre Heimat. Wenn die junge Winzerin von der Landschaft der Nahe, den Weinbergen und ihrem idyllischen Heimatort Mandel erzählt, von der Weinkultur und ihrer Familie, die nun schon in sechster Generation ihr Weingut bewirtschaftet, leuchten ihre Augen auf. Und das ist keine Übertreibung, im Gegenteil, ihr Enthusiasmus ist ansteckend, man will sofort zum Bahnhof eilen, Gepäck in der Hand und dorthin fahren, an diesen Fleck Erde, dieses kleine Anbaugebiet hinter Rheinhessen, das Weinkenner schätzen, das aber sonst vielen kaum ein Begriff ist.

          Um diese Begeisterung bei sich selbst wieder zu wecken, musste Pauline Baumberger ihre Heimat erst verlassen. Die Welt wartete da draußen, wollte erkundet werden. Erst das nahgelegene Mainz, dann Den Haag, weit weg vom Wein, Design studieren, weiter nach Paris, Berlin. „Es war wie der Obelix-Effekt“, erzählt sie und lacht. Wie der Gallier, der als Kind in einen Topf voll Zaubertrank fällt, war sie mit Wein aufgewachsen – und musste sich erstmal von ihm emanzipieren, eine eigene Identität entwickeln. Auch, weil traditionelle Rollenklischees wenig Raum dafür bieten: „Als Frau im Weingut ist man oft Vertrieblerin oder künftige Weinkönigin.“

          Weinkönigin war sie trotzdem, vor ein paar Jahren. Aber genug war das nicht, nein, sie wollte selbst aktiv werden. Das Ziel: ihr eigener Wein, nach ihrer eigenen Philosophie und ihren eigenen Werten. Denn in der Zwischenzeit hatte sie ein Masterstudium in Weinmanagement und Nachhaltigkeit begonnen und auf der Kölner Messe „Weinsalon Natürel“ Naturwein und seine Winzer kennengelernt. Und damit eine neue, für sie völlig andere Weinkultur: „Wein ist oft etwas, bei dem Menschen Fehler suchen“, erzählt sie, „dort aber wurde darüber gesprochen, was an dem jeweiligen Wein richtig ist. Dass er pur ist, lebendig und voller Energie. Wenn man Naturwein probiert, merkt man, dass da viel Eigenes drin steckt. Naturwein ist ja auch eigen.“

          Biodynamische Landwirtschaft gehört dazu

          Eigen ist eine recht gute Beschreibung für diese Weine, die seit einigen Jahren unter dem Begriff firmieren. Eine genaue Definition gibt es nicht, für einen großen Teil der Naturweinwinzerinnen und Naturweinwinzer, -händlerinnen und händler und -fans gehört konsequente biologische, wenn nicht sogar biodynamische Landwirtschaft dazu und ein Verzicht auf Zusatzstoffe und andere Hilfsmittel. Sie werden nicht filtriert oder geschönt, Spontangärung ist eher die Regel als die Ausnahme. Für Winzerinnen und Winzer bedeutet das Mehraufwand und ein gerade am Anfang schwer zu kalkulierendes Risiko.

          Das Design der Glow-Glow-Weine ist so untypisch wie ihr Herstellungsverfahren.
          Das Design der Glow-Glow-Weine ist so untypisch wie ihr Herstellungsverfahren. : Bild: Carl Baumberger

          Ein Risiko aber, von dem sie ihre Familie überzeugte: das Traditionsweingut befindet sich seit diesem Jahr in der Umstellung zum Biobetrieb. Und damit nicht genug, sie vertrauten ihr auch vergangenes Jahr einen kleinen Teil der Reben an. Die Trauben verarbeitete sie in Naturweinverfahren wie macération carbonique (Kohlensäuremaischung) zu 800 Flaschen Riesling, 800 Flaschen Muskateller und weiteren 800 Flaschen Schaumwein – Pét-Nat, wie es bei Naturweinen heißt – aus Muskatellertrauben.

          Für die Region, aus der zuvor keine Naturweine kamen, eine Premiere. Aber Baumberger hatte das richtige Gefühl: „Als wir nach der Weinlese erstmals die Behälter für die máceration carbonique öffneten, roch der ganze Raum nach Erdbeeren“, erinnert sich die 26 Jahre alte Winzerin. Ihre Familie sei begeistert gewesen: „Mein Vater meinte, er habe so etwas noch nie gerochen. Wenn wir es schafften, das alles im Wein zu behalten, würde alles gut.“

          „Wenn eine Winzerstochter nichts gelernt hat“

          So offen waren nicht alle. Wie auch anderen Naturweinwinzerinnen und Naturweinwinzer schlug Pauline Baumberger Ablehnung aus den Reihen des traditionellen Weinbaus entgegen. Bei einer Jungweinprobe fielen Sätze wie: „So ist das, wenn eine Winzerstochter heimkommt, nichts gelernt hat und denkt, sie könnte eigenen Wein machen.“

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          Bei solcher Kritik hilft es, dass die Naturweinszene in Deutschland recht eng vernetzt ist, Baumberger mit anderen Winzerinnen und Winzer sowie Weinhändlerinnen und Weinhändlern in engem Austausch steht – und die neben ihrer Familie zu ihr und ihrer Vision standen: Ramona Winter zum Beispiel, die in Berlin gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten den Weinhandel „8 Green Bottles“ führt: „Pauline möchte ihre Weine zugänglich machen – auch für Personen außerhalb der gängigen Weinszene. Sie schrecken nicht ab, sie sind nicht kompliziert oder erfordern Vorwissen.“

          Und so stand Baumberger über der Kritik und zu ihren Weinen, die sie jetzt als „Glow Glow Wines“ vertreibt. Der Name bezieht sich auf den in der französischen „vins naturels“-Szene verbreiteten Begriff „glou-glou“. In schönster Onomatopoetik beschreibt er besonders „trinkige“ Weine, und, nun ja, „trinkig“ sind auch Baumbergers Weine, spritzig, frisch und so strahlend wie sie selbst, wenn sie über ihre Heimat spricht.

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