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Gin-Verkostung : „Es geht alles, solange es niemanden umbringt“

Expedition in Sachen Geschmack: Im venezolanischen Dschungel destilliert Lesley Gracie ihre unbekannten Pflanzen für eine Gin-Sonderedition. Bild: Hendrick's

Gin ist gerade sehr populär, ob mit Zitrone oder Gurke, Tonic oder Ginger Ale. Zuletzt hat der Wacholderschnaps eine regelrechte Geschmacksrevolution erlebt, sagt Hendrick’s-Brennmeisterin Lesley Gracie. Eine Verkostung.

          5 Min.

          Gin ist sehr britisch – tatsächlich aber eine holländische Erfindung.

          Peter Badenhop

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ja, der Genever ist der Ausgangspunkt gewesen. Aber dieser klare Schnaps hat üblicherweise nicht die Aromenvielfalt, für die Gin bekannt ist. Das liegt daran, dass Genever nur mit Wacholderbeere als Geschmacksträger gebrannt wird, während Gin viele weitere Zutaten haben kann.

          Die sogenannten Botanicals.

          Genau, verschiedene Kräuter, Gewürze und Pflanzenextrakte, die dem Gin seine Komplexität verleihen.

          Und wer ist auf die Idee gekommen, solche Dinge mit in die Brennblase zu tun?

          Das waren wir, die Briten. Und in Indien ist Gin dann populär geworden.

          In Indien?

          Ja, dort hat man während der Kolonialzeit zum Schutz vor Malaria viel chininhaltiges TonicWater getrunken und – weil es so bitter war – mit Gin gemixt. So ist Gin Tonic zu einem extrem beliebten Drink geworden.

          Können Sie sich an Ihren ersten Gin Tonic erinnern?

          O je! Das ist ewig her – der Herrgott war wohl noch ein Junge! Vielleicht war es ein Gordon’s oder ein White Satin, auf jeden Fall aber war es lange vor dem aktuellen Gin-Boom.

          Seit wann gibt es diesen Boom?

          Praktisch alle Spirituosen sind großen modischen Schwankungen unterworfen, und Gin ist so etwa vor zehn oder fünfzehn Jahren, rund um die Jahrtausendwende, plötzlich wieder populär geworden. Zunächst in England und Amerika und dann nach und nach im Rest der Welt. Derzeit trinken zum Beispiel die Spanier sehr viel Gin, genau wie die Deutschen.

          Und wer trinkt Gin? Frauen oder Männer?

          Beide. Es kommt ein bisschen darauf an, wie Sie Ihren Gin trinken. Als Gin Tonic ist er natürlich immer noch ein Klassiker, den in England Herren in Anzügen nach einem harten Tag in der Vorstandsetage schlürfen. Gin-Cocktails haben eher ein weibliches Publikum, aber die Grenzen sind längst fließend. Heutzutage ist Gin überall sehr beliebt, bei jungen Leuten genauso wie in der älteren Generation.

          Und was hat den Boom ausgelöst?

          In aller Bescheidenheit: Wir bei Hendrick’s sind wohl nicht ganz unschuldig daran gewesen. Wir haben uns mit unserem Gin, den wir 2000 auf den Markt gebracht haben, aus dem damaligen Mainstream herausbewegt, ein bisschen Aufregung in die Szene gebracht und gewissermaßen eine Welle der Innovation ausgelöst.

          Mal abgesehen von der Flasche, die mehr wie ein Gefäß aus der Apotheke aussieht: Was haben Sie denn so anders gemacht?

          William Grant&Sons, das Whisky-Haus, für das mein Kollege JohnRoss und ich tätig sind, wollte einen neuen Gin herausbringen, einen etwas stärkeren, komplexeren Tropfen im Vergleich zu den klassischen Marken, die alle sehr ähnlich schmeckten. Wir haben viel herumexperimentiert, alles Mögliche ausprobiert und am Ende einen Gin kreiert, der sich deutlich von den anderen unterschied – vor allem durch seine Rosen- und Gurkenaromen.

          Rosen und Gurken?

          Ja, probieren Sie mal.

          Pur?

          Ja, aber dann ist er sehr scharf in der Nase. Wenn Sie ein bisschen stilles Wasser hinzufügen, öffnet sich der Gin wie eine Blume.

          Hm, lassen Sie mal sehen. Oh ja! Das ist verblüffend.

          Deshalb verdünnen wir den Gin bei allen unseren Proben im Labor der Brennerei immer mit Wasser auf einen Alkoholgehalt von etwa 20Prozent. So riecht man viel deutlicher den Wacholder, die Zitrusaromen, die floralen Rosentöne und am Ende die Frische der Gurke. Im Mund kommen dann noch warme Gewürznoten hinzu.

          Das ist sehr stimmig. Aber wie sind Sie auf die Idee gekommen, ausgerechnet Gurken- und Rosen-Essenzen zu kombinieren?

          Wir hatten diese sehr britische Vorstellung von Leuten, die in ihrem Rosengärtchen einen Gin Tonic trinken und dazu Gurkensandwiches essen, und da haben wir gemerkt, wie gut diese Aromen zusammen und zum Gin passen. Entsprechend wird Hendrick’s auch nicht wie die meisten anderen Gins mit Zitrone, sondern mit einer Gurkenscheibe serviert.

          Lassen Sie uns kurz etwas zum Produktionsprozess sagen. Wie wird aus neutralem Getreidealkohol Gin?

          Wir haben zwei Brennblasen, in denen wir zwei unterschiedliche Destillate herstellen: In der einen werden die Botanicals mit dem Alkohol und Wasser gekocht, in der anderen werden sie in einer Art Korb in den Alkoholdampf gehängt und geben auf diese Weise ihre Aromen ab. Die beiden Destillate werden verschnitten, und erst dann geben wir die Gurken- und Rosenblatt-Essenzen hinzu, weil sie den Brennvorgang nicht überstehen würden.

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