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Gin : Der Geist in der Flasche

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Lange bevor sich Wacholder mit Alkohol zum Genussmittel vereinte, benutzte man dessen Beeren in verschiedenen Kulturen für medizinische und religiöse Anwendungen. Sogar zur Verhütung wurden sie empfohlen. Aus einem Benediktinerkloster in Salerno stammt der früheste Hinweis auf einen archetypischen Gin. Um 1055 schrieben dort die Mönche nieder, wie sie Wein mit Wacholderbeeren versetzten und daraus ein Tonikum destillierten.

Es war als Heilmittel gedacht und vereinte die arabische Alchemie mit der griechisch-römischen Medizin. Bis sich jedoch das Handwerk des Destillierens in Europa verbreitete und nicht mehr als schwarze Kunst angesehen wurde, sollte es einige Zeit dauern. Erst waren es vor allem Hebammen und weise Frauen, später die Apotheker und Ärzte des 16. Jahrhunderts, die sich an allerlei Kräuterextrakten versuchten.

Der flüssige Fluch

Schließlich soll ein Mediziner namens Sylvius de la Boë von der Universität in Leiden um 1572 den „Genever“ und damit den Proto-Gin erfunden haben, auf der Suche nach einer Arznei gegen Magen- und Nierenleiden. Ein gern zitierter Mythos, den Richard Barnett entkräftet, da seiner Ansicht nach zwei Personen in diesem Namen verschmelzen: der Apotheker Sylvius de Bouve und der aus Hanau stammende Mediziner François dele Boë. Barnett hält das Aufkommen des mit Wacholder aromatisierten Geistes eher für eine Tradition, die sich nach und nach entwickelt hat und nicht aus einem einzigen Moment der Inspiration heraus entstanden ist.

Ganz unabhängig davon, wie und wann erfunden, wurde Genever ein Erfolg. Erst in Holland, dann auch in England, wo man in Plymouth mit der Herstellung begann. Gewürze aus den Kolonien ergänzten die Rezepturen. Unter William III von Oranien auf dem englischen Thron trat 1690 ein Gesetz in Kraft, dass die Destillation förderte. Gin wurde erschwinglich, sogar billiger als Bier, und zunehmend ein Massengetränk. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sich das einstige Arzneimittel zum flüssigen Fluch, zur „liquid madness“ der armen Bevölkerung auf der Insel verwandelt.

Wegbereiter der amerikanischen Bar-Kultur

Als stark gesüßter Fusel zersetzte es Moral und Arbeitskraft, so dass man schließlich mit strengen Gesetzen und hohen Steuern versuchte, dem allgemeinen Rausch ein Ende zu setzen. Die Technik des 19. Jahrhunderts sorgte immerhin für bessere Destillate. „London Dry Gin“ verdrängte seine süßen Vorgänger des sogenannten „Old Tom“.

Gemischt mit Tonic Water oder Ingredienzien wie Wermut und den aromatischen Bittern, wurde der Gin auch zum Wegbereiter der amerikanischen Bar-Kultur. Damit ging es mal auf, mal ab. Die Prohibition brachte den „Badewannen“- Gin hervor, für den man Industriealkohol mit dubiosen Zutaten zu einem scharfen Getränk mischte. Anschließend kam die große Zeit der Partys und Martini-Dinners, die jedoch in den 1970er Jahren nur noch als dekadent empfunden wurde.

Gins erleben heute wieder eine Renaissance, die mit der Einführung des „Bombay Sapphire“ Ende der Achtziger eingeläutet wurde. Dessen leuchtend blaue Flasche gab das Startsignal für ein langsames Wiedererentdecken traditioneller Wurzeln. Noch einmal zwanzig Jahre später fing Alexander Stein an, den Monkey’s 47 zu komponieren. Über Monate hinweg setzte er immer neue Proben an, mazerierte, destillierte und saß auch mal mit der Kräutermühle im Büro.

Ein Jahr habe er an seinem Grundrezept getüftelt

Zu dieser Zeit hatte Severin Simon bereits seinen ersten Gin abgefüllt. Ein Jahr habe er an seinem Grundrezept getüftelt, erzählt der 37-Jährige: „Überall in der Küche standen Gläser mit hundert Millilitern Alkohol rum.“ Darin schwammen verschiedenste Zutaten in unterschiedlichen Mengen. Zu entscheiden war nicht nur, wie viel Gramm von jedem der sogenannten Botanicals benötigt würden, sondern außerdem, ob frisch oder getrocknet, ganz oder gemahlen.

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