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Weingut Karl Haidle : Der Sprengmeister von der Y-Burg

Guter Schutzgeist: Die Ruine der Y-Burg bewacht den Stettener Pulvermächer, eine der berühmtesten Weinbergslagen Württembergs. Bild: Weingut Karl Haidle

Das Remstal hat sich, fast klammheimlich, in das gelobte Land des württembergischen Weinbaus verwandelt. Das ist Winzerfamilien wie den Haidles aus Stetten zu verdanken. Die Kolumne Geschmackssache.

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          Also sprach der König Salomon des Remstals ein weises Urteil, um sein Reich zu retten: Ein Jahr lang sollte sein einziger Sohn in jenen beiden Welten Erfahrung sammeln, zwischen denen er sich für sein künftiges Leben entscheiden musste, um danach die richtige Wahl zu treffen. Und so absolvierte Moritz Haidle, Sohn des Hans Haidle, erst Praktika in der Welt der Kunst und des Designs und anschließend in jener des Weins. Und siehe da, die Waage sollte sich zum Wein neigen, obwohl der Sohn ursprünglich nichts mit den Reben zu tun haben wollte und viel lieber Autos entworfen hätte. So aber führt er seit sieben Jahren das Familienweingut Karl Haidle im Remstal, das andernfalls mangels Thronfolger hätte verkauft werden müssen, und weiß, dass die Weisheit gesiegt hat.

          Jakob Strobel y Serra
          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Die Rems ist nicht der Jordan, Württemberg nicht Judäa, und das örtliche Jerusalem heißt Stuttgart. Doch König Salomons Geist weht auch im Speckgürtel der schwäbischen Hauptstadt, obwohl das Remstal kaum Platz für biblisches Idyll bietet, weil es flächendeckend von Schnellstraßen zerschnitten, Mittelstandsweltmarktführern zerfasert und wahr gewordenen Häuslebauerträumen zersiedelt ist. Hier, im Dorf Stetten, wurde Moritz Haidle 1987 geboren, und hier schaffte er sein Abitur nur dank einer Eins im Kunst-Leistungskurs, denn durch alle anderen Fächern war er notorisch versetzungsgefährdet.

          Die dritte Generation: Moritz Haidle führt heute das Weingut seiner Familie.
          Die dritte Generation: Moritz Haidle führt heute das Weingut seiner Familie. : Bild: Weingut Karl Haidle

          Das Malen und Zeichnen lag ihm sehr, die Arbeit in Wingert und Keller ganz und gar nicht, doch seine allergrößte Leidenschaft war der Hiphop. Er brachte es zu beträchtlicher Meisterschaft in drei der vier Hauptdisziplinen dieser Getto-Musik – Rappen, DJ, Graffiti –, nur für Breakdance fehlten ihm die Gene seines Großvaters, der um ein Haar als Turner an den Olympischen Spielen 1936 in Berlin teilgenommen hätte und nur durch ein gebrochenes Bein daran gehindert wurde. „Ich kann keinen Purzelbaum machen, ohne mir das Genick zu brechen“, sagt Haidle, der Lippen-, Nasen- und Ohrring trägt und damit auch in den Problemvierteln von Los Angeles eine gute Figur machen würde.

          Erweckungserlebnis in Franken

          Während seines Praktikumsjahres landete der Winzersohn eines Tages bei Paul Fürst in Franken, dessen Außenbetriebsleiter gleichfalls Hiphop-Fan war. Dort begriff er, dass Winzer nicht nur einfache Weinbauern sein müssen, und auch sonst lernte er in Franken die schöne, große, weite Welt des Weins kennen, die nichts mit württembergischen Kleingeistigkeiten zu tun hatte. Ein Aufenthalt auf einem sehr lässigen Gut in Australien schloss sich an und ließ das Pendel endgültig zugunsten der Reben ausschlagen. Haidle machte eine Lehre beim Spitzenwinzer Thomas Seeger an der badischen Bergstraße, der im Gegensatz zu den Weinbauern Württembergs nicht nur den Trecker im Sinn hat, sondern in seiner Freizeit Harley-Davidsons zusammenschraubt. Die Entscheidung für das Studium an der Hochschule Geisenheim war dann nur noch eine Formalität, und nach kurzen kalifornischen und burgundischen Exkursen übernahm er 2014 den väterlichen Betrieb.

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