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Nach der Flut an der Ahr : Neuer Wein

Nur nicht zurückblicken auf die Katastrophe im Ahrtal, die auch Heppingen traf: Die Helfer des Weinguts J. J. Adeneuer sind ganz bei der Lese. Bild: Michael Braunschädel

Die Flut im Sommer hat die Winzer an der Ahr schwer getroffen. War die Katastrophe für einige auch ein Wink des Schicksals?

          10 Min.

          Stau, wie üblich am Kreisel an der Ortseinfahrt von Ahrweiler. Aber wenigstens kein brauner Staub mehr über dem Flusstal wie noch im Juli. Der Schlamm, den die Ahr, die zu einem reißenden Strom geworden war, binnen weniger Stunden im ganzen Tal in den meterhoch überfluteten Straßen und Häusern hinterlassen hatte – verschwunden. Die schweren Muldenkipper, die sich ins enge Tal wälzten und sich mit Schutt und Unrat wieder hinausquälten – verschwunden. Die Jungen und die Alten, die sich mit Schaufeln und Gummistiefeln an der Tankstelle im Kreisel trafen und mit dem Helferbus zu den Hilfsbedürftigen fuhren – auch nicht mehr da. Geblieben ist nur der Stau von Ahrweiler.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Doch der Anschein von Normalität hält nicht lange. An einer Seitenstraße glotzen Häuserreihen den Betrachter aus dunklen Fensterhöhlen an. Wo mögen all die Kinder sein, die morgens in den Kindergarten der katholischen Kirchengemeinde St. Pius gingen und nachmittags die Straßen bevölkerten? Wo ihre Eltern oder Großeltern, wenn sie sich nicht in das Dachgeschoss ihres Hauses hatten retten können? Erst im Oktober wurde der Leichnam einer 60 Jahre alten Frau identifiziert, die sich nicht mehr hatte in Sicherheit bringen können – in Rotterdam. Es gibt kaum jemanden an der Ahr, der nicht den Namen einer der 134 Personen kennt, die das Unheil nicht überlebt haben. Marc Adeneuer weiß, wer die Dame war: die Schwägerin eines Freundes. Die Erinnerung an die Nacht auf den 16. Juli holt ihn, wie alle anderen, die geblieben sind, immer wieder ein. „Hier gibt es ganz viele, die Hilfe brauchten“, sagt der Winzer aus Ahrweiler. Manche hätten sich psychisch bis zur Unkenntlichkeit verändert. Und doch muss das Leben weitergehen.

          Nicht nur von Flutwellen heimgesucht

          Eine ganz besondere Weinlese: Nach der Flut im Ahrtal ist man gespannt, wie dieser Jahrgang wohl schmecken wird.
          Eine ganz besondere Weinlese: Nach der Flut im Ahrtal ist man gespannt, wie dieser Jahrgang wohl schmecken wird. : Bild: Michael Braunschädel

          Acht Familien leben von und mit seinem Weingut. Das Leben von und mit dem Wein an der Ahr ist alles andere als romantisch. Schon seine Vorfahren wussten es. Die Steil- und Terrassenhänge, für die Touristen zu jeder Jahreszeit ein faszinierendes Ensemble von Reben und Stein, fordern den Weinbauern seit jeher Knochenarbeit ab. Im Extremfall heißt das, immer wieder schmalste Terrassen zu erklimmen, jede Rebe von Hand zu bearbeiten, immer in der Hoffnung, dass ein guter Herbst die Mühen belohnt. Das kollektive Gedächtnis prägen vor allem die guten Jahrgänge. Mögen die Winzer auch in den Dörfern und Städten im Tal leben, so ist ihr Schicksal auf Gedeih und Verderb nicht mit dem Fluss verknüpft, sondern mit dem, was sie den aus Schiefer und Grauwacke bestehenden Felsformationen Jahr um Jahr abringen.

          Diese Aufgabe verlangt ihnen bis heute alles ab. Anders wäre es nicht zu erklären, dass das Ahrtal im 19. Jahrhundert mehrfach nicht von Flut-, sondern von Auswanderungswellen heimgesucht wurde. Die weit verstreuten, durch Realteilung immer kleiner werdenden Parzellen warfen einfach nicht genug ab, um eine Familie zu ernähren. Ende des 19. Jahrhunderts türmte sich Krise auf Krise. Hier die Abwanderung aus dem engen Tal in die rheinischen Industrieregionen, dort der echte und der falsche Mehltau, zwei aus Nordamerika eingeschleppte pflanzliche Schädlinge, denen die in Europa beheimatete Edle Weinrebe bis heute nichts entgegenzusetzen hat. Mochte es an der Ahr schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts Winzergenossenschaften gegeben haben, so konnten auch sie in den vielen Jahren nichts mehr ausrichten, in denen es genügend Winzer gab, aber kaum Wein.

          Dann ist da noch die Geschichte mit dem Rotwein. Die Ahrwinzer mit der auf wenige hundert Hektar begrenzten Rebfläche waren immer schon gut damit beraten, es nicht mit den Weißweinen von Rhein und Mosel aufnehmen zu wollen. Andererseits waren die Bedingungen für Rotweine an der Ahr lange nicht die besten. Der im 19. Jahrhundert verbreitete Name „Ahrbleichert“ sprach für sich – und nicht gerade für Qualität. Die Zustände besserten sich, als die Eisenbahn und das Weingesetz es möglich machten, die anämischen Ahrweine mit feurigen und alkoholischen Weinen aus Spanien, Frankreich oder Algerien zu verschneiden, ohne dies deklarieren zu müssen. Damit war 1930 Schluss.

          Nicht so wie früher!

          Hellsichtige Winzer hatten damals längst auf die anspruchsvollste rote Rebsorte gesetzt, die es in nördlichen Breiten gibt: Spätburgunder. Doch auch darauf lag lange Zeit kein Segen. Kaum standen die Reben einige Jahre im Ertrag, begannen die Stöcke auf unerklärliche Weise zu kümmern. Aus den gewöhnlichen Umtriebszeiten im Weinbau von 30 Jahren und mehr wurden an der Ahr 20, wenn es hochkam. Dann lieber auf die einfacher zu pflegende Rebsorte Portugieser setzen, mochte sie auch banalere Weine ergeben als der kapriziöse Spätburgunder, von dem noch heikleren Frühburgunder gar nicht zu reden. Außerdem konnte man dem Portugieser leicht aufhelfen: mit ein wenig zugesetzter Süßreserve, natürlich alles weingesetzkonform – fertig war der „halbtrockene“ Ahrweintourismus der alten Bundesrepublik.Was den einen der Sangria am Ballermann, war den anderen der halbtrockene Portugieser-Schoppenwein am Eichentisch unter Jagdtrophäen und Winzersprüchen.

          Nicht nur bei der Weinlese war jede helfende Hand willkommen. Nach der Flut kamen Winzer aus allen Weinbaugebieten Deutschlands um mit anzupacken.
          Nicht nur bei der Weinlese war jede helfende Hand willkommen. Nach der Flut kamen Winzer aus allen Weinbaugebieten Deutschlands um mit anzupacken. : Bild: Michael Braunschädel

          Vieles davon ist schon länger Geschichte als die Flut. Doch gastronomisch ist die Ahr bis auf wenige Ausnahmen noch immer keine Reise wert. Dass alles „so wie früher“ werden soll, wie oft zu hören ist, klingt nicht wie eine Verheißung. Dasselbe gilt für die Neubepflanzung verwüsteter Rebflächen in unmittelbarer Nähe des Flusses. Während die Wassermassen oft nicht den Fuß der Steilhänge und Terrassenweinberge erreichten, hatten die Reben in den Flachlagen den Fluten mitsamt dem Treibgut aus entwurzelten Bäumen, Dachbalken, Gastanks und Containern nichts entgegenzusetzen. Ein Wink des Schicksals? Adeneuer jedenfalls wünscht sich manche alten Zeiten nicht zurück, weder im Tourismus noch im Weinbau. „Wenn man nach dem Weinfest mit dem Radlader die Scherben wegfahren muss, stimmt etwas nicht“, sagt der Winzer.

          Fast wie eine Fata Morgana

          Der Mann hat gut reden. 1984 hatte er zusammen mit seinem Bruder das hochverschuldete väterliche Weingut übernommen. Seit vielen Jahren aber schon zählen seine Weine zu den besten, die an der Ahr erzeugt werden. Nicht einmal die Flut kann diesen Lauf aufhalten. Im Gegenteil: Noch nie war Ahrwein auf der ganzen Welt so sehr in aller Munde wie nach der Flutkatastrophe. Freilich erst einmal nur virtuell. Bis die Spitzenweine des Jahrgangs 2021 auf den Markt kommen, werden Jahre vergehen. Zwar standen Ende Juli Fasskeller, Flaschenlager, Packraum, Kelterhalle und alle anderen Räume auch im Weingut Adeneuer mindestens hüfthoch unter Wasser. Gleichzeitig litten die Reben in den Weinbergen so stark wie selten unter dem Befall mit dem falschen Mehltau (Peronospora). Fast wären er und viele Kollegen die Sorgen losgeworden, wie sie die 2021er Ernte überhaupt hätten ein- und unterbringen können.

          Doch drei Monate später wirkt die Flut fast wie eine Fata Morgana, wären da nicht die vielen Räume im Parterre, in denen der Putz abgeschlagen ist und das Brummen der Bautrockner alle anderen Geräusche übertönt. Denn die Gitterboxen, mit denen Kollegen aus ganz Deutschland fast über Nacht zur Stelle waren, stehen mittlerweile prall gefüllt auf den Positionen im Weinlager, auf denen immer schon Gitterboxen standen. Auch die geliehene Kelter hat längst ihren Dienst verrichtet. Dank Spritzhubschaubern und zahllosen Freiwilligen bei der Traubenlese konnte das Schlimmste verhindert werden. Doch der Mostertrag lag wieder einmal klar unter dem langjährigen Durchschnitt – und fand so nach dem Ende der Maischestandzeit mühelos seinen Weg in einen Fasskeller, der nicht mehr wiederzuerkennen ist.

          Dörte Näkel (r.) und ihre Schwester Meike vom Weingut Meyer-Näkel in Dernau an der Ahr haben noch mit den Folgen der Flut zu kämpfen.
          Dörte Näkel (r.) und ihre Schwester Meike vom Weingut Meyer-Näkel in Dernau an der Ahr haben noch mit den Folgen der Flut zu kämpfen. : Bild: Daniel Deckers

          Wo bis Juli alte Fuderfässer und mehrere Dutzend Barriques in Reih und Glied standen, glänzen heute vor sandgestrahlten Wänden neue Fuder aus bester französischer Eiche und gebrauchte Barriques. „Alle Fässer sind voll“, sagt Adeneuer. „Wir sollten ganz still sein.“ Solida(h)rität vieler Kollegen aus Deutschland und Geld aus der Elementarversicherung, die viele Weinbaubetriebe abgeschlossen haben, machten das Wunder möglich. Und nicht nur das: Zwar kommen die Spitzenweine des Flut- Jahrgangs aus der Walporzheimer Gärkammer oder der Alten Lay erst 2023 in den Verkauf. Bis dahin aber kann Adeneuer von dem Vorrat an Flaschenweinen zehren, die Helfer in den beiden ersten Wochen nach der Flut aus dem Modder zogen. Die Etiketten sind durch die Einwirkung des Wassers verblasst, manche gerissen. Aber offenkundig haben weder die Weine in Flaschen mit Kork- noch die in Flaschen mit Schraubverschluss sensorisch Schaden genommen.

          Pinot mit Zukunft

          Spät- und Frühburgunder aus den Spitzenbetrieben der Ahr können es längst nicht nur mit allen anderen deutschen Rotweinen aufnehmen. Sie müssen sich auch vor kaum einem Wein aus dem Mutterland der Burgunderreben verstecken. Im Gegenteil: Weil die Grands und Premiers Crus von der Côte d’Or erst nach vielen Jahren Flaschenreife annähernd trinkreif sind und Weine aus der Bourgogne mittlerweile auch zu Anlageobjekten geworden sind, kann man den preislich nach wie vor moderaten, aber qualitativ herausragenden deutschen Spätburgundern in der Weinwelt eine große Zukunft vorhersagen.

          Dörte und Meike Näkel muss man das nicht sagen. Die beiden Schwestern aus Dernau, flussaufwärts von Ahrweiler, führen ein Weingut, das schon unter ihrem Vater Werner in die Spitzengruppe der Pinot-Erzeuger aufgestiegen ist. Als der Sport- und Mathematiklehrer 1982 seinen erlernten Beruf mit dem des Winzers vertauschte, fand er eine gut gehende elterliche Gastwirtschaft und 1,2 Hektar Rebfläche vor – allerdings über Dutzende Parzellen verstreut. Aber Werner Näkel wollte nicht einfach nur davon leben. Und er wollte nicht mit ansehen, wie die Rebfläche im Ahrtal wegen der arbeitsund kostenintensiven Bewirtschaftung immer weiter zurückging: 1973 war die Rebfläche gegenüber 1960 von 545 auf 483 Hektar geschrumpft, nur ein Viertel der Berge war noch mit Spätburgunder bestockt.

          Als im Zuge der Flurbereinigung große Flächen auf den Markt kamen und mit Spätburgunder bepflanzt werden sollten, fackelte Näkel nicht lange. Statt auf schlichten Ahrwein setzte er auf Pinot, wie er ihn in Burgund kennengelernt hatte. Dafür brauchte es anderes Pflanzmaterial als die auf hohe Erträge hin gezüchteten Pinot-Klone. Und die Kellerbehandlung der Weine musste vollkommen umgestellt werden. Lange Maischestandzeit, biologischer Säureabbau durch malolaktische Gärung, Ausbau in kleinen Barriques – Werner Näkel hatte sich in Burgund gut umgesehen.

          Am Ende schwammen sie um ihr Leben

          In den Achtzigerjahren war dieses Wissen in Deutschland noch nicht verbreitet. Wegen der „Fremdtöne“, die beim Ausbau in kleinen Holzfässern in den Wein übergingen, musste man Ärger mit der Weinkontrolle befürchten. Werner Näkel scherte das alles nicht. Als 1991 die dritte Auflage des von Hugh Johnson erarbeiteten „Atlas der deutschen Weine“ erschien, war über das Weingut Meyer-Näkel zu lesen, es sei mit trockenen Rotweinen „zu Ruhm gelangt“. Tatsächlich rissen ihm nicht nur Weinliebhaber die Spätburgunder aus den Händen. Seine Rotweine waren auch unter den ersten, die in der deutschen Spitzengastronomie auf die von französischen Crus dominierten Weinkarten genommen wurden. Allerdings wäre es um die dritte Winzergeneration um ein Haar geschehen gewesen.

          Als am Abend des 15. Juli im Dorf die ersten harmlos klingenden Warnungen zu hören gewesen waren, machten sich Dörte und Meike Näkel auf den Weg in die etwas außerhalb des Dorfkerns gelegene Produktionshalle. Die Schwestern, die den Betrieb seit Jahren führen, wollten sichern, was zu sichern war: den gesamten Jahrgang 2020 aus Spitzenlagen wie dem Walporzheimer Kräuterberg oder dem Dernauer Pfarrwingert. Auch sie konnten nicht ahnen, mit welcher Urgewalt der Fluss, der von der Halle nur durch den Bahndamm getrennt war, alles mit sich reißen würde, was sich ihm in den Weg stellte. Warnungen, die sie hätten davon abhalten können, nach den Barriques zu sehen, gab es keine. Am Ende stand das Wasser meterhoch in der Halle, und die Schwestern schwammen um ihr Leben. Mehrere Stunden später holte die Feuerwehr sie ins Leben zurück. Die Krone eines Baums, den die Wassermassen wie durch ein Wunder unversehrt gelassen hatten, bewahrte sie vor einem Schicksal wie dem der Frau aus Ahrweiler, die erst die Ahr und dann den Rhein hinabgeschwemmt wurde.

          Es muss weitergehen: Marc Adeneuer (r.) erklärt den Erntehelfern bei der Lese in der Lage Heimersheimer Burggarten Ende September, was nun zu tun ist.
          Es muss weitergehen: Marc Adeneuer (r.) erklärt den Erntehelfern bei der Lese in der Lage Heimersheimer Burggarten Ende September, was nun zu tun ist. : Bild: Michael Braunschädel

          „Kommen Sie zu der Produktionshalle“, so hatte Dörte Näkel geschrieben und eine Adresse am Ortsausgang von Dernau Richtung Mayschoss angegeben. Doch das Navigationsgerät kennt die Adresse nicht und will auch nicht auf dem gewöhnlichen Weg in das Engtal des Flusses oberhalb von Ahrweiler. Dabei ist die Straße längst wieder befahrbar, wenn auch nur für Anlieger und im Wechselverkehr. Die große Produktionshalle aus den Neunzigerjahren, in der der gesamte Jahrgang 2020 in temperaturkontrollierten Kammern lagerte, hat dank massiver Stahlträger zumindest äußerlich den Wassermassen standgehalten. Aber auch sie weist so viele Schäden auf, dass sie dereinst von Grund auf saniert werden muss.

          Alle kamen zur Hilfe

          Und nicht nur sie. Wo einst rechts der Straße Reben standen, ist nun eine gähnend leere Freifläche. Auf den Grundstücken links der Straße bis hin zu dem kaum erkennbaren Bahndamm sammelte sich seit den Tagen der Flut der Müll eines ganzen Dorfs. Vieles davon ist inzwischen abtransportiert worden. Doch was die einen erleichterte, wurde für andere zum Albtraum. Wie nämlich die Trauben während der Lese auf die Kelter bringen, wenn sich binnen weniger Minuten alles mit feinem Staub überzieht? Die beiden Frauen fanden auch dafür eine Lösung, wie für das meiste, was es zu tun gab, um den Jahrgang 2021 einzubringen.

          „Das Allerwichtigste war der Herbst“, sagt Dörte Näkel. Sie waren nicht allein. Die Hilfe, die ihnen von Kollegen und Unternehmen angeboten wurde, war so überwältigend, dass die Schwestern keine Namen nennen wollen, um niemandem durch Verschweigen Unrecht zu tun. Die Bilder sprechen für sich: Weingut, Vinothek, Schatzkammer – „im Dorf ist alles weg“, sagt Meike Näkel. Auch in der Halle war nach der Flut nichts mehr so wie zuvor. Gewaltige Baumstämme lagen wie Zahnstocher übereinander, die Seitenwände von scharfkantigen Containern waren wie mit einem Büchsenöffner aufgeschlitzt. Und heute? Schotterparkplatz, Staubschutztore, Containeranbauten für Büros und Mitarbeiter, provisorische Wasser- und Stromleitungen, eine geliehene Traubenmühle, die Ende Oktober zur Ruhe kam, Edelstahltanks mit Rührwerken, sorgfältig gestapelte Barriques – und die beiden Schwestern mittendrin.

          „Geschichten, die man noch nach Jahrzehnten erzählen wird“

          „Wir sind doch Rheinländerinnen“, sagen sie lachend und erzählen von ihrem Leben, als wäre es eines nach dem Tod. Etwa von ihren Mitarbeitern aus den Orten ringsum. Fast alle waren auf die eine oder andere Weise von der Flut betroffen. „Die sind alle gekommen und wollten die Ernte retten“, sagen die Schwestern dankbar. Oder von den Winzerkollegen, die von der Saar, aus Franken oder aus Baden vorbeikamen, um Flaschen zu bergen oder die Halle zu kärchern. „Manche haben sich gefreut, wenn sie in der Schatzkammer ihre eigenen Flaschen erkannt haben“, sagt Meike Näkel und lacht. „Das sind Geschichten, die man sich noch nach Jahrzehnten erzählen wird.“ Auch die von den alleinstehenden Frauen im Dorf, in dem fast kein Haus die Flutnacht unbeschädigt überstanden hat. Einige von ihnen wohnen mittlerweile zusammen unter einem Dach.

          Ende Juli waren auch im Weingut Adeneuer viele Räume und Fässer komplett verschlammt.
          Ende Juli waren auch im Weingut Adeneuer viele Räume und Fässer komplett verschlammt. : Bild: Michael Braunschädel

          Wie aber werden wohl Weine des Jahrgangs 2021 schmecken? „Andere Pressen, andere Barriques, die Stilistik wird sicher eine andere sein, aber keine schlechtere“, da ist sich Dörte Näkel sicher. Und wie erst wird der 2020er Wein aus den acht Fässern schmecken, die die Flutnacht überstanden und irgendwo angespült wurden? „Wir hatten nur zwei Möglichkeiten. Entweder man schmeißt hin, oder man macht weiter. Aber dann muss man es auch mit Optimismus machen“, sagt Meike Näkel und schaut zu ihrer Schwester. Fünf Kinder haben die beiden Frauen zur Welt gebracht. „Wenn man nur den ganzen Tag zu Hause sitzt, die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und darüber klagt, wie schlimm alles ist, dann finden auch die Kinder alles schlimm. Aber so, wie wir das machen, ist das für sie der Alltag. Man muss es nur vorleben.“

          Der Blick aus dem Containerbüro, in dem leere Weinflaschen im Dutzend wie zu einer Parade aufgestellt sind, fällt auf einen Weinberg auf der anderen Seite des Flusses. Die hohen Bäume, die bis zum Sommer die Sicht verdeckten, hat die Flut mit sich gerissen. Nicht, dass in diesen nach Norden gelegenen Parzellen große Weine entstehen könnten. Aber sobald der Blick seitwärts in die Höhe schweift, zeigt sich ein sonnenbeschienenes Rebentheater, wie es farbenfroher nicht sein könnte. Hier, einst als Nordkap des deutschen Weinbaus verspottet, haben Winzer innerhalb einer Generation gelernt, Wasser in Wein zu verwandeln. Und welchen Wein: „Seine beste Art hält zwischen der würzigen Lieblichkeit des Médoc und der zudringlichen Stärke des Burgunders eine glückliche Mitte“, befand der nicht gerade für Frankophilie bekannte Bonner Geschichtsprofessor Ernst Moritz Arndt im Jahr 1846. Würde er heute ins Ahrtal zurückkehren, er sähe die kühnsten Hoffnungen erfüllt.

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