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Koscher vom Staatsweingut : Wenn der Rabbiner über die Weinproduktion wacht

Am Weinberg: CDU-Politiker Manuel Hagel (von links nach rechts), Simon Bachmann vom Staatsweingut, Rabbiner Yehuda Pushkin, und Minister Peter Hauk (CDU) stellen das Projekt und die schon entworfenen Etiketten vor. Foto dpa Bild: dpa

In Baden-Württemberg findet der Kampf gegen den Antisemitismus jetzt auch im Weinberg statt: Das Staatsweingut produziert künftig koscheren Wein – unter den strengen Augen eines Rabbiners.

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          Den Namen für den koscheren Wein gibt es schon, auch die Etiketten sind entworfen. Der Aufkleber für den koscheren Riesling ist salbeifarben, der für den koscheren Lemberger in hellem Ziegelrot gehalten. „LeChaim“ soll der Wein heißen, das ist Hebräisch und heißt: „Auf das Leben“. Bis die ersten Flaschen die Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau in Weinsberg (LVWO) verlassen und mit dem Wein angestoßen wird, dürften noch drei Jahre vergehen. Die koschere Lebensmittelproduktion ist kompliziert und erfordert viel Wissen, mehr Personal und gründliches Arbeiten. In geringen Mengen wird koscherer Wein in Rheinhessen, im Rheingau und in der Region Mosel-Saar produziert. In den Weinbauregionen Baden und Württemberg war das bislang nicht der Fall.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Auf Initiative des CDU-Fraktionsvorsitzenden Manuel Hagel und des CDU-Landtagsabgeordneten Christian Gehring startet das Staatsweingut ein auf drei Jahre angelegtes Projekt für 20.000 Euro. Hagel engagiert sich seit Jahren für den Kampf gegen Antisemitismus und für die Pflege der jüdischen Kultur in Deutschland, damit will er auch das Geschichtsbewusstsein seiner Partei stärken – auch zur bewussten Abgrenzung von revisionistischen, rechtsextremistischen sowie rechtspopulistischen Positionen, die in der Gesellschaft seit Jahren mehr Zuspruch bekommen. „Mit dem Projekt ermöglichen wir, dass sich Menschen jüdischen Glaubens auch mit dem Kulturgut Wein aus Baden-Württemberg identifizieren können“, sagt Landwirtschaft- und Weinbauminister Peter Hauk (CDU).

          Überwacht von einem qualifizierten Rabbinat

          Die Produktionsvorschriften zum Anbau und Ausbau koscheren Weins sind strikt: Vom Anbau über die Lese der Trauben bis zur Abfüllung und zum Verschließen der Flaschen muss die komplette Weinherstellung von einem qualifizierten Rabbinat überwacht werden; an Weinherstellung können sich nur männliche Juden beteiligen, die den Schabbat ehren und einhalten. Für alle Arbeitsgänge gelten die Gebote des jüdischen Religionsgesetzes – der Halacha. Nach dem Abfüllen der Flaschen prüft der Rabbi, ob alle Vorschriften eingehalten wurden, erst dann unterschreibt er das Kashrut-Zertifikat und weist den Wein als ein koscheres Produkt aus. Zugelassen sind nur mindestens vier Jahre alte Rebstöcke, sie dürfen nicht in direkter Nachbarschaft von Obst oder Gemüse angebaut werden, zwei Monate vor der Weinlese dürfen keine mineralischen Dünger mehr auf die Rebflächen ausgebracht werden.

          Im Sabbatjahr dürfen keine Trauben geerntet werden, alle Gerätschaften im Keller und für die Ernte müssen unter Aufsicht eines Rabbiners gesäubert werden. Bei der Vinifikation sind nur Wildhefen zugelassen. Außerdem darf der Wein nur mit Papierfiltern filtriert werden. Die Vorschriften sind so streng, dass der koschere Wein problemlos als veganes und vegetarisches Produkt verkauft werden kann. Nach jüdischem Religionsgesetz muss ein Prozent des produzierten Weines an Arme abgegeben werden. „Es werden viele Helfer aus der jüdischen Gemeinde hinzukommen, die eine Aufwandsentschädigung bekommen. Ich sehe es nicht als Projekt, es kann auch Teil der Ausbildung werden“, sagt Simon Bachmann, Kellereichef in Weinsberg.

          Wenn 2023 die ersten Flaschen abgefüllt werden, dann soll der Großteil in Baden-Württemberg verkauft werden. Das Staatsweingut will im nächsten Jahr etwa 4000 Flaschen Riesling und 3500 Lemberger abfüllen, die Flasche soll etwa zehn Euro kosten. Der Stuttgarter Rabbiner Yehuda Pushkin sagte bei der Vorstellung des Projekts: „Wir wollen den koscheren Wein aus Deutschland haben, aus unserem Land.“

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