https://www.faz.net/aktuell/stil/essen-trinken/getraenke/italienisches-ritual-warum-man-kaffee-im-stehen-trinken-sollte-18219122.html

Der Kaffee meines Lebens : Warum man seinen Kaffee im Stehen trinken sollte

Frauen am Tresen einer italienischen Bar begrüßen sich. Bild: Picture Alliance

In Italien ist es üblich, seinen Espresso schnell am Tresen zu trinken. Das hat nichts damit zu tun, dass es günstiger ist. Sondern oft viel schöner.

          3 Min.

          Der Kaffee ist in Italien mitunter eine flotte Angelegenheit. 25 Sekunden brauchen die neusten Maschinen für einen Espresso, was bedeutet, dass man ungefähr 40 Sekunden nach der Bestellung in einer italienischen Bar eine Tasse vor sich stehen hat. „Caffè al banco“ nennt sich ein Espresso, den man – schnell schnell! – im Stehen an der Theke trinkt. Für die immense Bedeutung, die dieses Ritual hat, ist es erstaunlich kurz.

          Anna Vollmer
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Kaum vorstellbar, dass es irgendwo einen italienischen Ort – und sei er auch noch so klein – ohne Bar gibt. Die können untereinander verschieden sein, doch ihre Geräusche sind immer gleich: Das Zischen der Espressomaschine, das Klappern der Untertassen auf dem Tresen. Ich könnte Stunden in diesen Bars verbringen: Das Geschick bewundern, mit dem jeder Zuruf in Windeseile bearbeitet wird. Den Gästen dabei zusehen, wie sie sich grüßen, miteinander plauschen – oder in Ruhe gelassen werden wollen. Oft, besonders am Morgen und nach dem Mittagessen, wenn jeder einen Kaffee braucht, ist ein Barbesuch ein Spektakel.

          Ein soziales Ritual

          Sprechen Deutsche über Kaffee in Italien, geht es oft darum, dass er billig ist. Ein Cappuccino für nur einen Euro! Das stimmt natürlich – und es ist großartig. Doch die Kosten sind nicht der entscheidende Punkt. Man sollte den Kaffee nicht an der Bar trinken, weil er dort günstiger ist als am Tisch. Sondern weil es ein anderes Erlebnis ist. Ein soziales Ritual, bei dem die unterschiedlichsten Menschen auf engstem Raum aufeinandertreffen. Es muss also billig sein, damit es allen (am besten mehrmals am Tag) zugänglich ist. Deshalb gibt es in Neapel den sogenannten „caffè sospeso“. Wer ein paar Euro mehr dabei hat, kann einen Kaffee für denjenigen zahlen, dessen Geldbeutel leer ist. Man lässt einfach eine Münze mehr da – und wird nie erfahren, wer einmal davon profitiert.

          „Il caffè si offre“, erklärte mir einmal ein Kollege aus Rom, „den Kaffee gibt man aus“ – mal zahlt der eine, mal der andere. Die gemeinsamen Kaffeepausen gehörten zum Büroalltag dazu: Am Nachmittag ging die ganze (zugegebenermaßen kleine) Belegschaft des Verlags auf die andere Straßenseite, um einen Kaffee zu trinken. Der Barmann kannte alle und wusste längst, wer seinen Kaffee wie trank.

          Gerne wird sich über hippe Cafés lustig gemacht, bei denen man fünf verschiedene Entscheidungen treffen muss, um an eine Tasse Kaffee zu kommen (den Protagonisten in Jan-Ole Gersters Film „Oh Boy“ treibt das fast in die Verzweiflung.) Doch auch bei der Bestellung eines scheinbar simplen Espressos kann man seiner Schrulligkeit mitunter freien Lauf lassen: Da gibt es zum Beispiel diejenigen, die ihren Kurzen partout nicht aus der Tasse, sondern „al vetro“, im Glas, trinken wollen, weil das geschmacklich angeblich einen immensen Unterschied macht. Und überhaupt bietet eine sehr kleine Tasse mehr Varianten als man denkt: Macchiato caldo (mit einem Schuss heißer Milch), macchiato freddo (mit einem Schuss kalter), decaf (ohne Koffein) und im Sommer, im Süden, caffè in ghiaccio (auf Eis) – am besten mit Mandelmilch.

          Heiß muss er sein!

          Der Klassiker, der Espresso, genannt „caffè“, ist hingegen einfach. Im Grunde hat er nur zwei entscheidende Eigenschaften: Er muss heiß und „corto“ sein, das heißt stärker und mit weniger Flüssigkeit als bei uns. Eine Italienerin, die schon lange in Deutschland lebt, sagte mir einmal, die deutsche Antwort auf ihre Bitte, den Espresso „sehr heiß“ zu servieren, stelle sie nie zufrieden: Er sei eben so heiß, „wie die Maschine ihn macht“, bekomme sie immer wieder zu hören. Dabei sei sie überzeugt, dass der Kaffee in Italien heißer ist.

          Ein Barista des Caffe Gilli in Florenz.
          Ein Barista des Caffe Gilli in Florenz. : Bild: Picture Alliance

          Einmal bestellten eine holländische Freundin und ich in Rom einen Espresso. Meine Freundin ging auf die Toilette. Während ihrer Abwesenheit hatte der Barmann ihren Kaffee wutschnaubend weggeschüttet und knallte ihr, als sie wieder da war, kommentarlos einen neuen vor die Nase. Eine solche Kulturlosigkeit, den Kaffee auch nur eine Minute abkühlen zu lassen, konnte er nicht ertragen. Auch das ist ein Grund, den caffè „al banco“ zu trinken: Man stelle sich den Temperatursturz vor, bis der Espresso am Tisch angekommen ist!

          Die Bar, dieser magische Ort

          Italienische Bars sind anders als Lokale, die man hier kennt, weil sie alles auf einmal sind und sein können: Es gibt Kaffee und Drinks, man kann frühstücken und einen Aperitif einnehmen, ja sogar oft sehr anständig zu Mittag essen. Die Bar ist immer geöffnet, von früh morgens bis spät abends. Und einen Caffè al banco kann man zu jeder Zeit trinken. Niemals würde es vorkommen, dass, wie in manch deutschem Lokal, der Satz fällt: „Nach neun Uhr keine Heißgetränke.“ Denn in der Bar dreht sich vieles um dieses eine Getränk, den caffè.

          Und der caffè wäre nichts ohne die Bar, diesen magischen Ort. Es gibt Soziologen, die sich mit der Bar beschäftigen und ein Kultbuch, das auch fast fünfzig Jahre nach seinem Erscheinen in Italien fast jeder kennt: „Bar Sport“ von Stefano Benni erzählt in verschiedenen Episoden humoristisch überzeichnet vom Alltag in einer Bar. Als in Italien die Corona-Pandemie ausbrach, war eine der großen Fragen: Wann können wir wieder in die Bar? Dicht an dicht am Tresen stehen? Wenn man seinen Espresso, in aller Eile, am Tresen trinkt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wladimir Putin beim informellen GUS-Gipfel in Sankt Petersburg

          Wladimir Putin wird 70 : Ein einsamer Tag voller Arbeit

          Der Jubeltag des Präsidenten sollte ein ganz normaler Tag sein. Die Armeeführung ist bemüht, „zurückgeschlagene Angriffe“ und „vernichtete“ ukrainische Soldaten zu vermelden.
          Zuletzt beim Alten Fritz? In Berlin ging schon lange nichts mehr glatt.

          Fraktur : Die Qual der Wahl

          Müssen in Berlin wirklich noch einmal alle Parteien auf dem Stimmzettel stehen? Auch die Entscheidung zwischen Schlottern und Surfen fällt nicht leicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.