https://www.faz.net/-hs0-a9rir

Der Kaffee meines Lebens : Cappuccino auf Sifnos

Damals vor zwanzig Jahren waren die Barista im Café auf Sifnos noch nicht so weit. Vielleicht können sie aber heute Latte Art. Bild: AFP

Einen ordentlichen Cappuccino bekommt man heutzutage immer noch nicht an jeder Ecke. Aber irgendwann wird man fündig. So wie ich vor zwanzig Jahren auf einer griechischen Insel.

          3 Min.

          Den Kaffee meines Lebens habe ich vor zirka zwanzig Jahren auf der griechischen Insel Sifnos getrunken. Im Hauptort Apollonia hatte ein neues Café eröffnet. Ein paar griechische junge Männer, die zwischen Schule und Studium alt waren, haben die an exponierter Stelle gelegene Terrasse mitten in Apollonia in einen Ort der Entspannung und des guten Geschmacks verwandelt.

          Marco Dettweiler
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das ist eigentlich nicht schwierig, weil es in und vor fast allen griechischen Cafés gemütlich und ruhig zugeht. Aber mit ein paar jugendlichen Ideen kann man zeigen, dass Tradition häufig einen erfrischenden Anstrich vertragen kann. 

          Das gilt auch für die Art des Kaffees. Natürlich hat der griechische Kaffee Tradition. Er wird dort so selbstverständlich getrunken wie der Espresso in Italien oder der Café in Frankreich. Dieser Mokka, der vom Osten über die Türkei nach Griechenland gebracht wurde, schmeckt auch lecker und besonders, weil das Gemisch aus feingemahlenen Bohnen und Wasser in einem „Briki“ ein- oder zweimal aufgekocht und dann in die Tasse gegossen wird. Und der Mokka erfordert Geduld, die bei Touristen oft nicht vorhanden ist. Denn die mehlige Masse muss sich erst mal ein paar Minuten lang absetzen. 

          Stilgerecht mit der Briki aufgekocht und serviert.
          Stilgerecht mit der Briki aufgekocht und serviert. : Bild: Picture-Alliance

          Traditionellen Mokka gab es in diesem Café nicht, sondern eben einen damals noch modernen Cappuccino. Es lief leicht zu hörende Musik, was mich damals nicht überraschte, weil die Griechen, die ich auf anderen Inseln und in Athen kennenlernte, mit ihrem Geschmack dem meinigen immer weit voraus waren. Auf den typischen Kykladen-Bänken, einer gemauerte Erhöhung, lagen dicke Kissen, auf denen man es sich gemütlich machen konnte. Die Bestellung gab man bei einem gut gelaunten, lächelnden Menschen auf, der leider cooler war als man selbst. Aber das eigentlich Auffällige an diesem Café war eben ein einziges Getränk: der Cappuccino.

          Bitte kein Greek frappé!

          Aus heutiger Sicht würde ich den Espresso mit geschäumter Milch vermutlich gar nicht so loben. Eigentlich war es nicht mehr als ein ganz gewöhnlicher Cappuccino. Aber damals vor mehr als zwanzig Jahren, als ich zuvor auch schon von Insel zu Insel hüpfte, war so ein Getränk auf einer griechischen Insel kaum zu bekommen. Schon auf der Fähre zeigten vor allen die Griechen selbst, in welcher Form sie Koffein zu konsumieren pflegten. Als Nescafé frappé oder Nesfrappé oder Café frappé oder Greek frappé. Wie auch immer, alles das gleiche Zeugs. Es legt sich schon beim Schreiben des Wortes “frappé” dieser unsägliche Geschmack aus stark gesüßtem, aufgeschäumtem, kalten, mit Wasser gestreckten Nescafé-Instant-Pulver auf die Zunge. Bei jedem Schluck rutschte ein Eiswürfel in den Rachen, weil das Getränk letztlich nur aus Schaum bestand und der Versuch, diesen aus dem Plastikbecher zu holen, mit einem rutschenden Eiswürfel endete. Dann doch lieber Mokka.

          Mehr Schaum als Getränk: Café Frappé am Strand vom Athen
          Mehr Schaum als Getränk: Café Frappé am Strand vom Athen : Bild: Picture-Alliance

          Wie schön war es also auf dieser Terrasse in Apollonia auf Sifnos mit einem gepflegten Cappuccino zu sitzen, um die Blicke Richtung Osten schweifen zu lassen, wo sich am Horizont das Meer zwischen die Küste von Sifnos und der von Antiparos drängelte. Bei diesem einen Kaffee bliebt es meistens auch, denn im Urlaub auf einer griechischen Insel ist es nie zu früh, um ein Amstel (kein Heineken!) oder Mythos (made in greece) zu trinken. Spätestens wenn die Sonne untergeht, geht der Griff zur Flasche und nicht zur Tasse. Mit dem Cappuccino verhält es sich wie mit dem Bier. Aus heutiger Sicht und Geschmackserfahrung liefe das Bier nicht mehr so geschmeidig den Rachen herunter. Vermutlich gibt es auf den griechischen Inseln mittlerweile jede Menge Craftbier, wie es sich für ein cooles Café gehört.

          Illy eroberte die griechischen Inseln

          Es ist übrigens den Italienern zu verdanken, dass nach der Jahrtausendwende ordentlicher Espresso und Cappuccino in Griechenland Einzug erhielt. Abgesandte von Illy überrannten damals das Land, um das rote Schild mit der weißen Schrift nicht nur in Athen und Thessaloniki zu verbreiten, sondern ebenso auf recht unbekannten griechischen Inseln wie Sifnos. Der Weg von Trieste ist gar nicht so weit. Und das war gut so. Denn Illy schmeckt besser als Segafredo oder Lavazza, die leider die deutschen Städte im vorherigen Jahrtausend eroberten. Aber Illys Kaffee schmeckt halt auch nicht richtig gut, wenn man ihn mit Espresso und Cappuccino vergleicht, die in vielen deutschen Städten mittlerweile angeboten werden. Allein in Frankfurt gibt es in Bockenheim, Nordend, Innenstadt und Ostend mehrere Cafés, die die Kaffeekunst auf höchstem Niveau zelebrieren.

          Und dann bleibt noch eine Frage offen, die ich aus der Erinnerung nicht mehr beantworten kann: Welche Milch benutzten die Jungs für den Cappuccino? Haltbare oder frische Vollmilch? Die Antwort entscheidet bei mir seit ein paar Jahren, ob ich bestelle oder nicht. Und falls ich ihn bestellt habe, ohne zu fragen, ob ich ihn trinke oder stehen lasse. Nur frische Vollmilch gehört in den Cappuccino. Und so war es damals hoffentlich auch.

          Ein Flug mit Google Maps nach Sifnos und vorsichtiger Landung in Apollonia ergibt, dass das Café jetzt Veranda heißt. Das Illy-Schild hängt immer noch. Es gibt Crépes, es wird gelobt und die Aussicht gepriesen. Auf den Bildern im Internet ist ein Cappuccino mit Latte Art zu sehen, auf einem anderen ein Craftbeer, ein IPA, namens Flaros und eine hausgemachte Limonade steht auf dem Tisch. Im Hintergrund ist ein Mann mit grauen Haaren zu sehen. Nicht ganz so grau wie meine, aber es könnte der Grieche von damals sein.

          Es wird wieder Zeit, auf Sifnos den besten Kaffee meines Lebens zu trinken.

          Kolumnen auf FAZ.NET

          Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort mittwochs die Kaffee-Kolumne „Der Kaffee meines Lebens“, die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“, die „Fünf Dinge“-Kolumne und die Kolumne „Der Moment“. In der Kaffee-Kolumne geht es um besondere Momente mit diesem Getränk, die während einer Reise, aber auch in der heimischen Küche passiert sein können. 

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sergej Lawrow auf einem Wahlplakat von Einiges Russland in Simferopol im September

          Duma-Wahl : Die zweite Familie des Sergej Lawrow

          Der russische Außenminister hat sich in den Wahlkampf eingemischt. Unter anderem wegen seines Drucks ist eine App des Oppositionellen Nawalnyj nicht mehr erreichbar. Doch er hat mit privaten Enthüllungen zu kämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.