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Der Kaffee meines Lebens : Ade Café au Lait – wie ich die Pariser Kaffeekultur entdeckte

  • -Aktualisiert am

Das Café als Diskussionsort: Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre geben 1970 ein Interview in einem Pariser Café Bild: Picture Alliance

Stundenlang Café au Lait schlürfen? So stellen sich viele Deutsche die französische Art vor, Kaffee zu genießen. Doch unsere Autorin hat da in Paris ganz andere Traditionen kennengelernt.

          3 Min.

          Meine Erfahrung mit der Pariser Kaffeekultur begann zunächst mit einem Schock. Und nein, kein Koffein-Schock. Ich war 2012 zum Studieren in Paris und wollte vor allem meinem winzigen Zimmer von circa neun Quadratmetern entkommen. Also setzte ich mich auf die Terrasse des nächstbesten Cafés bei mir um die Ecke am Kanal Saint Martin.

          Schockierend war hier weniger die Auswahl, als die Preisliste. Sie begann mit dem „Günstigsten”: 4,50 Euro für einen Espresso und 4,90 Euro für einen Noisette. Ich entschied mich zähneknirschend für Letzteres. Wenn man schon über vier Euro für einen Klecks besten Koffeins bezahlen muss, dann wenigstens mit einem Hauch Milch veredelt. Genau das ist nämlich ein Noisette, ein Espresso mit einem Tropfen Milchschaum.

          Bon, wie die Franzosen sagen, auf eklatante Preisunterschiede war ich mental natürlich vorbereitet in Paris. Zum Trotz, dachte ich mir, bleibe ich jetzt aber so lange sitzen wie ich will und lese mein Buch. Fast zwei Stunden und 100 Seiten Sigrid Nunez’ „Erinnerungen an Susan Sontag” später verließ ich glücklich das Café. Das wunderbare an der Pariser Kaffeekultur, wie ich an dem Tag lernte, ist nämlich, dass man ungestört lange verweilen kann. Keiner kommt ständig und fragt, ob man nicht noch etwas bestellen möchte. Und recht schnell habe ich dann auch die günstigeren Adressen kennengelernt.

          „Espresso kostet einen Euro“

          „Du hast das völlig falsch gemacht”, meinte trotzdem einige Monate später mein Freund und Ur-Pariser Pablo zu mir. „Espresso kostet einen Euro oder 1,20 – maximal 1,50 Euro, wenn sie Diebe sind.” Bitte? Es ist ja bekannt, dass die Pariser ihre Stadt am besten kennen, aber solche Preise hatte ich damals selbst nach einem halben Jahr noch nicht gesehen. Mein Freund nickte zuversichtlich: „Du musst einfach reingehen, an der Theke bestellen und dort im Stehen trinken.”

          Nix Café au Lait: Wenn in Paris Milch in den Kaffee kommt, dann bitte nur ein paar Tropfen.
          Nix Café au Lait: Wenn in Paris Milch in den Kaffee kommt, dann bitte nur ein paar Tropfen. : Bild: Picture Alliance

          Au comptoir, am Tresen lautet das Zauberwort in Paris, um an günstigen Espresso zu gelangen, unabhängig vom Viertel und eigentlich auch Etablissement. „Traditionell trinken die Pariser ihren Kaffee nicht zu Hause, sondern im Café, bevor sie in den Tag starten”, erzählt Carole Chrétiennot vom prestigeträchtigen Café de Flore am Telefon. „Bevor es zur Arbeit geht, gönnen sie sich einen Kaffee am Tresen – einen Schluck, hop und los geht’s. Deshalb gibt es ja an jeder Ecke eins.”

          Gleichzeitig haben die Pariser ein quasi symbiotisches Verhältnis zu ihren Cafés und können stundenlang darin verweilen. „Das ist eine Art Lebensraum für uns”, sagt Chrétiennot, „Ich glaube, es gibt kein Land auf der Welt, in dem so viele Bücher über die Geschichte von Kaffeehäuser herausgegeben werden, wie hier.” Denn in den Pariser Cafés wurde Kulturgeschichte geschrieben: Dem Aufklärer Diderot kam – der Legende nach – die Idee für seine Enzyklopädie im „Le Procope”, einem der ältesten Cafés der Stadt (gegründet 1686). Im „Café de la Paix”, gegenüber der Oper (und aktuell eine der teuersten Koffein-Adressen), gingen die Schriftsteller Victor Hugo, Oscar Wilde und Marcel Proust ein und aus.

          Auf der anderen Seite der Seine, im sechsten Arrondissement gibt es dann die berühmten quasi benachbarten Cafés „Les Deux Magots” und das „Café de Flore”, in denen die Kunstbewegung des Surrealismus um André Breton entstand. Die Existenzialisten Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir waren Stammgäste in beiden Häusern. Die Autorin Françoise Sagan, aber auch Picasso machten das Flore zu ihrem Hauptquartier. Hier traf sich ebenso die Welt des Kinos und vor allem des Designs: Yves Saint Laurent und Karl Lagerfeld – samt Musen, Models und Gefolge – residierten im Flore. Bis heute gibt es eine unausgesprochene Sitzordnung von betuchten Persönlichkeiten und Stammgästen.

          Das Café de Flore zieht noch heute viele Gäste an, die Stammkundschaft hat eine heimliche Sitzordnung.
          Das Café de Flore zieht noch heute viele Gäste an, die Stammkundschaft hat eine heimliche Sitzordnung. : Bild: Picture Alliance

          Geheim ist in gewisser Weise auch die Mischung des Kaffees im Flore, das 1887 eröffnete: „Wir servieren hier einen Grand Cru, einen reinen Arabica-Kaffee, aber wir dosieren ihn anders, wie genau ist ein Geheimrezept”, flüstert Carole Chrétiennot am Telefon.

          Ob nun stundenlanges Philosophieren oder der kurze Schluck im Stehen – die Pariser mögen ihren Kaffee traditionell eher stark und ohne große Extras. Es gibt da noch den Allongé, ein Espresso, der mit heißem Wasser gestreckt wird und somit dem deutschen Verständnis von der Tasse Kaffee am nähesten kommt. Und für den ich nach meinem Studium, als ich immer mal in Paris gearbeitet habe, sehr dankbar war. Sonst droht im Büro tatsächlich noch der Koffein-Schock.

          Und was ist mit Café au Lait? Da kann man sich bei den Parisern schön in die Nesseln setzen. „Vielleicht im Urlaub oder bei den Großeltern, früher, so in einer Müslischale, aber das ist das höchste der Gefühle!”, erzählt mir mein Pariser Freund Pablo. „Le Café au Lait, non!”, protestiert auch Carole Chrétiennot, „Für mich ist das sehr spanisch, sehr amerikanisch. Da ist ja fast gar kein Kaffee mehr drin. Wir haben da den Café crème. Das ist Kaffee mit einem Tropfen Milch.”

          In den vergangenen zehn Jahren, in denen ich immer mal wieder zum Arbeiten und Familienbesuch nach Paris zurückgekehrt bin, hat sich natürlich auch in der hiesigen Kaffee-Welt einiges geändert. Nun gibt es zahlreiche hippe, lichtdurchflutete Orte mit viel Grünpflanzen, Matcha-Latte, Flat-White und diversen Kreationen – alles to-go, bien sûr. Manche traditionellen Cafés servieren nicht mehr am Tresen, was allerdings auch eine Folge der Covid-Regeln sein könnte (manchmal war Trinken im Stehen verboten in Frankreich).

          Selbst das traditionsbewusste „Café de Flore” hat sich für eine Milchschaum-Kreation geöffnet und vor knapp fünf Jahren den Cappuccino fest in seine Karte aufgenommen. Allerdings ohne 11-Uhr-Sperrstunde, wie bei den italienischen Nachbarn.

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