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Kolumne Geschmackssache : Höchste Zeit für Vaterlandsverräter

Was der Fuchs mit seiner feinen Nase wohl erschnuppert? Wein vom Weingut Roth Bild: Oliver Sebel

Wer kein Württemberger ist, kommt kaum auf den Gedanken, Württemberger Wein zu trinken. Das wollen Sabrina Roth und Christian Kircher mit aller Macht ändern.

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          Natürlich ist es eine Majestätsbeleidigung, einem Dichterfürsten wie Friedrich Schiller in die Poetenparade zu fahren, um ihn besserwisserisch zu verbessern. Doch es bleibt uns nichts anderes übrig. „Ein Württemberger ohne Wein, kann der ein Württemberger sein?“, reimte der größte Sohn Marbachs am Neckar, obwohl es doch heißen müsste: „Ein Württemberger ohne Württemberger Wein, kann der ein Württemberger sein.“

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Die kleine Korrektur ruiniert zwar das Versmaß, entspricht aber der Wahrheit, weil kein anderer deutscher Volksstamm so patriotisch trinkt wie die Württemberger. Sechzig Prozent des Weines, der im viertgrößten Anbaugebiet Deutschlands produziert wird, stolze 66 Millionen Liter Trollinger, Lemberger und Müller-Thurgau, trinken die Württemberger jedes Jahr selbst, gerne auch in der Dorfwirtschaft als namenloses, halbtrockenes Viertele von der Winzergenossenschaft für 2,70 Euro – und wundern sich dann, dass Württemberg als Weinbauland im Rest der Republik kaum wahrgenommen wird.

          Der Weintourismus bleibt fern

          „Wir haben ein Imageproblem“, sagen Sabrina Roth und Christian Kircher frank und frei, an deren Weingut man das Dilemma des württembergischen Weines exemplarisch durchdeklinieren kann. Es liegt in Abstatt im Heilbronner Unterland, einer zersiedelten Gegend im Dunstkreis des Stuttgarter Ballungsraumes, in dem eher Industriegebiete, Technologiezentren und Häuslebauerdörfer als Weinreben das Bild bestimmen.

          Im Gegensatz zur Pfalz oder zu Rheinhessen hat es hier nie eine Rebflurbereinigung gegeben, so dass die Weingärten auch noch parzelliert und isoliert zwischen Obstwiesen, Getreidefeldern, Maisäckern und Mittelstandsfabriken liegen. Eine pittoreske Rebenlandschaft findet man im Unterland höchstens mit dem Scheuklappenblick. Und für attraktive Vinotheken, die dieses Manko wettmachen könnten, scheinen die schwäbischen Sparfüchsle kein Geld übrig zu haben.

          So ist es kein Wunder, dass der überall sonst spektakulär wachsende Weintourismus in Deutschland um Württemberg bisher einen großen Bogen macht.

          „Wie’s ist, ist’s halt“

          Auch ein Besuch beim Weingut Roth erinnert zunächst an eine Zeitreise zurück in jene Mottenkugelepoche, als der Schwabe Theodor Heuss, Deutschlands erster Bundespräsident und Verfasser einer Doktorarbeit mit dem Titel „Weinbau und Weingärtnerstand in Heilbronn am Neckar“, noch der beste Botschafter des Württemberger Weins war.

          Zur Probe wird man ins Familiengasthaus gebeten, in dem Rüschengardinen und Holzschnitzwerk unverdrossen Wirtschaftswundercharme verbreiten und auf dem Gipfel des kulinarischen Olymps herrisch der schwäbische Zwiebelrostbraten thront. Eines Tages solle es hier ganz anders aussehen, sagt das Ehepaar Roth-Kircher, doch das sei ein langer Weg und jede Veränderung in Württemberg ein Bohren dicker Bretter, weil die Winzer so träge und selbstgenügsam seien. „Wie’s ist, ist’s halt“, das sei das Lebensmotto vieler Weinbauern, sagt Sabrina Roth, und es klingt nicht danach, als halte sie diesen fatalistischen Gleichmut für lebenskluge Charakterstärke.

          Das Weingut von Grund auf umgebaut

          Sie ist die Erste aus ihrer Familie, die sich ausschließlich mit Wein beschäftigt, nachdem sie im landwirtschaftlichen Mischbetrieb ihrer Eltern noch mit Schweinen und Hühnern aufwuchs. Im Jahr 2005 übernahm sie das Gut und machte gemeinsam mit ihrem Mann noch ein, zwei Jahre im alten Trott weiter – bevor der gemeinsame Entschluss gefasst wurde, eben nicht so lange weiterzumachen, bis auch der letzte Stammkunde weggestorben sein würde, der sich zweimal im Jahr den Kofferraum mit Roth-Weinen volllädt.

          Mit viel Mühe bauten sie ein deutschlandweites Händlernetz auf und rissen gleichzeitig alte, müde Rebstöcke heraus, um sie durch neue zu ersetzen, die besser zu den jeweiligen Böden aus Sandstein, Keuper oder Mergel passen. Sie senkten den Ertrag pro Hektar auf sechstausend Liter, eine Zahl, die auch bei VdP-Weingütern üblich ist, änderten das Verhältnis zwischen Blättern und Früchten so, dass die Trauben mehr Kraft entwickeln, und kauften nebenbei systematisch Flächen, die von den vielen Feierabendwinzern der Gegend aufgegeben wurden.

          Um zehn Prozent wächst das Weingut Jahr für Jahr und ist mit seinen fünfeinhalb Hektar doch noch viel zu klein, um einen Schillerschen Sturm und Drang der Dynamik zu entfachen und die württembergischen Jungwinzer zur Revolution gegen das Ancien Régime der etablierten, ambitionslosen Weingüter aufzuwiegeln.

          Ein guter Wein zum guten Preis

          Das Potential dazu haben Sabrina Roth und Christian Kircher. Sie machen junge, moderne Weine, die in ihrer Stilistik eher an die Pfalz oder Rheinhessen erinnern als an die gemütlichen Schoppen aus Württemberg. Ihr Riesling ist ein klarer, schlanker Wein mit einer spitzen, aber nicht aggressiven Säure, der Weißburgunder duftet dezent nach einem Korb reifer Früchte, der Rosé aus Spätburgunder, Trollinger und Dornfelder klingelt glockenhell im Glas und muss sich nicht mit einer schweren Parfümwolke wichtigmachen.

          Auch der Trollinger ist ein federleichtes Gewächs, fast ein Weißwein im roten Gewand, den man im Sommer leicht gekühlt nur so wegschlotzen kann. Und selbst der Lemberger, sein kräftiger Bruder, verzichtet auf jede taninträge Schwermut, ohne dabei an charakterlicher Tiefe einzubüßen.

          Sieben Euro kosten die Weine, ein Witz für solche Qualitäten, im Sparstrumpfland Schwaben aber schon ein Affront. Demnächst wollen sie sogar zwei Lagenweine für fünfzehn Euro pro Flasche abfüllen, ein Generalangriff auf den Württemberger Pfennigfuchser, dem man nur wünschen kann, dass das Qualitätsbewusstsein und der Wagemut der Familie Roth-Kircher die Selbstgenügsamkeit und Selbstzufriedenheit im Ländle verscheucht. Und falls es nicht klappt, erlauben wir uns untertänigst, Ihrer Durchlaucht Dichterfürst diesen Verbesserungsvorschlag zu unterbreiten: „Ein Württemberger ohne Württemberger Wein kann ja wohl nur ein Vaterlandsverräter sein.“

          Weingut Roth

          Gottlieb-Härle-Straße 6, 74232 Abstatt, Telefon: 0172/6312557, www.weingut-roth-happenbach.de

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