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Kolumne Geschmackssache : Tuttifrutti gibt’s im Fernsehen, nicht im Fass

Zeitpunkt der Weinlese durch Geschmack bestimmt

Zu Hause in Nierstein ist es von Anfang an weniger gemütlich zugegangen. Dazu musste zu viel auf den Kopf gestellt werden. Nachdem sie 2011 das Familiengut mit vierundzwanzig Jahren übernommen hatte, reduzierte sie radikal die Zahl der Rebsorten, konzentrierte sich auf Rieslinge und Burgunder, warf das halbtrockene Gesöff aus dem Sortiment und wandte all das an, was sie zwischen Geisenheim und dem Fünften Kontinent gelernt hatte. Sie schwört auf Spontanvergärung ohne künstliche Hefen, weil so die Natürlichkeit und Individualität der Weine nicht verfälscht wird – „Kunsthefe macht Tuttifrutti“, befindet sie kategorisch.

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Sie sprüht nach der Ernte Trockeneis auf kapriziöse Trauben wie die Scheurebe, um die ungewünschte Oxidation zu unterbinden. Den Zeitpunkt der Lese bestimmt sie entgegen der Lehrmeinung nicht nach dem Mostgewicht, sondern allein nach dem Geschmack der Frucht. Und wenn ihre Professoren in Geisenheim wüssten, dass sie ihre Rieslinge vierundzwanzig Stunden lang auf der Maische stehen lässt und nicht sechs, wie es heiliger akademischer Brauch ist, würden sie Lisa Bunn wohl nachträglich das Diplom entziehen.

Weinberge mit royaler Kundschaft

Auch wenn die Jungwinzerin Bunn ihren Basisweinen lustige Namen wie „fleißiges Lieschen“ oder „Gewürzschlawiner“ gibt, ist sie doch alles andere als ein Spaßweinbäuerin, die sich auf Gefälligkeitsgewächse kapriziert. Das verbietet sich allein schon deswegen, weil sie das Glück hat, eine Handvoll Parzellen am Roten Hang zu besitzen, der Königslage Rheinhessens, die nicht nur die Weine für die Krönung Queen Elisabeths II. lieferte, sondern auch für deren sechzigjähriges Kronjubiläum. Allen voran ihre Rieslinge und Burgunder von dieser Steillage am Rhein mit seinem roten Tonsandstein sind charakterstarke Nonkonformisten mit prägnanter Säure und minimalem Restzucker, die sich auf ein langes Leben freuen und erst nach zwei, drei Jahren ihre wahre Größe entfalten.

Beim Riesling vom Oelberg ist der Name Programm, denn dieser Wein voller verführerischer Pfirsichnoten umgarnt den Gaumen mit einer derart öligen Intensität, als bestehe er aus nichts anderem als geschmolzenem Aroma. Sein Bruder von der Nachbarlage Hipping hingegen ist so fein geschliffen, so aristokratisch vornehm wie ein englischer Landadeliger in Treibjagdmontur, während der Riesling vom Orbel, einer reinen Südlage, mit Extrovertiertheit und ungestümem Temperament wie ein hochwillkommener Bastard in diesem brüderlichen Triumvirat wirkt – charakterlich also eher ein Donald Trump unter Lisa Bunns Weinen vom Roten Hang. Doch von dieser Wesensverwandtschaft wird der Krawallbruder im Weißen Haus als strenger Abstinenzler nie etwas erfahren.

Weingut Lisa Bunn, Mainzer Straße 86, 55283 Nierstein, Telefon: 06133/59290, www.lisa-bunn.de.

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