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Kolumne Geschmackssache : Die Wahrheit über die Schimäre

Enthusiastische Quereinsteiger sind im Weinbaugebiet Sachsen willkommen. Bild: dpa

Das Weinbaugebiet Sachsen ist gleichermaßen uralt und blutjung und bietet Quereinsteigern die Chance ihres Lebens. Der Sommelier Frédéric Fourré ist gerade dabei, sie zu nutzen.

          In jedem anderen deutschen Weinbaugebiet wäre Frédéric Fourré ein bunter Vogel mit exotischem Gefieder: Ausländer, Autodidakt, Quereinsteiger, ein Spätberufener, der erst mit 31 Jahren seinen ersten Wein kelterte, so lustvoll wie skrupellos gegen das deutsche Weingesetz verstößt und auch sonst fast alles anders macht als seine Kollegen. In Sachsen aber, diesem Unikum unter den deutschen Weinbaugebieten, fällt er nicht weiter auf. Seit tausend Jahren wird an den Steilhängen der Elbe rund um Dresden Wein angebaut, sechstausend Hektar standen in den Blütezeiten unter Reben, und die leidenschaftlichsten Winzer waren die Landesherren selbst, allen voran August der Starke, der an normalen Tagen drei und an Festtagen sieben Liter Wein getrunken haben soll. Dann vernichtete die Reblaus die gesamte Rebfläche, der Weinbau kollabierte und dümpelte während der DDR unter der antihedonistischen Herrschaft des Politbüro-Griesgrams trostlos vor sich hin.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Seit der Wende aber ist die Fläche wieder auf knapp fünfhundert Hektar gewachsen, vor allem dank enthusiastischer Quereinsteiger, die im Weinbau ihr Glück und ihre Berufung gefunden haben. Im früheren Leben waren sie Maschinenbauer, Elektrohändler, Steinmetze oder Großbauern, so dass Frédéric Fourré in der Voliere des sächsischen Weinbaus als gelernter Sommelier fast schon wie ein Ausbund an Konventionalität wirkt. Er wurde 1971 in Paris geboren und bekam als Halbwüchsiger von seinem Vater, einem Weinliebhaber ganz nach dem Geschmack von Rabelais, eine Zigarrenkiste voller Weinetiketten geschenkt. Von diesem Moment an war es um Frédéric geschehen. Der Jüngling sammelte fortan Etiketten wie andere Buben Briefmarken, lernte alles über Wein, landete eines Tages als Sommelier in einem Dresdner Luxushotel und erkannte schnell die Möglichkeiten, die sich ihm in einem gleichermaßen blutjungen und uralten Weinbaugebiet wie Sachsen eröffneten.

          Heute bewirtschaftet er zweieinhalb Hektar in besten Steillagen hoch über Radebeul mit Adlerhorstblick übers Dresdner Elbtal, kauft Trauben von drei Winzern seines Vertrauens hinzu, keltert 20.000 Flaschen pro Jahr und hat gleich ein ganzes Dutzend Rebsorten im Portfolio. Dass er Müller-Thurgau, Morio-Muskat, Scheurebe und Riesling, Traminer, Kerner, Veltliner und Gutedel, Weiß-, Grau-, Schwarz- und Spätburgunder abfüllt, ist gleichfalls ein Erbe des nicht mehr real existierenden Sozialismus: Die Hobbywinzer in der DDR mussten ihre Trauben zur Vinifizierung bei einer Genossenschaft abgeben und bekamen nur die Rebsorten zurück, die sie eingeliefert hatten. Also versuchten alle Weinbauern, eine möglichst große Vielfalt anzupflanzen, und schreckten nicht einmal davor zurück, innerhalb einer Rebzeile verschiedene Sorten zu setzen. Fourré hat daran nichts geändert und jeden Rebstock mit einem farbigen Draht markiert, damit die Erntehelfer wissen, welche Traube in welches Töpfchen gehört. Der gemischte Satz ist nicht die einzige glückliche Erbschaft des DDR-Mangelwirtschaftsstaates: Da es fast unmöglich war, an neue Rebstöcke zu gelangen, wurden die bestehenden Pflanzen wie Augäpfel gehütet – so dass Fourré heute Wein aus Stöcken keltern kann, die Walter Ulbricht noch persönlich gekannt haben.

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