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Geschmackssache : Bocksbeutelprobe von Gottes Gnaden

„Die Brücke zum Paradies“: das Pflegeheim und Weingut Bürgerspital in Würzburg. Bild: Oliver Sebel

Vor 700 Jahren wurde das Bürgerspital Würzburg gestiftet. Seither gibt es keine bessere Möglichkeit, guten Wein zu trinken und dabei gleichzeitig Gutes zu tun.

          Dieses Weingut baut die Brücke ins Paradies. Das sagt sogar der Papst, wenn auch nicht der derzeitige, sondern sein deutlich humorloserer Vorgänger Johannes XXII. Als der im Jahr 1320 die Stiftsgründung des Würzburger Patriziers Johannes von Steren offiziell anerkannte, bescheinigte er seinem fränkischen Namensvetter, dass dieser mit seinem Bürgerspital „Irdisches in Himmlisches und Vergängliches in Ewiges“ verwandeln wolle - und zwar mit einem Geschäftsmodell, das auch nach siebenhundert Jahren noch immer tadellos funktioniert.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Ein paar Jahre zuvor war Steren mit seiner Frau Mergedis auf Pilgerfahrt in Rom gewesen und hatte dort das Modell der mittelalterlichen Pflegeversicherung kennengelernt: Ältere Menschen vermachten ihr Vermögen einem Hospiz, das sich im Gegenzug bis zum Tod der Wohltäter um deren Wohlbefinden kümmerte. Nach seiner Rückkehr gründete das Patrizierpaar 1316 das Bürgerspital Würzburg, und da die Stadt schon damals eine Hochburg des Weinbaus war, dauerte es nicht lange, bis die ersten Rebengärten dem Hospiz vermacht wurden. Im Lauf der Jahrhunderte kamen durch Schenkungen und Stiftungen mehr als hundert Hektar in den besten Lagen zusammen, die bis heute das grundsolide Fundament des Bürgerspitals bilden und es nicht nur zu einem der ältesten, sondern auch einem der größten deutschen Weingüter mit einer Jahresproduktion von 900.000 Flaschen machen. Sie auszutrinken ist immer noch ein Akt der christlichen Nächstenliebe, weil alle Profite aus dem Weinbau in die sozialen Einrichtungen des Spitals fließen: in sechs Altersheime, eine geriatrische Klinik und die ambulante Betreuung alter Menschen.

          Das Bürgerspital ist eine Antiquität, Kuriosität, Rarität, ein Weingut in bester Innenstadtlage nur einen Steinwurf von der Residenz der Fürstbischöfe mit Tiepolos Monumentalfresken entfernt, in dem jeder Stein mit Geschichte getränkt ist und sich in jeder Pore der Geist des Weines aus sieben Jahrhunderten eingenistet hat. Die labyrinthischen Keller stammen aus den Zeiten des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, hüteten die ersten Bocksbeutel der Frankenweingeschichte und sind mit fünftausend Liter fassenden Holzfässern bestückt, auf deren Stirnseiten Meilensteine der Würzburger Weinbauhistorie geschnitzt sind.

          Der älteste Weißwein der Welt lagert im Spital

          An einem Treppenaufgang hängt ganz beiläufig eine Steintafel aus dem Jahr 1665, einer der ältesten Nachweise für Silvaner in Franken, garniert mit einem Zitat aus den Korintherbriefen: „Ich habe gepflanzt, Apollo hat begossen. Gott aber hat das Wachstum gegeben. So ist weder der etwas, welcher pflanzet, noch der, welcher begießet, sondern Gott, welcher das Wachstum gibt.“ Und als sei das noch nicht genug der Geschichtsträchtigkeit, steht in einer unscheinbaren Vitrine am Ende eines dunklen Stollens eine Weltsensation: die älteste Flasche Wein auf Erden, deren Inhalt man zweifelsfrei bestimmen kann. Es ist ein Weißwein aus der Würzburger Spitzenlage Stein von 1540.

          Für die Qualität dieses Gewächses will sich Weingutsdirektor Robert Haller nicht verbürgen, was zu verschmerzen ist, weil es genügend jüngere Jahrgänge vom Stein gibt, die über alle Zweifel erhaben sind. Haller, gebürtiger Schwabe, studierter Weinbauer, glühender Terroir-Verfechter und seit neun Jahre im Amt, ist der Garant dafür, dass aus der Antiquität Bürgerspital kein geriatrisches Weingut mit musealen Gewächsen und angeschlossenen Altersheimen wird. Er teilt sich den Stein, der die Stadt wie ein Amphitheater umschließt, mit den beiden anderen Würzburger Großweingütern, dem 1128 gegründeten Staatlichen Hofkeller und dem 1576 gestifteten Juliusspital. Das sei ein großes Glück, sagt Haller, denn es sei viel einfacher, wenn sich nur drei Kellermeister über die Bewirtschaftung eines Weinbergs einigen müssten statt achtzig Kleinwinzer. Und so ist der 86 Hektar große Stein bis heute die Basis für den Ruhm der drei Würzburger VdP-Weingüter: ein steiler Südhang aus reinem Muschelkalk direkt am Main, wie geschaffen für Silvaner und Riesling, die so rigoros wie sonst nur noch Spätburgunder ihr jeweiliges Terroir reflektieren.

          Ein Weingut von Gottes Gnaden: Das Bürgerspital Würzburg in bester Innenstadtlage.

          Robert Haller macht aus diesem Schicksalsgeschenk und aus seinen anderen Spitzenlagen - der Abtsleite, dem Pfaffenberg, dem Randersackerer Teufelskeller - am liebsten Silvaner und Rieslinge, die auf jede barocke Opulenz verzichten. Das überlässt er leichten Herzens der Barockstadt Würzburg, in der es ja genügend Pracht und Prunk gibt. Seine Weine hingegen sind so klar wie eine gotische Säulenhalle, frei von allen Schnörkeln und Girlanden, fast minimalistisch in ihrer geradlinigen Eleganz, aber alles andere als asketische Spaßverderber. Stattdessen stecken sie voller lebensfroher Zitrusnoten und Aromen frischer grüner Kräuter, die sie und ihre Trinker vor jeder Form von Schwermut bewahren. Ihre Mineralität ist diesen Weinen wichtiger als Fruchtigkeit, ihre Finesse würden sie niemals marktschreierischer Wucht opfern. Und schon gar nicht wollen sie mit einer verwirrenden Komplexität bedrängen, die höchstens Weinkritikern mit hoher Erregungsschwelle Freude bereitet. „Ich will, dass die Leute von meinen Weinen ohne Zögern eine zweite Flasche öffnen“, sagt Haller, der dabei eindeutig als Winzer und nicht als Geschäftsmann spricht.

          Spätestens bei der dritten Flasche fängt man an, darüber zu spekulieren, wie viel Wein aus wie vielen Bürgerspitälern Deutschland trinken müsste, um alle demographischen Probleme der alternden Gesellschaft zu lösen. Man selbst kann ja nur einen bescheidenen Beitrag leisten, der am nächsten Tag ohne böse Folgen bleibt, weil die Weine des Spitals ganz selten mit angeberischen Alkoholwerten protzen. Lieber begnügen sie sich mit verträglichen zwölf Prozent, sodass man gar nicht erst in die Verlegenheit kommt, Reue zu verspüren. Das ist keine schlechte Voraussetzung für jenen Tag, an dem man an die Paradiespforte klopft und Petrus unangenehme Fragen zu stellen beginnt.

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