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Geschmackssache : Ob man im Jenseits auch noch trinkt?

  • Aktualisiert am

Bild: Oliver Sebel

Deutschland ist ein Wunderland für leidenschaftliche Weintrinker. Denn hier gibt es Winzer wie Jakob Schneider von der Nahe, dem Qualität alles und Ruhm nichts bedeutet.

          Das Wort hat Oma Liesel: "Süße Milch ist für die Kinder, saure Milch ist für das Schwein, Wasser saufen Pferd und Rinder, und für uns schuf Gott den Wein." Oma Liesel kann das Wort gerne behalten: "Wer stets nur reinen Wein getrunken, mit Maß und Ziel und niemals aufgesetzt, der wird den Tod erst bitten müssen, dass er ihm die Sense wetzt." Oma Liesel sollte das Wort nie mehr hergeben, denn sie ist eine heimliche Schwester von Horaz: "Trinke, solange der Becher winkt, nutze deine Tage. Ob man im Jenseits auch noch trinkt, das ist eine Frage."

              Oma Liesel, eine Figur wie aus einem Brüder-Grimm-Märchen, Schürze, Dutt, Hexenbuckel, aber nicht gramgebeugt von zweiundachtzig Lebensjahren, sondern quietschfidel und im Kopf so klar wie die Nahe an der Quelle, Oma Liesel also wäre die größte Attraktion des Weinguts Jakob Schneider, gäbe es da nicht ihren Enkel und seine Weine. Sie allein sind imstande, der lebenden Zitatenschatztruhe Oma Liesel die Schau zu stehlen, obwohl sie keine großen Worte machen, sondern mit geradliniger Eleganz und lakonischer Klarheit von der Seele ihres Terroirs erzählen - Weinen, die zu den unzweifelhaft besten Gewächsen der Nahe zählen, aber ein Leben in der Beschaulichkeit statt im Rampenlicht bevorzugen.

              Dreißig Hektar herausragender Lagen rund um Niederhausen bewirtschaftet Jakob Schneider, ein freundlicher Hüne mit dem Teint eines Sizilianers und dem Gemüt eines Stoikers, der in Geisenheim Weinbau studiert hat und seine Fassung nur dann verliert, wenn ein unachtsamer Lehrling seinen kostbaren Wein verschüttet. Mit dem ungleich berühmteren Weingut Dönnhoff teilt er sich brüderlich die Hermannshöhle, die prestigeträchtigste Lage an der gesamten Nahe, und keltert aus diesem Paradiesgarten großartige Weine zu solchen Spottpreisen, dass jedem Traubenliebhaber Tränen der Freude kommen müssten - Weine wie den Niederhäuser Hermannshöhle Riesling trocken von 2015, der auf 65 Grad steilen Hängen gewachsen ist, seine edelsteinfeine Mineralität mit einer rauchzarten Würze garniert, einen Abgang so lange wie das Finale einer Beethoven-Symphonie hat und lächerliche zehn Euro pro Flasche kostet. Da heben wir doch gleich das Hermannshöhler Rieslingglas und rufen mit Oma Liesel aus: "Ob ich morgen leben werde, weiß ich freilich nicht. Aber wenn ich morgen lebe, dass ich morgen trinken werde, weiß ich ganz gewiss."

              Die Nahe ist trotz einiger großer Namen wie Dönnhoff, Diehl oder Emrich-Schönleber noch immer das Aschenputtel unter den deutschen Weinbaugebieten. Der Fluss überlässt das Landschaftsbild kampflos Kartoffeläckern, Rapsfeldern, Apfelbäumen und versteckt sich schamvoll in seinem tiefen Tal, obwohl er sich mit seinen Steillagen und tollkühnen Windungen für nichts schämen muss. Und die Dörfer der Nahe sind alles andere als Prinzessinnen mit einer Entourage aus fröhlichen Weintouristen, keine herausgeputzten Sandsteinschönheiten wie ihre strahlenden Schwestern in der Pfalz, sondern mausgraue Weiler, in denen Eterniteinerlei statt Fachwerkprunk dominiert. Niederhausen macht da keine Ausnahme. Das gastronomische Angebot erschöpft sich in Zigeuner-, Jäger- und Seniorenschnitzel, der architektonische Höhepunkt ist ein belangloses Dorfkirchlein,. Gäbe es nicht das Weingut Schneider, würde hier niemand auf die Bremse treten.

              Es ist in einem der wenigen alten Gebäude untergebracht und hat auch schon 441 Jahre auf dem Buckel, mehr noch als Oma Liesel, die ihre Gäste in ihrem altertümlichen, mit Standuhr und Eichenschrank ausgestatteten Probierraum reimend begrüßt, in Versform durch die Verkostung führt und die verblüffte Kundschaft mit Aphorismen wie diesem verabschiedet: "Besser wie Arznei un Droppe is an gude halbe Schoppe." Jakob Schneider indes hat auch eine Menge zu erzählen, wenngleich weder in Jamben noch Hexametern: Geologisch sei die Nahe für jeden Winzer ein Wunderland, weil sich der Boden alle paar Meter radikal ändere. "Wir haben Schiefer wie an der Mosel, Kalk wie in Franken, Vulkangestein wie im Rheingau, wir haben Porphyr, Melaphyr, Flusskiesel, Löss." Deswegen habe man die Nahe früher "Probierstube des deutschen Weinbaus" genannt, sagt Schneider, der uns sogleich einen Riesling vom Grauschiefer einschenkt, einen Wein schlank wie eine Stele mit einer ungemein präsenten, aber niemals aggressiven Säure und ganz leichten Noten von reifen Pfirsichen. Er könnte auch von der weltbekannten Moselspitzenlage Ürziger Würzgarten stammen, kostet hier allerdings wahnwitzige 6,80 Euro pro Flasche.

              Wir starren Jakob Schneider fassungslos an und ernten nur Achselzucken. Er wolle gar nicht teurer werden, sagt er mit lakonischem Lächeln. Er exportiere zwar in alle Welt, China, Amerika und so weiter, habe aber auch viele Stammkunden, die er nicht verprellen wolle. Deswegen mache es ihm übrigens nichts aus, dass ihn der Verband der deutschen Prädikatsweingüter noch nicht aufgenommen habe, denn dann müsste er seine Preise auf das Niveau der anderen VdP-Güter heben. Jetzt verlieren wir vollends die Fassung darob, dass auf unserer Erde noch solche wunderbaren Weinphilanthropen frei herumlaufen.

              Zum guten Schluss kommt Schneiders Lieblingswein, natürlich ein trockener Riesling von der Hermannshöhle, und zwar der Allerbeste, der Magnus aus handverlesenen Trauben, ein majestätisches Gewächs, opulent, aber nicht barock überfrachtet, ein Wein mit unerschöpflichen Nuancen, der aber über seine Vielschichtigkeit nicht zu einem unförmigen Koloss wird, weil er von der Spannkraft seiner Säure blendend in Form gehalten wird. Wir trinken aus, wir schenken nach, wir haben kein schlechtes Gewissen, nein, wir zitieren Oma Liesel: "Guter Wein, mäßig getrunken, schadet auch in größeren Mengen nicht. Des Morgens ein Gläschen, des mittags zwei, und des Abends vergisst man das Zählen dabei."

          Weingut Jakob Schneider, Winzerstraße 15, 55585 Niederhausen, Telefon: 06758/93533, www.schneider-wein.com.

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