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Geschmackssache : Die Kunst des kulinarischen Ehegattensplittings

Bild: Oliver Sebel

Gaststätten in Sportvereinen sind oft gastronomische Notstandsgebiete. Im Grunewald-Tennisclub ist das anders. Denn dort steht Sonja Frühsammer am Herd, die beste Köchin Berlins.

          3 Min.

          Welche ist die effektivste Methode, eine glückliche Ehe zu ruinieren? Man lässt zwei leidenschaftliche Köche pausenlos gemeinsam kochen und kann sich sicher sein, dass der eine es immer besser weiß als der andere, aus Liebe zwangsläufig Hass und aus Zärtlichkeit unweigerlich Verachtung wird, so dass am Ende zwar ein schmackhaftes Essen serviert wird, aber auch der Scheidungsanwalt mit am Tisch sitzt.

          Jakob Strobel y Serra
          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Bei Sonja und Peter Frühsammer herrscht höchste Ehezerrüttungsgefahr. Deshalb haben sich die beiden, exzellente Köche die eine wie der andere, für die Radikallösung entschieden: Ihr gehört die Küche, er macht den Sommelier und darf höchstens probieren. Das klappt ganz gut und hat Sonja Frühsammer immerhin zur besten Köchin Berlins werden lassen, zur einzigen Frau in der Hauptstadt mit einem Michelin-Stern.

          So ungewöhnlich wie diese Konstellation ist die Geschichte von Sonja Frühsammer. Die Berlinerin wurde in Australien geboren, woran wiederum ein Bayer schuld ist: Franz Josef Strauß, der in den sechziger Jahren Bundeskanzler zu werden drohte, was Sonja Frühsammers linkslastigen Vater zur fluchtartigen Emigration auf den fünften Kontinent veranlasste. Da damals jeder Deutsche in Australien nolens volens ein Nazi und Strauß doch kein Kandidat für höchste politische Weihen war, kehrte der Vater rasch nach West-Berlin zurück und ließ seine Tochter mit allen Freiheiten aufwachsen.

          Sie klapperte die besten Häuser Berlins ab

          Sie machte eine Kochlehre in der Kantine von Siemens, hantierte dort lustlos mit Tütensuppen, erlebte aber auch im Casino der hohen Herren Führungskräfte, dass man noch ganz anders kochen kann. Also kaufte sie sich einen Restaurantführer, klapperte die zehn besten Häuser Berlins ab und heuerte danach im „Alt-Luxemburg“ an, einer seligen Haute-Cuisine-Institution in der mauerbehüteten Viermächtestadt.

          Dann kamen zwei Kinder, und an eine Karriere als Spitzenköchin war vorerst nicht zu denken, sondern nur an eine Arbeit als Aushilfskraft in einem Catering-Unternehmen. Es gehörte Peter Frühsammer, der seinerseits in den achtziger Jahren einen Stern in Berlin erkocht hatte und sofort das Talent seiner Hilfsköchin erkannte.

          Recht flott kam das eine zum anderen: Privates wurde gründlich mit Beruflichem verquirlt, die Kochkunst der ehemaligen Tütensuppen-Mamsell immer virtuoser, und als sich die Gelegenheit bot, ein Restaurant in der terrakottafarbenen Villa des Grunewald-Tennisclubs zu eröffnen, dem früheren Wohnsitz der Operetten-Diva Fritzi Massary, gab es endgültig kein Zurück mehr auf dem Weg zum Sternenhimmel und zum kuriosesten Gourmetlokal der Hauptstadt: Man kommt an den Plaketten der Klubmeister, den Aushängen mit den Spielplänen und der Bar für die Vereinssiegesfeiern vorbei, bis man schließlich in einem lichtdurchfluteten Salon mit großzügigen Fensterfronten und freiem Blick auf lauter Tennisplätze sitzt – und jedes Interesse an Leibesübungen dieser Art spätestens in dem Moment verliert, in dem Sonja Frühsammer mit ihren Küchengrüßen zu einer viel schöneren Variante der Körperertüchtigung bittet.

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