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Kolumne Geschmackssache : Steillagenschätze mit Sirenengesang

Auf den Rheinschiffen wird meist alles serviert, nur kein Mittelrhein-Wein. Matthias Müller möchte die Region vor dem Verderben retten. Bild: Oliver Sebel

Das Mittelrheintal hat sich vom Lieblings- zum Stiefkind des deutschen Weinbaus entwickelt – ein Abstieg, dem sich ein Mann mit aller Macht entgegenstellt.

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          Käme der trinklustige Bonvivant Heinrich Heine heute an den Mittelrhein, wäre er noch viel trauriger als vor 192 Jahren. Und schuld daran wäre dieses Mal kein Märchen aus uralten Zeiten, kein Sirenengesang einer männermordenden Blondine, sondern ein Anblick, der jeden Weinliebhaber schmerzvoll ins Herz trifft: Zu beiden Seiten des Rheins sind seit Heines Zeiten Hunderte Hektar von Rebengärten verschwunden oder zu hässlichem Gestrüpp verkommen, schönste Steillagen, beste Südhänge, kostbarste Schieferparzellen, verloren aus Trägheit, Faulheit, Gleichgültigkeit, eine Tragödie mindestens ebenso groß wie das Schicksal der armen, grausamen Loreley.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Der Mittelrhein ist unter den blühenden deutschen Weinbauregionen ein trauriger Sonderfall. Im neunzehnten Jahrhundert bewirtschafteten seine Winzer noch zweitausend Hektar, kelterten Weine von Weltrang und mussten mit ihren Rieslingen keine Konkurrenz von der Mosel oder aus dem Rheingau fürchten. Doch dann wurde den Weinbauern die Arbeit in den steilen Hängen am Rheinufer zu mühsam. Sie verdienten lieber einfaches Geld in den Städten oder mit dem Tourismus der Rheinromantiker und Loreley-Liebhaber, der seit Clemens von Brentano, Achim von Arnim und Lord Byron wie geschmiert funktioniert – auch ohne Reben, weil sich Romantiker mehr für Weib und Gesang als für Wein interessieren.

          Weinbauer mit Superheldenambitionen

          Heute ist die Anbaufläche auf 460 Hektar gesunken, auf den Rheinschiffen wird meist alles Mögliche, nur kein Mittelrheinwein ausgeschenkt, und wenn die Gäste einen Landausflug machen, bekommen sie billige Schoppen aus Stahltanks vorgesetzt. Das ist ein Skandal, der unglücklicherweise nur die wenigsten der verbliebenen Winzer in Rage versetzt – einen dafür umso mehr, der die Weinbauregion Mittelrhein gemeinsam mit kaum einer Handvoll wackerer Mitstreiter vor dem endgültigen Verderben bewahrt hat.

          Dabei sieht Matthias Müller gar nicht aus wie ein rettender Engel, sondern eher wie ein gemütlicher, selbstgenügsamer Weinbauer ohne Superheldenambitionen. Doch das täuscht. Als er in den neunziger Jahren das elterliche Gut in Spay nahe Koblenz übernahm, dachte er gar nicht daran, die dreihundertjährige Familientradition ausplätschern zu lassen, sondern riss radikal das Steuer herum. Systematisch kaufte er aufgegebene Weinberge in besten Lagen, vergrößerte so seine Anbaufläche von zweieinhalb auf siebzehn Hektar, stieg damit in die Liga der Großwinzer am Mittelrhein auf und entwickelte sich zu einem freundlichen Qualitätsfanatiker, was der Weinwelt nicht verborgen blieb.

          Ernennung zum Unesco-Weltkulturerbe

          Im Jahr 2007 kam der erste Ritterschlag mit der Aufnahme in den Verband der deutschen Qualitätsweingüter, 2012 der zweite mit der Auszeichnung als Winzer des Jahres durch den Restaurant- und Weinführer „Gault Millau“. Für die endgültige Krönung sorgte er selbst mit dem Bau der schönsten, spektakulärsten Vinothek zwischen Bingen und Koblenz.

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