https://www.faz.net/-hs0-8n9e6

Kolumne Geschmackssache : Ein kulinarischer Palast ohne Arabesken auf dem Teller

Wenn Ali Güngörmüs einmal ins Morgenland reist, dann gleich in den ganz fernen Osten. Bild: Oliver Sebel

Ali Güngörmüs hat türkische Wurzeln und einen Michelin-Stern. Einen folkloristischen Fes setzt er seiner Haute Cuisine deshalb noch lange nicht auf.

          Der Restaurantkritiker ist ein arroganter Kotzbrocken, der den Koch provozieren will und wider allen Sinn und Verstand ein warmes Gazpacho verlangt. Der Koch ist ein stolzer Meister seines Fachs mit türkischem Blut und vulkanischem Temperament, der sich gerne provozieren lässt und einen fürchterlichen Eklat verursacht. Er stürmt an dem Tisch des Kritikers, beschimpft ihn nicht zitierfähig, rammt sein Kochmesser in die Tischplatte, ist auf der Stelle seinen Job los und heuert in einer heruntergekommen Frittenkaschemme an, die er nach allen Regeln der Haute Cuisine auf Vordermann bringt. So beginnt Fatih Akins Film „Soul Kitchen“, bei dem alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen reiner Zufall sind. Der Ort des Zwischenfalls ist allerdings zu hundert Prozent authentisch: Es ist Ali Güngörmüs’ Restaurant „Le Canard nouveau“ an der Hamburger Elbchaussee.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Ali Güngörmüs wirkt deutlich entspannter als der Koch im Film, und mit einem Messer fuchtelt er schon gar nicht herum. Vielleicht liegt das daran, dass ihm das Schicksal eine sättigende Portion Demut mit auf den Lebensweg gegeben hat. Er wurde 1976 als eines von sieben Kindern einer bescheidenen Bauernfamilie ganz tief in Anatolien geboren, durchlebte eine typische Gastarbeiterjugend in München, entschied sich dann aber im Gegensatz zu seinen Geschwistern für den eher gastarbeiteruntypischen Beruf des Kochs. In einem bayerischen Wirtshaus lernte er das Handwerk, und dass er am Herd seine Berufung gefunden hatte, merkte er spätestens während der freien Tage, an denen er die Münchner Gourmetlokale abklapperte – natürlich nicht, um von seinem kargen Lehrlingslohn dort zu essen, sondern um die ausgehängten Speisekarten auswendig zu lernen.

          Die Lehre schloss er mit Auszeichnung ab, der Freistaat Bayern spendierte ihm eine Begabtenförderung, und das Münchner Gourmeturgestein Karl Ederer nahm ihn – wie sich Güngörmüs bis heute wehmütig erinnert – mit diesen bärbeißigen Worten unter seine Fittiche: „Mir ist es scheißegal, ob du Türke bist, Hauptsache, du kannst kochen.“ Nach Stationen in den beiden Legendenlokalen „Tantris“ und „Schweizer Stuben“ verschlug es ihn nach Hamburg, wo er 2005 „Le Canard nouveau“ übernahm und prompt einen Michelin-Stern bekam, den er bis heute souverän verteidigt. Und Zeit für eine schwungvolle Fernsehkochkarriere hat er zwischendurch auch noch gefunden.

          Güngörmüs antwortet mit einer Falafel-Kugel

          Jetzt sitzt er uns in seinem Lokal als Idealbild der deutschen Integrationspolitik gegenüber, blickt über die Elbe auf die Kranwälder und Containerberge des Hamburger Hafens und begrüßt beiläufig den berühmten Architekten Meinhard von Gerkan, der mit seinem Büro über dem Restaurant residiert, im „Canard“ wie in seiner Kantine verkehrt und das ganze Ensemble als halbrunden Turm in der Form einer Schiffsbrücke entworfen hat.

          Weitere Themen

          Road Movie Video-Seite öffnen

          Modestrecke in Italien : Road Movie

          Jella Haase, Clemens Schick und Max von der Groeben sind demnächst im Kriminalfilm „Kidnapping Stella“ zu sehen. Mit uns sind sie an den Lago Maggiore gefahren.

          Topmeldungen

          Mordfall Lübcke : Die Falle der AfD

          Die AfD ist an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten. Die Krokodilstränen über den Tod eines Repräsentanten des „Systems“, das sie aus den Angeln heben will, kann sie sich sparen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.