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Geschmackssache : Die Eintrittskarte ins Himmelreich

Lebt gut mit der Verantwortung einer jahrhundertealten Tradition: Tobias Rocholl ist Chefkoch im Restaurant Brogsitter. Bild: Dr. Ulrich Loennecke

Sanct Peter im Ahrtal ist eines der ältesten Gasthäuser Deutschlands. Doch sein Gourmetrestaurant denkt nicht daran, sich von acht Jahrhunderten Geschichte vereinnahmen zu lassen.

          Als dieses Haus zum ersten Mal Erwähnung fand, hauten sich der Merowinger-König Chlothar II. und seine Verwandtschaft gerade in Bruderkriegen die Köpfe ein. Als es offiziell zum Gasthaus wurde, rüstete die Christenheit den siebten und letzten Kreuzzug aus, um das Heilige Land ein für alle Mal den Ungläubigen zu entreißen. Und als die jetzigen Wirtsleute begannen, Wein zu keltern, ahnte Europa noch nicht, welche Verheerungen ihm mit dem Dreißigjährigen Krieg unmittelbar bevorstanden. Bei so viel Geschichte wäre es ein Leichtes, die Vergangenheit hochleben zu lassen und Ritterbankette mit Strömen von Met zu veranstalten.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Doch die Wirtsfamilie denkt gar nicht daran und hat stattdessen ihr Gasthaus Sanct Peter, eines der ältesten in Deutschland und das älteste an der Ahr, gerade erst um einen Anbau für ihr Gourmetrestaurant erweitert, um dort eine zeitgenössisch modernisierte Weltküche zu servieren – allerdings unter einem Lüster aus Murano-Glas von kolossaler Pracht. Er hätte jedem Dogen beim Kreuzfahrer-Schröpfen zur Zierde gereicht.

          Weder stilistische noch geographische Grenzen

          Am 30. April 1246 schenkte Graf Karl-Friedrich von Are-Hochstaden auf seinem Sterbebett das im Jahr 600 erstmals erwähnte Gasthaus Sanct Peter als Eintrittskarte ins Himmelreich dem Kölner Domkapitel. Bis zur napoleonischen Säkularisierung 1805 sollte es im Besitz der Erzbischöfe bleiben, dann fiel es an einen bürgerlichen Besitzer aus Bonn, von dem es die Familie Brogsitter, Winzer und Weinhändler seit 1600, nach dem Zweiten Weltkrieg erwarb und als beliebte Tränke lustiger Zecher führte. Der legendäre Wappenvers des Weinbaugebiets – „Wer an der Ahr war und weiß, dass er an der Ahr war, war nicht an der Ahr“ – ist in Sanct Peter geschmiedet worden, dafür verbürgt sich der heutige Besitzer Hans-Joachim Brogsitter, der über mehr als 250 Hektar Weinberge an Ahr, Rhein und Mosel und einen weltumspannenden Weinhandel herrscht. Doch bei der Trinkerei sollte es nicht bleiben. Die Ahr bekam rechtzeitig die Kurve in Richtung Kultiviertheit, und das uralte Gasthaus erkochte sich in den achtziger Jahren einen Michelin-Stern, der bis heute gehalten wird und bei den Gästen kein nebulöses Vergessen mehr, sondern bleibende Erinnerung hervorrufen soll.

          Ihn zu verteidigen ist seit April die Aufgabe von Tobias Rocholl. Dass er sich dabei weder stilistische noch geographische Grenzen setzt, zeigt er von der ersten Sekunde an. Bei den Küchengrüßen macht der gebürtige Remscheider seiner Heimat noch mit einer bergischen Kottenbutter in einem hochfeinen, vor lauter Zartheit im Mund zersplitternden Pumpernickelröllchen die Honneurs.

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