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Geschlecht und Getränk : Fließende Grenzen

Typisch Mann? Angeblich trinken Männer lieber trockene Rotweine. Bild: dpa

Männer und Frauen haben unterschiedliche Vorlieben bei Weinen und Drinks - so lautet die weitverbreitete Annahme. Doch die alten Rollen lösen sich langsam auf. Ein wichtiger Unterschied aber bleibt.

          Jancis Robinson ist die einflussreichste Frau in der Welt des Weins. An der 65 Jahre alten Britin, die in Oxford Mathematik und Philosophie studierte, 1984 als eine der ersten Frauen die Prüfung zum „Master of Wine“ bestand und Herausgeberin des Oxford-Weinlexikons ist, führt kein Weg vorbei, wenn es um gute Weine geht. Sie ist die einflussreichste Weinkritikerin der Welt, zählt mit dem Amerikaner Robert Parker zu den bekanntesten Experten - und ist zugleich der Gegenentwurf zum großmäuligen Kritikerpapst von der anderen Seite des Atlantiks. Parker ist, typisch, für seine Liebe zu voluminösen Fruchtbomben bekannt. Jancis Robinson hingegen, die zurückhaltend und humorvoll ist, bevorzugt filigranere Weine und einen klassischen Stil.

          Peter Badenhop

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Robinson und Parker verkörpern zwei Fraktionen in der Weinwelt. Auf der einen Seite die lauten Männer, an vollmundigen, alkoholreichen und von Parker mit vielen Punkten ausgestatteten Spitzengewächsen interessiert. Auf der anderen die beherrschten Frauen, eher leichteren und eleganteren Tropfen zugeneigt. So zumindest ist das traditionelle Verständnis der Geschlechterrollen, wenn es um die zweitschönste Sache der Welt geht.

          Geschlechtergrenzen reißen ein

          Es scheint durchaus plausibel - schließlich ist es in anderen Aspekten des kulinarischen Lebens ganz ähnlich. Am Grill machen sich Männer über Bratwurst und Schweinenacken her, während Frauen schon mit Salaten und Grillgemüse glücklich werden. Und an der Bar sind Cognac und Whisky fest in männlicher Hand. Die Zahlen in diesem Marktsegment sprechen für sich, und die verzweifelten Bemühungen der Spirituosen-Hersteller, mit leichteren, weicheren Tropfen und verändertem Marketing auch weibliche Kundschaft anzulocken, machen die Sache offensichtlich: Männer trinken Schnaps, Frauen Likör.

          Ganz so einfach ist es aber doch nicht mehr. Die Whisky-Brenner und Whisky-Kenner zum Beispiel berichten seit Jahren von einem stetig wachsenden Interesse und zunehmenden Kenntnissen bei Frauen. Und auch beim Gin, der zur Zeit wohl populärsten Spirituose, sind die Damen auf dem Vormarsch. „Der Gin Tonic ist natürlich immer noch ein Klassiker, den in England Herren in Anzügen nach einem harten Tag in der Vorstandsetage schlürfen“, sagt Lesley Gracie, die Brennmeisterin der schottischen Marke Hendrick's. „Gin-Cocktails haben dagegen weiter eher ein weibliches Publikum. Aber die Grenzen sind längst fließend.“

          Meistens wählen Männer den Wein aus

          Der Frankfurter Szene-Mixer Yared Hagos, mit seiner Bar „The Parlour“ auch international bekannt, hat die Erfahrung gemacht, dass Frauen neugieriger sind als Männer. „Ihnen werden nur oft die falschen Drinks angeboten, weil viele Barkeeper glauben, sie müssten Frauen etwas Leichtes oder Süßes einschenken.“

          Das gilt nach Ansicht von Javier Villacampa auch beim Wein. „Viele Sommeliers meinen, Frauen wollten leichte Tropfen“, sagt der Restaurantleiter im Frankfurter Fünf-Sterne-Hotel Villa Kennedy. „Aber das stimmt nicht.“ Villacampa beobachtet zwar, dass noch immer meistens die Männer am Tisch den Wein aussuchen. Aber Frauen hätten oft den ausgeprägteren Geschmack. Und auch Villacampa erlebt die weibliche Kundschaft als offener und zugänglicher für Anregungen.

          Frauen kümmern sich nicht um das Prestige

          Jancis Robinson hält den alten Grundsatz, nach dem Männer lieber rote und trockene und Frauen lieber weiße und süßere Weine trinken, für Unfug. Zwar ist diese Auffassung noch immer weit verbreitet, in vielen Zeitschriften und Internetportalen gibt es Weintipps extra für Frauen. Tatsächlich hätten die Geschlechter aber gar keine unterschiedlichen Präferenzen, sagt die Engländerin. Vielleicht entschieden sich manche Frauen einfach nur gegen Rotwein, weil sie dunkle Flecken auf den Zähnen vermeiden wollten. Mit dem Geschmack habe das nichts zu tun.

          Der Unterschied ist in ihren Augen, dass Frauen Weine weniger nach Sozialprestige auswählen. Namen, Parker-Punkte und Preise beeindruckten vor allem Männer - wie Marken und PS-Zahlen beim Autokauf. Der wichtigste Unterschied aber bleibe ein anderer: Wegen der größeren Anfälligkeit für die Verheerungen des Alkohols trinken Frauen grundsätzlich weniger als Männer.

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