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Weinbau : Dürfen wir vorstellen?

  • -Aktualisiert am

Der Reiz des Eigenen: Teroldego-Trauben, eine autochthone Sorte aus dem Norden Bild: StockFood

Autochthone Rebsorten aus Italien: Sie sind zahlreich, aber sind sie auch gut? Die Vielfalt bietet jedenfalls erstaunliche Geschmackserlebnisse.

          Jedes Land hat seine ganz eigenen Rebsorten. Allerdings hat nicht jede das Zeug zum Global Player: Von Frankreich aus haben Chardonnay, Cabernet und Merlot die Welt erobert. In Deutschland ist König Riesling der Platzhirsch, er ist, international gesehen, zwar eine kleine Nummer, aber doch weit herumgekommen - bis nach Kanada, Tasmanien und Südafrika finden sich einzelne Rebpopulationen. Wie aber ist es um Italien bestellt, dem nach Weinproduktion größten Weinbauland der Welt? Salopp gesagt, gibt es dort in jedem Dorf einen anderen Köter - Rebsorten in Hülle und Fülle, von denen die allermeisten Weintrinker noch nie etwas gehört haben. Sie zählen zur Gruppe der autochthonen Weine - manche gibt es tatsächlich nur in einer einzigen Gemeinde.

          Nun stellt das Autochthone beim Wein, allein genommen, noch keinen Wert dar. Viele Rebsorten sind zu Recht an den Rand der Weinwelt gedrängt worden oder ausgestorben. Der erste Impuls für die Wiederentdeckung der autochthonen italienischen Sorten jenseits des Mainstreams ereignete sich in Italien um die Jahrtausendwende.

          Per Holztransfusion ins Weinregal

          Nur die allerwenigsten Sorten haben es seitdem tatsächlich in den Weinolymp geschafft, wobei es fast immer Rotweine sind, die zwei entscheidende Einflussfaktoren erfüllen mussten: maximale Farb- und Gerbstoffkonzentration sowie reichlich neues Holz. Diese unschlagbare Verbindung ist seit Ende der neunziger Jahre ein Garant für internationale Anerkennung gewesen, gleichzeitig aber auch ein Todesurteil für entscheidende Merkmale des Autochthonen: seine Originalität und Unverwechselbarkeit.

          Es waren Weinlegenden wie Girolame Dorigo oder Livio Felluga, die im norditalienischen Friaul seltene Sorten groß gemacht haben wie den bis zu diesem Zeitpunkt vollkommen unbekannten Refosco, indem sie dieser Sorte dank einer deutlichen Holztransfusion den Weg in die internationalen Weinregale ebneten. Gleiches gilt für Sorten wie den Trentiner Teroldego von Elisabetta Foradori oder die Südtiroler Sorte Lagrein vom Klosterweingut Muri-Gries.

          Doch das ist immerhin schon rund fünfzehn Jahre her, was ist heute mit den autochthonen Weinen los? Gibt es neue Tendenzen innerhalb der italienischen Winzerszene, die sich den autochthonen Sorten verschrieben hat?

          Und: was ist überhaupt eine autochthone Sorte? Darf eine wahrhaft autochthone Sorte nur aus einem Dorf, einer Gemeinde, einem Tal, einer Teilregion oder Region stammen? Ist sie überhaupt noch autochthon, wenn sie landesweit angebaut wird? Bei vielen dieser Weine stellt sich diese Frage zu Recht, zum Glück aber gibt es auch einige großartige Entdeckungen, die man nur findet, wenn man sich abseits ausgetretener Pfade bewegt. Zum Beispiel bei Luigi Boveri (www.boveriluigi.com) aus der südlichen Asti-Region mit einer weißen Rebsorte namens Timorasso, von der es weltweit nur rund zehn Hektar gibt. Bei Boveri fällt dieser Weißwein unter dem Namen „Derthona“ ungeheuer kraftvoll, ausladend und anhaltend aus. Ein echter Charakterkopf!

          Gropello, Marzemino, Cornalin

          In der Region Lombardei findet sich eine rote Rebsorte namens Gropello, von der es Erstaunliches zu berichten gibt: Das Weingut La Torre (www.pasini-latorre.com) kommt mit einem Garda Classico 2010 an den Start, der wahrhaft erstaunlich ist. Mit seinem Duft nach Karotte und Himbeeren, den herben Kräuternoten und den Ahnungen von Trockenfleisch ist er schon in der Nase ein Aha-Erlebnis. Im Mund spreizt sich der spröde Wein und macht sich mit herben Maulbeeraromen, mit viel Piment und Trockenpflaumen breit. Kein Langstreckenläufer, aber doch fast schon ein Barolo-Typ.

          Aufregend sind in Italien besonders Regionen wie das Aosta-Tal. Dort wächst der seltene Cornalin, er wird vom Großmeister Grosjean (www.grosjean.vievini.it) zu Höchstleistungen angespornt. Im historischen Terrassenweinberg „Vigne Rovettaz“ bringt dieser Rotwein vegetabile Noten, viel Stein und Erddämpfe ins Glas. Rauchig, aber ohne Holzeinfluss dreht er im Mund die ideale Kirschfruchtkugel. Keine Malolaktik, kernig und mit viel Biss. Der 2009er „Fumin“ von Grosjean war in großem Holzfass, hat dunkle Farbe, zeigt Veilchenduft und reichlich Kirsche. Enorm mineralisch, mit Wacholder an Bord zeigt er auch Laub und Tabak und weckt mit seinem mineralischen Rauchduft sofort Kamingefühle.

          Bleibt noch die Rebsorte Marzemino aus der Lombardei. Von San Bernardo (www.aziendasanbernardo.it) aus Poncarale bei Brescia kommt mit dem 2010er „Montenetto di Brescia“ ein verführerischer Rotwein mit opulenter Kirschfrucht, der zeigt, dass man mit dem Marzemino durchaus Staat machen kann. Dieser Wein zieht das ganze Stimmregister rund um Rosenblätter, Walderdbeeren und Veilchen. Das Schöne: alles das findet sich auch beim Trinken wieder! Wirklich eine der großen Entdeckungen!

          Die Entdeckungsreise lohnt

          Begegnungen wie diese zeigen, dass Italiens Weinlandschaft zwar schwer durchschaubar ist und dank des IGT/DOC/DOCG-Bezeichnungswirrwarrs selbst dem Experten oft genug ein Rätsel bleibt. Doch wer sich unvoreingenommen auf die Vielfalt dieses riesigen Weinlands einlässt, kann wahre Entdeckungen machen. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass aus dieser Genreserve an Rebsorten irgendwann Weine hervorgehen, die international Karriere machen. Bleibt zu hoffen, dass die Winzer der Versuchung widerstehen, die bislang immergleiche Klaviatur des internationalen Geschmacks rund um Vanille, Toast und Schwarze Johannisbeere zu spielen, und mutig zur Eigenständigkeit ihrer seltenen Sorten stehen.

          In Italien gibt es viele Weinsorten, von denen hier noch nie jemand etwas gehört hat. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis eine der vielen Sorten weltweit Karriere macht.

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