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Wein : Ist er zu stark, bist du zu schwach

  • -Aktualisiert am

Hier tickt die Gerbstoffbombe: Dank der Zuckerkonzentration schießt der Alkohol- und Säuregehalt des Amarone in die Höhe. Bild: DPA

Ausgerechnet eine der lieblichsten Weinlandschaften Italiens bringt den kraftvollsten Rotwein hervor, den es gibt - den Amarone.

          6 Min.

          Die letzten Ausläufer der Voralpen schlängeln sich im Valpolicella sanft in die Poebene hinein, zwischen den elegant dahinfließenden Kalksteinterrassen eingebettet sind hier und da Dörfchen, historische Villen oder Gutshöfe. Im Sommer zeichnen die Reben mit ihren Blätterdächern die Topographie der uralten Kulturlandschaft mit feinen Linien nach. Der Amarone aber ist alles andere als sanft: monumental, kraftvoll, wild und mächtig. Eine Alkohol- und Gerbstoffbombe, die mit enormer Säure zündet.

          Der Amarone ist das weingewordene Spiegelbild unseres Zeitalters: Höher, schneller, weiter heißt die Devise, Wachstum ist das A und O, und was technisch möglich ist, wird gemacht. Doch für eine derartige Form der Leistungssteigerung muss am Ende ein Preis gezahlt werden - wie beim Radrennsport.

          Bitterer Wein für den bitterkalten Norden

          Doch werfen wir einen Blick zurück. Vor einem Dreivierteljahrhundert, im Jahr 1939, nahm der kommerzielle Erfolg des Amarone seinen Anfang - und zwar in der Cantina Sociale von Negrar bei Verona im Valpolicella. Wie in vielen Teilen Italiens üblich, wird hier aus angetrockneten Trauben ein Süßwein hergestellt, der im Valpolicella rot ist und sich „Recioto“ nennt. Die Trauben werden dafür im September und Oktober geerntet und beim traditionellen „Appassimento“ für rund 120 Tage in gut durchlüfteten Scheunen auf Drahtgestellen oder in Holzkisten getrocknet. Dabei verlieren die Trauben dreißig bis vierzig Prozent an Flüssigkeit; Zucker, Fruchtsäure und Aromen konzentrieren sich, und es entstehen die charakteristischen Rosinen- und Tabaknoten.

          Doch dem Kellermeister in Negrar war in den dreißiger Jahren ein Unglück passiert: Die Hefen machten einfach kurzen Prozess mit dem unvergorenen Restzucker und lieferten ihm einen herben, gerbstoffreichen und trockenen Wein. Das Phänomen war im Valpolicella seit jeher bekannt und gefürchtet, weshalb den Weinen dann der Zusatzname „Amaro“ gegeben wurde - was bitter bedeutet. Und das war beileibe kein Kompliment, denn die fulminante portweinartige Süße des Recioto, in den sich die Kekse so vorteilhaft eintauchen ließen, war extrem begehrt und wurde teuer bezahlt. Doch die Genossen nutzen ihre Kontakte nach Kanada zu den vielen Exil-Italienern zwischen Vancouver und Halifax und exportierten den Wein in den bitterkalten Norden. Der „Amarone“ wurde zum Verkaufsschlager, zum Exporterfolg in die Welt bis heute.

          Die verheerende Spur auf der Zunge

          In 30 Jahren ist der Amarone im Preis auf 20 bis 40 Euro gestiegen und seine Produktion hat sich auf knapp zehn Millionen Flaschen fast verzehnfacht. Klar, Rotwein boomt, trockener Wein sowieso, und Höchstnoten bekommen vor allem die hinsichtlich Gerbstoff, Holzeinsatz, Extrakt, Säure und Intensität leistungsmaximierten Vertreter. Für dieses Weltbild ist der Amarone wie geschaffen; gäbe es ihn nicht, er müsste erfunden werden. Denn dank der Zuckerkonzentration beim Trocknungsprozess schlägt der Alkoholgehalt des Weins wie beim Hau-den-Lukas an die Glocke: 15, 16 oder gar 17 Prozent und mehr. Und das ohne Zugabe von Branntwein wie beim süßen Port.

          Technisch wurde die Amaroneproduktion inzwischen perfektioniert: Ventilatoren beschleunigen die Traubentrocknung und minimieren das Fäulnisrisiko - aber auch die begehrten Trocknungsaromen. Die Weine vergären oft in modernen Rotationstanks, dabei verwendet der Kellermeister leistungsstarke Gärhefen, und so manches Mal braucht es eine weitere Gärung im Sommer, damit der Zucker halbwegs vollständig vergärt. Nach zwei Jahren darf der Wein dann verkauft werden.

          Heute eifern die Produzenten dem Weinstil einiger Extremisten nach, die mit fast schwarzer Farbe, sehr hohen Alkohol- und Restzuckerwerten und maximalem Eichenholzeinsatz bei den meisten Kritikern besonders erfolgreich sind. Bereits ein halber Schluck von diesem Supersaft reicht aus, um auf der Zunge eine zwar eindrucksvolle, aber auch verheerende Spur zu hinterlassen. Gewaltig, ohne Frage - aber sind das die Eigenschaften, mit denen die essenskompatiblen italienischen Weine einmal unsere Herzen erobert haben? Und an genau dieser Stelle sind wir schon mitten im Hier und Jetzt der aktuellen Amarone-Szene angelangt.

          Die Schattenseiten des Amarone-Booms

          Denn die sanften Hügel des Valpolicella mit alten Rebsorten wie Rondinella, Corvina, Corvinone und Molinara sind eigentlich die Lebensspender für einen der leichtesten Weine Italiens: den Valpolicella. Stammt er aus der historischen Kernzone, wird noch der Zusatz Classico angehängt. Leider ist sein Image durch Überproduktion und mangelnde Sorgfalt - vorsichtig ausgedrückt - im Keller. Amarone hingegen boomt. Kein Wunder, dass inzwischen beinahe die Hälfte aller erzeugten Trauben getrocknet wird, um sie in Amarone zu verwandeln. Auf diese Weise verschwindet aber auch die Kenntnis, wie gut einfacher Valpolicella schmecken kann, denn die besten Trauben sind dem Amarone vorbehalten.

          Der Amarone-Boom und sein hoher Preis rufen inzwischen zwielichtige Akteure auf den Plan: Die Genossenschaft in Negrar durfte vor ein paar Jahren ihr Krisenmanagement bei einem handfesten Skandal in Kanada testen, der die Amarone-Branche erschüttert hat. „Ausgerechnet in Kanada“, seufzt Maketing-Manager Luca Bissoli, „tauchten seinerzeit riesige Mengen gefälschter Amarone auf. Die Fälscher haben unser Etikett nachgemacht und auf die getürkten Weine geklebt!“ Bissoli beißt sich noch heute auf die Lippen vor Ärger. „Kanada rutschte von Platz zwei unserer Exportstatistik auf Platz fünf.“

          Etwas Teer und viel Fleisch

          Inzwischen sucht die Cantina Anschluss mit ihrer ultrakonzentrierten Premiumlinie von Spitzen-Amarone aus Einzellagen. In Deutschland macht sie hingegen eine überaus gute Figur mit ihrem Amarone Classico, 15 Prozent Alkohol, rund 15 Euro bei Rewe. Kein großer, aber ein durchaus eleganter Amarone zu einem guten Preis. Den immer wieder auftauchenden Amarone-Fälschungen aus industriellen Mostkonzentraten soll übrigens ab dem Jahrgang 2010 endlich ein Riegel vorgeschoben werden, wenn das Gebiet, wie schon lange gefordert, das Spitzenprädikat DOCG erhält, bei dem jede Flasche mit einer numerierten Banderole gekennzeichnet wird.

          Zu den Amarone-Großmeistern zählt das Weingut Conti Guerrierri-Rizzardi aus Bardolino. Der „einfache“ Amarone „Villa Rizzardi“ von 2009 mit 15,5 Prozent Alkohol ist herrlich frisch, rund, elegant und läuft wie auf Gleisen (Bezug über www.superiore.de). „Wir versuchen, einen trinkbaren Wein zu bekommen“, sagt Giuseppe Rizzardi, „und weil es 2009 sehr warm war, haben wir die Trauben nicht so lange getrocknet.“ Sein 2009er Amarone aus der Einzellage „Calcarole“ wächst auf den historischen Kalksteinterrassen, zeigt feine Mineralität, etwas Teer, ist fester, hat viel Fleisch, Rosenblätter und Malz und spielt eine halbe Oktave tiefer. Ein enorm dichter, aber vielschichtiger Wein. Und eine exzellente Leistung.

          Eine faszinierende Chimäre - schokoladig und dicht

          Das Weingut Roccolo Grassi folgt mit seinem Valpolicella Amarone von 2006 dem Weg der Leistungsmaximierung (Bezug über www.wein-amarone.de). Der Wein ist mit seinen 17 Prozent Alkohol fett und dickflüssig und zeigt durch zu viel neues Holz selbst heute noch kaum Frucht. Im Mund machen sich die Gerbstoffe breit, der Wein hat zudem kein Spiel im Mund.

          Faszinierende Kraft: Amarone von Torre d’Orti. Bilderstrecke
          Faszinierende Kraft: Amarone von Torre d’Orti. :

          Das Amarone-Hoch gebiert immer wieder Start-up-Unternehmen wie das Weingut Torre d’Orti der Brüder Piona, gegründet im Jahr 2000. „Am Anfang hatten wir sehr viel Respekt vor dem Amarone, daher haben wir die ersten Jahrgänge zu Valpolicella Superiore deklassiert“, sagt Luciano Piona. Doch inzwischen trauen sich die Brüder mit ihrem Amarone auf den Markt. Das Ergebnis ist eine faszinierende Chimäre. Ihr 2009er Amarone (Bezug über www.bremer-weinkolleg.de, ca. 28 Euro) bringt schlappe 17,5 Prozent Alkohol auf die Waage, ist ein opulent-barocker Falstaff-Typ, ausladend reif, weich mit runden Gerbstoffen, sehr schokoladig und dicht.

          Kaum zu glauben, dass der Wein nicht auseinanderfällt; er bleibt dank der feinen Säure durchaus beschwingt und lebendig und hat eine enorme Länge und - natürlich - faszinierende Kraft. Angesprochen auf den hohen Alkoholgehalt, zuckt Luciano Piona nur die Schultern: „Wir in Europa sind die Einzigen, die damit Probleme haben. Die Inder und Chinesen können davon doch gar nicht genug bekommen.“ Das ist das Schicksal des Amarone: Die neuen Märkte sorgen für neue Vertriebskanäle, was die Winzer ihre Zweifel an der Richtigkeit des eingeschlagenen Weges in den Wind schlagen lässt.

          Endlich wieder stressfreier Amarone!

          Dass es auch ganz anders als in Richtung Konzentration geht, zeigt das Weingut Terre di Leone, gegründet vor vier Jahren. Auf vulkanischen Böden in bis zu 400 Metern Höhe wurden Terrassenmauern neu angelegt. Die Reben profitieren von der Kühle der Nacht und sind in doppelter Dichte als üblich gepflanzt; zudem werden sie nicht bewässert, damit die Pflanzen tief wurzeln. Nach der Ernte wurden die Trauben 150 Tage getrocknet, dann ohne Anquetschen kalt mazeriert, um viele Aromen zu extrahieren.

          Die ersten Jahrgänge sind vielversprechend. Vielversprechend anders. Der 2009er Amarone „Re Pazzo“ mit frischen 15 Prozent Alkohol zeigt eine brillante Nase rund um Bitterschokolade und Lack-Noten, ist im Mund reif, opulent, elegant, lebendig und hat gute Kraft, ohne übermütig zu sein. Er erinnert an dunklen Roh-Rohrzucker und zeigt eine hohe Integrität in Form einzelner, geschichteter Aromen, die sich fein voneinander abheben. Der 2007er Amarone (Bezug über www.vinisumisura.de) mit 16,5 Prozent legt noch eins drauf und ist ein hocheleganter, extrem feiner Wein mit hochreifen Gerbstoffen, schwebend in der Aromatik und aggressionsfrei, und er zeigt enorme Frucht. Endlich wirklich stressfreier Amarone!

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