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Wein : Ist er zu stark, bist du zu schwach

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Hier tickt die Gerbstoffbombe: Dank der Zuckerkonzentration schießt der Alkohol- und Säuregehalt des Amarone in die Höhe. Bild: DPA

Ausgerechnet eine der lieblichsten Weinlandschaften Italiens bringt den kraftvollsten Rotwein hervor, den es gibt - den Amarone.

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          Die letzten Ausläufer der Voralpen schlängeln sich im Valpolicella sanft in die Poebene hinein, zwischen den elegant dahinfließenden Kalksteinterrassen eingebettet sind hier und da Dörfchen, historische Villen oder Gutshöfe. Im Sommer zeichnen die Reben mit ihren Blätterdächern die Topographie der uralten Kulturlandschaft mit feinen Linien nach. Der Amarone aber ist alles andere als sanft: monumental, kraftvoll, wild und mächtig. Eine Alkohol- und Gerbstoffbombe, die mit enormer Säure zündet.

          Der Amarone ist das weingewordene Spiegelbild unseres Zeitalters: Höher, schneller, weiter heißt die Devise, Wachstum ist das A und O, und was technisch möglich ist, wird gemacht. Doch für eine derartige Form der Leistungssteigerung muss am Ende ein Preis gezahlt werden - wie beim Radrennsport.

          Bitterer Wein für den bitterkalten Norden

          Doch werfen wir einen Blick zurück. Vor einem Dreivierteljahrhundert, im Jahr 1939, nahm der kommerzielle Erfolg des Amarone seinen Anfang - und zwar in der Cantina Sociale von Negrar bei Verona im Valpolicella. Wie in vielen Teilen Italiens üblich, wird hier aus angetrockneten Trauben ein Süßwein hergestellt, der im Valpolicella rot ist und sich „Recioto“ nennt. Die Trauben werden dafür im September und Oktober geerntet und beim traditionellen „Appassimento“ für rund 120 Tage in gut durchlüfteten Scheunen auf Drahtgestellen oder in Holzkisten getrocknet. Dabei verlieren die Trauben dreißig bis vierzig Prozent an Flüssigkeit; Zucker, Fruchtsäure und Aromen konzentrieren sich, und es entstehen die charakteristischen Rosinen- und Tabaknoten.

          Doch dem Kellermeister in Negrar war in den dreißiger Jahren ein Unglück passiert: Die Hefen machten einfach kurzen Prozess mit dem unvergorenen Restzucker und lieferten ihm einen herben, gerbstoffreichen und trockenen Wein. Das Phänomen war im Valpolicella seit jeher bekannt und gefürchtet, weshalb den Weinen dann der Zusatzname „Amaro“ gegeben wurde - was bitter bedeutet. Und das war beileibe kein Kompliment, denn die fulminante portweinartige Süße des Recioto, in den sich die Kekse so vorteilhaft eintauchen ließen, war extrem begehrt und wurde teuer bezahlt. Doch die Genossen nutzen ihre Kontakte nach Kanada zu den vielen Exil-Italienern zwischen Vancouver und Halifax und exportierten den Wein in den bitterkalten Norden. Der „Amarone“ wurde zum Verkaufsschlager, zum Exporterfolg in die Welt bis heute.

          Die verheerende Spur auf der Zunge

          In 30 Jahren ist der Amarone im Preis auf 20 bis 40 Euro gestiegen und seine Produktion hat sich auf knapp zehn Millionen Flaschen fast verzehnfacht. Klar, Rotwein boomt, trockener Wein sowieso, und Höchstnoten bekommen vor allem die hinsichtlich Gerbstoff, Holzeinsatz, Extrakt, Säure und Intensität leistungsmaximierten Vertreter. Für dieses Weltbild ist der Amarone wie geschaffen; gäbe es ihn nicht, er müsste erfunden werden. Denn dank der Zuckerkonzentration beim Trocknungsprozess schlägt der Alkoholgehalt des Weins wie beim Hau-den-Lukas an die Glocke: 15, 16 oder gar 17 Prozent und mehr. Und das ohne Zugabe von Branntwein wie beim süßen Port.

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