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Szenetrend Rohkost : Rohe Revolution

  • -Aktualisiert am

Enzyme, Enzyme: Rohkost für jeden Tag. Bild: Picture Press

Nach Vegetariern und Veganern sind jetzt die Rohkostler dabei, den Markt der alternativen Ernährung zu erobern: Restaurants werden eröffnet, und es gibt eine eigene Messe. Ein Szenetrend auf dem Weg zur Massentauglichkeit.

          6 Min.

          Was Jazep Waskowski da auftischt, klingt verführerisch. Genauso schmeckt es auch: Spinatpizza, Kräcker mit Frischkäse-Aufstrich, als Dessert ein paar Pralinen. Doch dahinter steckt mehr als reine Gaumenfreude. Eigentlich ist es ein subtiles Täuschungsmanöver, ein kulinarischer Etikettenschwindel, wenn man so will. Der Pizzaboden zum Beispiel besteht aus Sellerie, Petersilie, Leinsamen und getrockneten Tomaten, ebenso die Kräcker. Den Frischkäse zaubert Waskowski aus zerstoßenen Cashewkernen. Und selbst die Pralinen enthalten kein Gramm Schokolade, sondern Carob, einen Schokoersatz aus der Frucht des Johannisbrotbaums.

          Doch wozu das Ganze? Die Antwort erscheint einfach und ist doch weitreichend: Jazep Waskowski ist Rohkostler. Speisen oder Getränke, die jemals, also bei der Zubereitung oder während des Herstellungsprozesses der Bestandteile, auf über 42 Grad Celsius erhitzt wurden, lehnt er ab.

          Und er ist nicht allein. Die Bilder von industrieller Massentierhaltungen und jeder weitere Lebensmittelskandal treiben die Konsumenten inzwischen in Scharen zu alternativen Ernährungskonzepten, allen voran zu Vegetariern und Veganern. Als Vegetarier bezeichnen sich nach Angaben des Vegetarierbunds Deutschland (Vebu) mittlerweile über sieben Millionen Menschen in Deutschland, ein echtes Massenphänomen. Ihnen zugerechnet werden die rund 700 000 Veganer, also Menschen, die neben Fleisch und Fisch auch den Verzehr tierischer Produkte wie Milch, Eier oder Honig ablehnen. Rohkostler, so schätzt man beim Vebu, dürften inzwischen bis zu 500 000 Menschen sein, zumindest, wenn man auch jene hinzurechnet, die ihre Nahrung nur teilweise auf rohe Kost umgestellt haben. Nicht mitgezählt werden jene Rohkostler, die rohes Fleisch, rohen Fisch oder gar rohe Eier verzehren. Selbst innerhalb der Rohkostbewegung gelten sie als Exoten.

          Was bringt Menschen dazu, auf eine Pizza, eine Tasse schwarzen Tee oder Kaffee, einen Kartoffelauflauf, selbst auf eine Reispfanne oder einen Gemüseeintopf zu verzichten, nur weil sie gebraten, gebacken oder gekocht wurden? „Die Enzyme“, antwortet Waskowski wie auf Kommando. „Werden Obst oder Gemüse auf Temperaturen von über 42 Grad Celsius erhitzt, gehen die meisten Enzyme, aber auch hitzeempfindliche Vitamine verloren.“ Genau diese Enzyme aber, so Waskowski, seien für eine gesunde Verdauung unerlässlich. „Wenn man einen Apfel isst“, erklärt er, „dann liefert er die Werkzeuge, die der Körper zu seiner Verdauung in Form von Enzymen braucht, gleich mit. Erhitzt man ihn vorher, nimmt man ihm diese Werkzeuge und erschwert dem Körper die Aufnahme wichtiger Inhaltsstoffe.“

          Vorurteil des B12-Mangels hält sich hartnäckig

          Alternative Ernährungskonzepte haben Hochkonjunktur. Und wie die Anhänger anderer Ernährungsphilosophien sehen sich auch die Rohkostler Vorurteilen ausgesetzt. Das hartnäckigste ist der Vorwurf der Mangelernährung. Bei veganer Rohkost, warnt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), bestehe die Gefahr der Unterversorgung mit wichtigen Nährstoffen, allen voran Vitamin B 12; Blutarmut könne die Folge sein.

          Einem Vitamin B-12-Mangel wurde bislang vor allem durch den Verzehr fleischlicher Nahrung vorgebeugt. Heute weiß man allerdings, dass pflanzliche Nahrung wie etwa Weizengras oder Süßlupinen nicht nur Vitamin B 12 liefert, sondern auch körpereigene Darmbakterien anregt, das Vitamin in ausreichendem Maße bereitzustellen.

          Jazep Waskowski wiegelt ab. Das seien Vorwürfe, denen sich Vegetarier und Veganer seit Jahrzehnten ausgesetzt sehen. Es sei wie bei jeder anderen Form von Ernährung, ob nun fleischlich oder pflanzlich, roh oder gekocht: Ist sie zu einseitig, zeigen sich früher oder später Symptome von Mangelernährung. Ein ausgewogener, abwechslungsreicher Speiseplan und eine gesunde Darmflora, so Waskowski, seien der beste Schutz vor Nährstoffmangel.

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