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Street Food : Drinnen und draußen zugleich

  • -Aktualisiert am

Mit Genuss eintauchen in die Menge: „Markthalle Neun“ im Kreuzberger Wrangelkiez. Bild: Florian Niedermeier

„Street Food“ ist, Achtung Wortspiel, in aller Munde. Ein öffentlicher Ort, an dem sich Hunger und Koch auf besondere Weise finden, ist eine Markthalle in Berlin. Ein Rundgang.

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          Wenn Koch und Hunger im mehr oder weniger öffentlichen Raum zusammentreffen, spricht nicht nur der Fachmann neuerdings von „Street Food“. Die Bandbreite ist schier unendlich, vom vertrauten Imbissstand mit Currywurst, Pommes, Döner oder Eis über die kürzlich hier vorgestellten Food-Trucks in den Vereinigten Staaten bis zu den bunten „night markets“ in Südostasien. Plötzlich aber scheint das Phänomen noch eine ganz neue Faszination zu gewinnen. Warum nur? Ganz einfach: Street Food verhält sich zu herkömmlichen Restaurants wie Foodblogs zum traditionellen Verlagswesen: Die Eintrittsschwelle ist gering, der Beteiligungsgrad hoch, die Aktualität immens. „Street Food“, schreibt der „Oxford Companion on Food“, „ist oft viel interessanter als das Essen in Restaurants.“

          Die Google-Online-Suche übersetzt „Street Food“ mit „Bürgersteig-Delikatessen“ und zeigt damit: Es handelt sich um ein urbanes Phänomen. Städte haben nicht nur Bürgersteige, sie schwellen auch seit jeher an Markttagen in ihrer Größe durch Anbieter und Käufer erheblich an und erreichen eine kritische Masse, bei der so viele Menschen fernab von Heim und Herd sind, dass sich ein einfaches Essensangebot auf die Schnelle lohnt. Aber auch Bratwurststände am Bahnhof, Hot Dogs im Stadion oder Empanadas am Strand von Rio sind Beispiele dafür, dass der Koch dem Hunger folgt und die Urszenerie der Bewirtung an sich, ohne feste Installation und Investition, eine flexible ist.

          Spontane zwischenmenschliche Atmosphäre

          Die Stadt Fukuoka im Süden Japans zum Beispiel ist berühmt für ihre „Yatai“, Imbissstände, die auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zurückgehen, als viele japanische Heimkehrer sich so eine Nische in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten schufen. Fans rühmen die spontane zwischenmenschliche Atmosphäre, die hier herrscht. Heute sind die Stände durch die Behörden bedroht, die diese Aneignung öffentlichen Raums nur noch widerwillig dulden.

          Doch die Street-Food-Gratwanderung zwischen Freiheit und Hygiene, Spontaneität und Instrumentalisierung ist nirgends einfach. Singapur hat seine Straßenköche in den achtziger Jahren in staatlich geführte, klimatisierte „food courts“ zwangsumgesiedelt und veranstaltet Anfang Juni dieses Jahres den ersten World Street Food Congress. Städte verändern sich, und mit ihnen Straßen und das schnelle Essen. Neue Restaurants tendieren zum zwanglosen Stil der Street-Food-Stände, eine Gegenreaktion auf die oft immer noch steife Welt der Spitzengastronomie.

          Was fördert die Entwicklung des Draußenessens? Der „Companion on Food“ hat eine naheliegende Vermutung: „Zu den entscheidenden Faktoren, wie präsent und vielfältig Street Food ist, zählt ganz offensichtlich das Klima. Ein gemäßigtes oder warmes Klima vereinfacht solche Unternehmen nicht nur, sondern sorgt auch für eine größere Zahl von Passanten, die nicht nur darauf bedacht sind, der Kälte zu entfliehen.“ Doch dass Street Food etwa hierzulande mittlerweile ein Thema ist, das weit über Wurst und Döner hinausgeht, liegt nicht nur an der Klimaerwärmung; die sorgt schließlich neben wärmeren Sommern auch für längere Nassperioden und kältere Winter. Vielmehr spielen dabei die menschliche Neugier und die Sehnsucht nach Gesellschaft eine Rolle.

          Das Essen in der „Markthalle Neun“ wird frisch zubereitet.

          Kalte Winter und nasse Herbste in nördlichen Breitengraden bedeuten nicht, dass es keine Märkte gäbe. Man muss nur ein bisschen weiterschauen als Google mit Streetview auf Fassaden und Bürgersteige. Bereits die Römer hielten in den besetzten germanischen Provinzen Märkte möglichst in eigens dafür errichteten Hallen ab, und während der großen Industrialisierungs- und Urbanisierungswelle Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg, als die herkömmlichen Bauernmärkte unter freiem Himmel aus allen Nähten platzten und hygienisch nicht mehr vertretbar waren, erkannten Städte erneut den Wert solcher Orte. „Faneuil Hall“ in Boston oder die „Vanha Kauppahalli“ in Helsinki sind Beispiele in Städten mit klimatischen Hürden, der „Mercat de la Boqueria“ in Barcelona zeigt, dass solche Bauten auch in wärmeren Gefilden Sinn machen.

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