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Raus ins Grüne : Das Leben ist ein Picknick

Der Picknickkorb ist für jedermann gemacht, der die bekannte Welt an einen fremden Ort transportiert, an dem es dennoch so schmeckt wie in der zweifachverglasten und kältegedämmten Wohnung. Bild: plainpicture/Johner

Die Picknicksaison steht vor der Tür – und stellt wichtige Fragen. Was gibt es zu essen? Packt man den Weidenkorb oder den Korb aus Plastik? Was, wenn man kein Interesse hat, aber der Familie zuliebe mitgeht? Und was zieht man an?

          Schon beim Picknickkorb fängt es an: Die Auswahl ist vielfältig, aber welcher passt zu mir? Dem Geheimnis des Picknickkorbes könnte man sich mit jenem italienischen Stilgefühl nähern, das von Tradition erzählt und dabei ein bisschen blendet. Da ist zunächst die Hülle, ein Gerüst aus Weidengeflecht, das aber nach 24 Stunden Handarbeit aussieht. Die Verschlüsse sind mit Leder verkleidet, und das Geschirr – Porzellan – gurtet der Korb-Besitzer in einem letzten Arbeitsschritt fest, nachdem er sich sein Modell selbstverständlich bequem online bestellt hat.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Gewissermaßen der Rolls-Royce unter den Picknickkörben ist dort die britische Traditionsmarke Optima. Aber auch die Firma Hoff aus Nürnberg rüstet mit zahlreichen Modellen gegen den unter Deutschen stets beliebten Wäschekorb auf, der als getarnter Picknickkorb besonders hässlich verkleidet ist. Doch selbst Profis verteidigen den Wäschekorb bis aufs Messer. „Wenn das Wetter einmal stimmt, dann sollte man nicht lange zögern und das nehmen, was gerade zur Hand ist“, sagt beispielsweise Marlene Bunke, Autorin des Ratgebers „Picknick für alle Jahreszeiten“. Sie ergänzt: „Das Essen lässt sich in Tücher wickeln, die man später beim Picknick als Sets verwenden kann, und anstelle einer Picknickdecke, die von einer Seite wasserabweisend ist, könnte man doch einfach eine Tischdecke verwenden.“

          Auch im Namen stecken bei einem Picknick Hinweise auf mühelose Leichtigkeit. Im Französischen bedeutet pique nique sinngemäß, eine Kleinigkeit aufzupicken. Dort wurde das Picknick vermutlich im 17. Jahrhundert populär, als der Adel Gefallen an dem Speisen auf Waldlichtungen nach der Jagd fand. Im 18. Jahrhundert schaffte das Picknick dann den Sprung über den Ärmelkanal nach Großbritannien, und im 19. Jahrhundert wurde der erste Picknickkorb mit von innen festgeschnalltem Silberbesteck und Geschirr für Queen Victoria kreiert. Seitdem ist er wohl beides: ein Fluch, der unpraktisch und schwer zu tragen ist, und eine Faszination, die an einen überperfekten Tag und die Vergangenheit erinnert. So zitiert der Weidenkorb mit seinem geflochtenen Gerüst Tradition – für die Manufactum-Familie von nebenan in der Großstadt.

          Denn ein Picknick wird wohl weder jemand organisieren, der das Abenteuer sucht, noch jemand, der großes Interesse daran hat, in einem Zelt zu schlafen. Und es sind auch nicht die Jäger und Angler, die sich für einen Korb voll Speisen von zu Hause begeistern lassen. Anstelle dessen ist der Picknickkorb für jedermann gemacht, der die bekannte Welt an einen fremden Ort transportiert, an dem es dennoch so schmeckt wie in der zweifachverglasten und kältegedämmten Wohnung. Mit der wachsenden Stadtbevölkerung wird es dort in Zukunft wohl immer enger werden. Das hält niemand lange aus.

          Erlebnispark? Erlebnispicknick!

          Zum nächsten See fahren kann jeder. Wir zeigen Ihnen acht Plätze, an denen das Picknick zum Happening wird.

          • Mit Rahmenprogramm: Picknick und Klassikkonzert in Nürnberg am Luitpoldhain (22. Juli und 4. August) oder Theater-Picknick auf dem Neroberg in Wiesbaden (6.-28. Juli, freitags und samstags).
          • Mai-Picknick: In Berlin traditionell am 1. Mai auf dem Mariannenplatz während des MyFests als Gegenprogramm zu den Krawallen.
          • In den Bergen: Die zwei Stunden Fußmarsch bis zum Schrecksee in den Alpen lohnen sich. Dann gibt es Brotzeit.
          • Am Strand: „Picknick für alle Jahreszeiten“-Autorin Marlene Bunke empfiehlt das Essen mit den Gezeiten – zum Beispiel am Ostseestrand „Brodtener Ufer“.
          • Auf Rädern: Beim Rollerverleih Leipzig eine Vespa mieten und dort auch gleich das Picknick einpacken lassen.
          • Picknick international: Eigentlich schon in Holland – 100 Meter hinter der deutschen Grenze im Dreiländereck auf dem Drielandenpunt.
          • Eisenreich: Früher Industriestandort, heute Weltkulturerbe mit Picknickplatz – Völklinger Hütte im Saarland.
          • Mister Liberty: Erinnert optisch an das männliche Pendant zur Statue of Liberty, ist aber gleich um die Ecke. Picknicken am Fuße des Hermannsdenkmals im Teutoburger Wald.
          Picknicken am Fuße des Hermannsdenkmals im Teutoburger Wald.

          Vegetarischer Feinsinn

          Selbst bei der Vesper lässt sich Verzicht üben. Fleisch und Aufschnitt sucht man in diesem Picknickkorb lange. Wir stehen schließlich nicht am Grill. Dort demonstrieren Männer unter heftiger Qualmentwicklung, dass man gar nicht kochen können muss, um etwas Anständiges zwischen die Zähne zu bekommen. Das vegetarische Picknick tritt ihnen mit Feinsinn entgegen.

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