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Gemeinsam gut essen : Auf nach Foodstock

Feinschmecker unter den Hochbahngleisen: Beim „Diner en blanc“ in der Hauptstadt treffen sich Leute, die nicht leicht an einen Tisch zu bekommen sind. Bild: Andreas Pein

Junge Leute haben das gute Essen als Zeichen des guten Lebens entdeckt. Auf Genusspartys feiern sie gemeinsam ihr neues Hobby - bevor es um 23 Uhr nach Hause geht.

          Ausgerechnet Lamm. Daria, 21 Jahre alt und im vierten Semester Psychologiestudentin, kaut auf dem ersten Stück Fleisch ihres Lebens herum. Noch bis vor zwei Sekunden war sie strenge Vegetarierin, eine, die als Kind von der Mutter gelernt hat, Fleisch sei Gift. Vor einer Stunde hat sie sich zu diesem „Taste Festival“ in Berlin verirrt. Daria sagt, sie sei eigentlich nur mitgekommen, weil ein Freund das Event für seinen Blog fotografieren wollte. Wie viele junge Menschen vor ihr stolpert sie nun also auf einem Festival zufällig in Drogen hinein. Sie probiert für sich die Droge Fleisch aus - und wählt gleich die Sorte, die richtig reinhaut. Was Daria verspeist, ist keine geschmacklich zurückhaltende Pute und auch keine Teewurst, die ästhetisch nicht mehr als Tier erkennbar ist, sondern Lamm, jenes Fleisch, von dem viele sagen, es schmecke noch nach dem Stall, in dem es aufgewachsen sei. Darias Urteil über ihr Erlebnis klänge nach einer Halluzination: „Fleisch schmeckt nach Blumen“ - schwämme das Stück nicht in einer Lavendel-Zimt-Soße, mit einem Krautstrauch obendrauf als Dekoration.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dazu reichen Kellner den Gästen während des gesetzten Abendessens Balsamicokartoffeln und gebackene Möhren sowie Salat mit Ziegenfrischkäsepralinen in einem Mantel von Stiefmütterchen und Geranien. Alina, mit 24 im gleichen Alter wie die meisten hier, studiert in Weimar im achten Semester Produktdesign; sie ist kulinarisch beherzter als Daria, aber in diesem Fall einer Meinung mit der Tischnachbarin: „Blüten haben einen echten Geschmack. Nur die Nelken sind etwas ledrig.“ Zu Hause in Weimar bekommt Alina regelmäßig Anrufe von der Mutter, etwa an Sonntagvormittagen, nachdem die ganze Fünfer-WG der Tochter gerade Quarksoufflé gefrühstückt hat. Die Mutter erkundigt sich dann nach Rezepten.

          Gutes Essen gehört zum geglückten Leben

          Viele junge Menschen wie Alina, die ihr soziales wie das hoffentlich erfolgreiche Berufsleben im Auge behalten, haben ein neues Hobby, das sie mit Fremden oder Freunden teilen und das sie gerade brennend interessiert: gutes Essen. Sie selbst sind oft noch mit Vätern aufgewachsen, die sich erst mit dem Abendessen beschäftigten, wenn alles auf dem Tisch stand, und mit Müttern, die sagten, sie könnten nicht kochen - und damit eigentlich meinten, sie seien zu emanzipiert, um sich für die Familie an den Herd zu stellen.

          Doch für viele Deutsche gehört gutes Essen inzwischen einfach zu einem geglückten Leben. Die Zahl der Esser steigt auch mit den Angeboten: Anstatt „vortrinken“ zu gehen, lädt heute immer irgendein Gleichaltriger zur Dinner-Party; Studenten organisieren auf ihrem Campus Slow-Food-Märkte und schenken sich gegenseitig Gutscheine für Pop-up-Restaurants; Koch-Blogs inspirieren Leser, die nie in Kochbücher schauen würden, dazu, sizilianische Panelle in der Pfanne zu brutzeln. Und am Kiosk steht man vor einem Regal bunter Food-Magazine, die Tomaten mit Dönerfleisch auf ihre Titelseiten heben und nicht so aussehen, als würden sie sich an eine bessere Gesellschaft richten, die in ihrer Freizeit auf Sylt oder in Kitzbühel speist, sondern an jene 56 Prozent der Deutschen, für die das Essen nach Umfragen des Instituts für Demoskopie Allensbach eben Teil der Lebensqualität ist.

          Foodies: Fürs „Taste Festival“, ebenfalls in Berlin, reisen sie weit an.

          Einer der Impulse für das Phänomen kam aus Frankreich. Dort nahm es vor zwölf Jahren der Kulinarikführer „Le Fooding“ mit dem Kritiker-Giganten Michelin auf. Bis dahin, sagt einer der beiden Gründer, Alexandre Cammas, seien gesellschaftliche Brüche wie „1968“ keine ernstzunehmenden Einflüsse in der tonangebenden Küche des Landes gewesen: „Eine Haute Cuisine ersetzte die nächste.“ Anders bei: „Le Fooding“; der Food-Guide knüpft sich ungewöhnliche kulinarische Konzepte von nebenan vor und ist neugierig. In dem jährlichen Restaurantführer findet der Reiswein des Japaners mit dem Hinweis „Sake galore“ ebenso Erwähnung wie der kleine Pizza-Van - „ein echter Schatz“. Wer das ebenfalls so sieht, trifft sich ein paarmal im Jahr am Rande von Paris bei Cammas’ Partys, die „Le Grand Fooding“ oder „Foodstock“ heißen. Im Mai wurde mit einem Lagerfeuer, guten Tapas und Live-Musik gefeiert. „Es geht darum, alle Sinne zu bedienen“, sagt Cammas. Obwohl diese Partys die Massen anlockten, seien sie immer noch „ein sehr privater Quell des Glücks“.

          Alex, 25 aus Berlin, denkt ähnlich über die Food-Party seiner Stadt. Seit drei Wochen redet er mit der Freundin Lena, 26, von nichts anderem als dem „Diner en blanc“, das zum ersten Mal 1988 spontan in Paris gefeiert wurde und sich allmählich auch in deutschen Städten etabliert. Wer dort Fleisch essen möchte, muss es zunächst selbst zubereiten; er muss seine eigenen Möbel, eigenes Geschirr mitbringen und sich ganz in Weiß kleiden.

          Auberginenscheiben, Zucchiniwürfel, Pesto-Schichten

          „Guck mal, passt doch“, sagt Alex zwei Stunden vor Beginn und lacht. Der Architekturstudent steht in Lenas Küche. „Außer dem T-Shirt ist alles geliehen.“ Nun aber wollen Schälchen mit Blätterteigwänden eingerichtet werden, mit Auberginenscheiben, Zucchiniwürfeln und Pesto-Schichten. Alex viertelt Champignons und sieht in seinem weißen Aufzug aus wie ein Koch. Oder eben so, als passe er genau in diese Wohnung. Der weiße Lack von Ikea an den Tischen, Schränken, Regalen, Betten und Kommoden lässt die Räume steril daherkommen - na ja, bis die pürierten Himbeeren, das zerstückelte Fleisch der schwarzen Oliven und die Champignons, die langsam an der Luft braun werden, das Bild bunt aufmischen.

          Leute wie Alex sind so enthusiastisch, dass man ihnen glatt auch ein Pop-up am „Restaurant Day“ zutrauen würde; die Initiative, 2011 in Finnland geboren, lockt Hobbyköche mit der Idee, an bestimmten Terminen einen Tag lang im Wohnzimmer oder Hinterhof ihr eigenes Restaurant oder Café zu eröffnen. Am 19. August steht der nächste Termin an; auf der Facebook-Seite des „Restaurant Day“ haben sich Enthusiasten aus Boston, Amsterdam, Madrid und anderen Städten gemeldet. Ein User fragt: „How do I register a restaurant day club for Zimbabwe?“

          „Weiß - von oben bis unten. tisch und stühle. tischdeko.“

          Jetzt in Berlin meldet sich um halb fünf Uhr hingegen „16. Juni“, lokaler Organisator des „Diner en blanc“, über Facebook. Der Ort der Food-Party ist bis dahin unbekannt und wird es auch noch eine Weile bleiben. „16. Juni“ teilt die Gäste lediglich in Gruppe eins und zwei, informiert über unterschiedliche Treffpunkte und wiederholt noch einmal die Regeln: „weiß - von oben bis unten. tisch und stühle. tischdeko. so lange repetieren, bis ihr nachts hochschreckt und es aufzählt.“ Solche Regeln, davon ist Trendforscher Jens Lönneker vom Rheingold Institut überzeugt, würden wieder reizvoller: „Man sucht sich etwas, das jeder befolgen kann, das beim Essen zum Beispiel dem traditionellen Muster der Familie am Abendbrottisch ähnelt.“ So erlebe man Gemeinschaft.

          Die bildet sich automatisch ein paar Stunden später am „Diner en blanc“-Treffpunkt, dem U-Bahnhof Eberswalder Straße. Dort sehen schließlich alle gleich aus. Der Ort ist gut zu erreichen, auch für Leute, die kein Auto haben, wie viele junge Menschen heute, die schon deshalb ein bisschen Geld sparen, das sie dann anders ausgeben, zum Beispiel für außergewöhnliches Essen. Das „New York Magazine“ stellte sich im März verblüfft die Frage, seit wann 25 Prozent des Gehalts junger Leute für Essen draufgehen. Mit 12 Prozent des Einkommens sind die Deutschen da zwar bescheidener; doch auch hierzulande sei die Tendenz steigend, so das Institut für Handelsforschung.

          Manche haben Kronleuchter im Gepäck

          Während die gelbe U2 in Berlin über die Hochbahngleise Richtung Wedding rattert, machen sich jetzt Hunderte, ganz in Weiß gekleidet, mit Körben und Möbelstücken unterm Arm, direkt darunter auf denselben Weg. Sie sehen aus, als seien sie auf der Suche nach dem besten Platz für das Picknick im Grünen, und finden ihn kurz darauf unter dem grün lackierten Stahlbeton des U-Bahn-Gerüstes. Auch Alex klappt auf halber Strecke zwischen den Stationen Eberswalder Straße und Schönhauser Allee seinen Holztisch auseinander und stellt zwei Hocker dazu. Manche haben Kronleuchter im Gepäck, Alex entzündet ein Teelicht und lässt es vorsichtig in ein leeres Marmeladenglas fallen.

          Überhaupt treffen sich hier Leute, die man normalerweise schwer gemeinsam an einen Tisch bekommt. Die Medizinstudentin aus Jena sitzt der BWL-Studentenfreundin aus Paris gegenüber, da sind Oberschichtszöglinge neben Berliner Start-up-Typen neben Mitgliedern der Piratenpartei, und alle sind ständig dabei, aufzustehen und sich woanders hinzusetzen. Deshalb ist es auch nie ganz klar, welches Glas nun wem gehört. Wahrscheinlich ist es wie mit dem Matsch auf einem Musikfestival, den man irgendwann über der Geselligkeit mit den anderen vergisst.

          Aber anders als ein Musikfestival, das meistens irgendwo auf dem Land liegt, ist das „Diner en blanc“ eine Möglichkeit, direkt vor der Haustür zu feiern - und zu essen. Gegen halb neun Uhr stechen Gabeln in Couscous-Berge, Löffel verschwinden in der Spargelsuppe, da werden Frischhaltefolien von einem Stapel Tomatenbruschettas gezogen, es riecht nach Brie, nach Schokolade, aber nicht nach Bier. „Es ist ein frohes Miteinander“, sagt Alex. Zwar ist der Lärmpegel hoch, aber er ist kein Zeichen für Ausschreitungen, sondern für Unterhaltungen. Deshalb rührt sich auch nichts in den drei Mannschaftswagen der Polizei, die irgendjemand gerufen hat und die auf dem Seitenstreifen parken.

          Wahrscheinlich fügen sich solche Food-Festivals, die schon gegen 23 Uhr enden, einfach zu gut in unsere leistungsorientierte Gesellschaft, um nicht der Turniersport einer Generation zu werden, der gerade alle möglichen Einsparungen bewusst gemacht werden. „Die Achtundsechziger standen in dem Verdacht, die Lust in den Vordergrund zu stellen“, sagt Trendforscher Lönneker. „Heute wird höchstens noch gepflegt gegessen.“

          Frisch bleiben für die Arbeit

          Anders gesagt: Junge Menschen neigen dazu, sich in ihrer Freizeit nicht zu sehr zu verausgaben, um frisch zu bleiben für die Arbeit. Das lässt sich schön auch in Zürich beobachten, bei der Premiere des Food-Festivals „il tavolo“. Es ist Ende Juni, und auch hier trifft man in den Festival-Restaurants am Abend erstaunlich viele Berufseinsteiger. Wo beim „Diner en blanc“ Studenten aßen, sind es bei „il tavolo“ junge Banker. Es könnte ihnen eigentlich gutgehen, wäre da nicht - die Krise. Die Stimmung in seiner Bank sei gerade sehr schlecht, sagt Kai, 25. Er und seine Begleitung, Adrian, 27 Jahre alt, haben unabhängig voneinander zuvor von dem Festival gelesen - im Bordmagazin der Swiss Air. Wenn sie nicht auf ihre Blackberrys schauen, erzählen sie von New York und San Francisco - vornehmlich den „Restaurant Weeks“ dort.

          Zurück nach Berlin. Als der Abend unter den U-Bahn-Gleisen schon so früh endet, steht Alex an der noch immer stark befahrenen Eberswalder Straße. „Es hat sich ausgefeiert und ausgetrunken“, sagt er. Alex weiß nicht, wann er zum letzten Mal in einem Club war; an das „Diner en blanc“ des vergangenen Jahres aber erinnert er sich gut. Ob er im nächsten Sommer noch in Berlin lebt, weiß er nicht. Dass er hier wieder dabei sein wird, schon.

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