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Gemeinsam gut essen : Auf nach Foodstock

Die bildet sich automatisch ein paar Stunden später am „Diner en blanc“-Treffpunkt, dem U-Bahnhof Eberswalder Straße. Dort sehen schließlich alle gleich aus. Der Ort ist gut zu erreichen, auch für Leute, die kein Auto haben, wie viele junge Menschen heute, die schon deshalb ein bisschen Geld sparen, das sie dann anders ausgeben, zum Beispiel für außergewöhnliches Essen. Das „New York Magazine“ stellte sich im März verblüfft die Frage, seit wann 25 Prozent des Gehalts junger Leute für Essen draufgehen. Mit 12 Prozent des Einkommens sind die Deutschen da zwar bescheidener; doch auch hierzulande sei die Tendenz steigend, so das Institut für Handelsforschung.

Manche haben Kronleuchter im Gepäck

Während die gelbe U2 in Berlin über die Hochbahngleise Richtung Wedding rattert, machen sich jetzt Hunderte, ganz in Weiß gekleidet, mit Körben und Möbelstücken unterm Arm, direkt darunter auf denselben Weg. Sie sehen aus, als seien sie auf der Suche nach dem besten Platz für das Picknick im Grünen, und finden ihn kurz darauf unter dem grün lackierten Stahlbeton des U-Bahn-Gerüstes. Auch Alex klappt auf halber Strecke zwischen den Stationen Eberswalder Straße und Schönhauser Allee seinen Holztisch auseinander und stellt zwei Hocker dazu. Manche haben Kronleuchter im Gepäck, Alex entzündet ein Teelicht und lässt es vorsichtig in ein leeres Marmeladenglas fallen.

Überhaupt treffen sich hier Leute, die man normalerweise schwer gemeinsam an einen Tisch bekommt. Die Medizinstudentin aus Jena sitzt der BWL-Studentenfreundin aus Paris gegenüber, da sind Oberschichtszöglinge neben Berliner Start-up-Typen neben Mitgliedern der Piratenpartei, und alle sind ständig dabei, aufzustehen und sich woanders hinzusetzen. Deshalb ist es auch nie ganz klar, welches Glas nun wem gehört. Wahrscheinlich ist es wie mit dem Matsch auf einem Musikfestival, den man irgendwann über der Geselligkeit mit den anderen vergisst.

Aber anders als ein Musikfestival, das meistens irgendwo auf dem Land liegt, ist das „Diner en blanc“ eine Möglichkeit, direkt vor der Haustür zu feiern - und zu essen. Gegen halb neun Uhr stechen Gabeln in Couscous-Berge, Löffel verschwinden in der Spargelsuppe, da werden Frischhaltefolien von einem Stapel Tomatenbruschettas gezogen, es riecht nach Brie, nach Schokolade, aber nicht nach Bier. „Es ist ein frohes Miteinander“, sagt Alex. Zwar ist der Lärmpegel hoch, aber er ist kein Zeichen für Ausschreitungen, sondern für Unterhaltungen. Deshalb rührt sich auch nichts in den drei Mannschaftswagen der Polizei, die irgendjemand gerufen hat und die auf dem Seitenstreifen parken.

Wahrscheinlich fügen sich solche Food-Festivals, die schon gegen 23 Uhr enden, einfach zu gut in unsere leistungsorientierte Gesellschaft, um nicht der Turniersport einer Generation zu werden, der gerade alle möglichen Einsparungen bewusst gemacht werden. „Die Achtundsechziger standen in dem Verdacht, die Lust in den Vordergrund zu stellen“, sagt Trendforscher Lönneker. „Heute wird höchstens noch gepflegt gegessen.“

Frisch bleiben für die Arbeit

Anders gesagt: Junge Menschen neigen dazu, sich in ihrer Freizeit nicht zu sehr zu verausgaben, um frisch zu bleiben für die Arbeit. Das lässt sich schön auch in Zürich beobachten, bei der Premiere des Food-Festivals „il tavolo“. Es ist Ende Juni, und auch hier trifft man in den Festival-Restaurants am Abend erstaunlich viele Berufseinsteiger. Wo beim „Diner en blanc“ Studenten aßen, sind es bei „il tavolo“ junge Banker. Es könnte ihnen eigentlich gutgehen, wäre da nicht - die Krise. Die Stimmung in seiner Bank sei gerade sehr schlecht, sagt Kai, 25. Er und seine Begleitung, Adrian, 27 Jahre alt, haben unabhängig voneinander zuvor von dem Festival gelesen - im Bordmagazin der Swiss Air. Wenn sie nicht auf ihre Blackberrys schauen, erzählen sie von New York und San Francisco - vornehmlich den „Restaurant Weeks“ dort.

Zurück nach Berlin. Als der Abend unter den U-Bahn-Gleisen schon so früh endet, steht Alex an der noch immer stark befahrenen Eberswalder Straße. „Es hat sich ausgefeiert und ausgetrunken“, sagt er. Alex weiß nicht, wann er zum letzten Mal in einem Club war; an das „Diner en blanc“ des vergangenen Jahres aber erinnert er sich gut. Ob er im nächsten Sommer noch in Berlin lebt, weiß er nicht. Dass er hier wieder dabei sein wird, schon.

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