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Gemeinsam gut essen : Auf nach Foodstock

Foodies: Fürs „Taste Festival“, ebenfalls in Berlin, reisen sie weit an.

Einer der Impulse für das Phänomen kam aus Frankreich. Dort nahm es vor zwölf Jahren der Kulinarikführer „Le Fooding“ mit dem Kritiker-Giganten Michelin auf. Bis dahin, sagt einer der beiden Gründer, Alexandre Cammas, seien gesellschaftliche Brüche wie „1968“ keine ernstzunehmenden Einflüsse in der tonangebenden Küche des Landes gewesen: „Eine Haute Cuisine ersetzte die nächste.“ Anders bei: „Le Fooding“; der Food-Guide knüpft sich ungewöhnliche kulinarische Konzepte von nebenan vor und ist neugierig. In dem jährlichen Restaurantführer findet der Reiswein des Japaners mit dem Hinweis „Sake galore“ ebenso Erwähnung wie der kleine Pizza-Van - „ein echter Schatz“. Wer das ebenfalls so sieht, trifft sich ein paarmal im Jahr am Rande von Paris bei Cammas’ Partys, die „Le Grand Fooding“ oder „Foodstock“ heißen. Im Mai wurde mit einem Lagerfeuer, guten Tapas und Live-Musik gefeiert. „Es geht darum, alle Sinne zu bedienen“, sagt Cammas. Obwohl diese Partys die Massen anlockten, seien sie immer noch „ein sehr privater Quell des Glücks“.

Alex, 25 aus Berlin, denkt ähnlich über die Food-Party seiner Stadt. Seit drei Wochen redet er mit der Freundin Lena, 26, von nichts anderem als dem „Diner en blanc“, das zum ersten Mal 1988 spontan in Paris gefeiert wurde und sich allmählich auch in deutschen Städten etabliert. Wer dort Fleisch essen möchte, muss es zunächst selbst zubereiten; er muss seine eigenen Möbel, eigenes Geschirr mitbringen und sich ganz in Weiß kleiden.

Auberginenscheiben, Zucchiniwürfel, Pesto-Schichten

„Guck mal, passt doch“, sagt Alex zwei Stunden vor Beginn und lacht. Der Architekturstudent steht in Lenas Küche. „Außer dem T-Shirt ist alles geliehen.“ Nun aber wollen Schälchen mit Blätterteigwänden eingerichtet werden, mit Auberginenscheiben, Zucchiniwürfeln und Pesto-Schichten. Alex viertelt Champignons und sieht in seinem weißen Aufzug aus wie ein Koch. Oder eben so, als passe er genau in diese Wohnung. Der weiße Lack von Ikea an den Tischen, Schränken, Regalen, Betten und Kommoden lässt die Räume steril daherkommen - na ja, bis die pürierten Himbeeren, das zerstückelte Fleisch der schwarzen Oliven und die Champignons, die langsam an der Luft braun werden, das Bild bunt aufmischen.

Leute wie Alex sind so enthusiastisch, dass man ihnen glatt auch ein Pop-up am „Restaurant Day“ zutrauen würde; die Initiative, 2011 in Finnland geboren, lockt Hobbyköche mit der Idee, an bestimmten Terminen einen Tag lang im Wohnzimmer oder Hinterhof ihr eigenes Restaurant oder Café zu eröffnen. Am 19. August steht der nächste Termin an; auf der Facebook-Seite des „Restaurant Day“ haben sich Enthusiasten aus Boston, Amsterdam, Madrid und anderen Städten gemeldet. Ein User fragt: „How do I register a restaurant day club for Zimbabwe?“

„Weiß - von oben bis unten. tisch und stühle. tischdeko.“

Jetzt in Berlin meldet sich um halb fünf Uhr hingegen „16. Juni“, lokaler Organisator des „Diner en blanc“, über Facebook. Der Ort der Food-Party ist bis dahin unbekannt und wird es auch noch eine Weile bleiben. „16. Juni“ teilt die Gäste lediglich in Gruppe eins und zwei, informiert über unterschiedliche Treffpunkte und wiederholt noch einmal die Regeln: „weiß - von oben bis unten. tisch und stühle. tischdeko. so lange repetieren, bis ihr nachts hochschreckt und es aufzählt.“ Solche Regeln, davon ist Trendforscher Jens Lönneker vom Rheingold Institut überzeugt, würden wieder reizvoller: „Man sucht sich etwas, das jeder befolgen kann, das beim Essen zum Beispiel dem traditionellen Muster der Familie am Abendbrottisch ähnelt.“ So erlebe man Gemeinschaft.

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