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Gemüseretter : Kann man das noch essen?

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Die Zurückgebliebenen: Jahr für Jahr bleiben Tonnen von köstlichen Äpfeln ungeerntet. Bild: OSTKREUZ - Agentur der Fotografe

Obst und Gemüse, die nicht schön gewachsen sind, schmecken genauso gut wie die Vorzeigestücke. Im Handel sind sie aber kaum sichtbar. Das ärgert immer mehr Menschen.

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          Es ist erst mittags, und schon habe ich mühelos eine gute Tat vollbracht: fünf Kilo Biogemüse gerettet! Darunter: einen verformten Fenchel, der mit seinen vielen Ärmchen wie eine halbe Qualle aussieht; aufgeplatzte Radieschen; viel zu kleine Paprika ohne eindeutige Farbe und eine zu große Aubergine mit unschönen Druckstellen. Die Wildwüchse schmecken wie das Vorzeigegemüse aus dem Supermarkt, wären aber wegen minimaler Abweichung von der Norm in der Tonne gelandet.

          Gemüseretter zu sein ist die einfachste Form, ethisch zu speisen. Nur das Auge sollte hier nicht mitessen, denn das Gemüse aus der ins Haus gelieferten „Etepetete“-Gemüsebox ist in der Tat hässlich. Allein hätte man sicher nicht die angedepperten Knollen und die pockige Gurke aus dem Gemüseregal gefischt. Doch es liegt im Trend, auch bei Obst und Gemüse die Äußerlichkeiten mal wegzulassen und den Konsum kritisch zu hinterfragen. Containern, also das Retten von noch genießbaren Lebensmitteln aus dem Abfall von Supermärkten, ist bereits eine bekannte Bewegung, die sich gegen die Lebensmittelverschwendung stemmt. Auch gibt es Foodsharing-Plattformen, auf denen Privatverbraucher miteinander Reste tauschen. Neu ist, dass Unschönes aufgewertet wird - und ehemalige Abfallprodukte zu einem ethischen Verkaufsanreiz werden.

          Zeichen gegen die Lebensmittelverschwendung

          Die drei Mittzwanziger aus München, die sich die Idee mit der Gemüseretter-Box ausgedacht haben, können sich jedenfalls vor Bestellungen nicht mehr retten. „Wir sind überrascht von dem großen Interesse. Eigentlich haben wir das Projekt nur als Hobby gestartet, aber jetzt wird es zum Vollzeitjob“, sagt einer der Etepetete-Gründer, Georg Lindermair. Im August gab es kurzzeitig einen Aufnahmestopp von Neukunden, bis das Start-up mehr Mitarbeiter und Lieferanten organisiert hatte. Die Idee ist einfach: Gemüse, das kein Supermarkt möchte oder das zu viel produziert wurde, landet direkt vom Feld der Biobauern in der Kiste und wird am nächsten Tag per Kurierdienst an Kunden in ganz Deutschland verschickt. Kosten: 19,90 Euro. Das scheint anzukommen: gesund essen und zugleich auch ein Zeichen gegen die Lebensmittelverschwendung setzen.

          Laut einer aktuellen WWF-Deutschland-Studie landen pro Jahr mehr als 18 Millionen Tonnen Nahrungsmittel im Müll, über die Hälfte wäre noch genießbar. Besonders betroffen seien neben Brot und Backwaren eben Obst und Gemüse, circa 1,5 Millionen Tonnen. Als einer der Hauptgründe werden die Erwartungen der Konsumenten hinsichtlich Frische und Verfügbarkeit der Lebensmittel genannt. Sprich: Viele wollen kein Gemüse mit Schäden an der Schale kaufen und bestenfalls das ganze Jahr über volle Regale vorfinden. Das produziert Abfälle. Auch aus ganz praktischen Gründen übersteht so manches Gewächs das Gemüse-Casting nicht: Verbeulte Kartoffeln passen nicht in die Schälmaschine, stark verkrümmte Gurken lassen sich schlechter stapeln.

          Weil aber das Zwei-Klassen-System vielen stinkt, gibt es nun immer mehr Ideen, um speziell missratenes Obst und Gemüse zu würdigen und zu verarbeiten. Größtenteils sind es kleinere Privatinitiativen, die Geschäftsmodelle entwickeln. Zubin Farahani arbeitete als Assistenzarzt in Berlin, bis er das „Dörrwerk“ gründete. Mit dem Slogan „Jede Frucht ist schön“ wirbt er für Esspapier aus gerettetem Obst. Farahani begann mit dem eigenen Dörrofen zu Hause und beliefert mittlerweile Firmen aus einer eigenen Produktionsstätte.

          25 Tonnen Äpfel wurden gerettet

          Um zum Beispiel an Äpfel zu gelangen, arbeitet er mit dem Projekt „Apfelschätze“ zusammen, das die Früchte in Berlin und Brandenburg vor dem Verfaulen rettet. „Jahr für Jahr bleiben Tonnen von köstlichen Äpfeln in Gärten, alten Plantagen und vor unseren Stadtgrenzen ungeerntet. Die Ernte ist zu groß für den Eigenbedarf, es fehlt an Zeit, oder es lohnt sich schlicht nicht mehr“, so berichten die Projektmitarbeiter auf ihrer Website. In den vergangenen drei Jahren wurden durch die gemeinnützige Initiative nach eigenen Angaben 25 Tonnen Äpfel gerettet.

          Wenn Obst und Gemüse nicht den Normen und Standards von Wirtschaftsverbänden oder Supermärkten entsprechen, werden sie erst gar nicht geerntet. So verderben etwa zehn Prozent der Äpfel oder dreißig Prozent der Möhren. „Das Geld hängt an den Bäumen“ hat daraus eine Geschäftsidee gemacht und vertreibt Apfelsaft aus den vernachlässigten Früchten, die von Menschen mit Behinderung geerntet werden. Der Erlös fließt wieder zurück ins Projekt.

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          Das Schicksal des hässlichen Gemüses haben eben auch die „Culinary Misfits“ zu einer pfiffigen Geschäftsidee umgewandelt und bieten Catering mit kulinarischen Sonderlingen wie dreibeinigen Möhren und schon fast vergessene Raritäten wie Topinambur an. „Am Ende geht es nicht nur um den Genuss kulinarischer Sonderlinge, sondern um ein großes Stück Kultur zwischen Acker und Teller“, sagen die beiden Gründerinnen des alternativen Projekts.

          Restaurant und Supermarkt sind in Planung

          Schaut man sich auf Crowdfunding-Portalen um, sind noch viel mehr Ideen in Planung, darunter ein Supermarkt für Aussortiertes und das Restaurant „Restlos glücklich“. Hier soll nur mit geretteten Lebensmitteln gekocht werden. Obst und Gemüse machen da einen großen Anteil aus. Das Restaurant-Konzept möchte ein konsumkritisches Signal senden: Der Besuch soll jeden Gast daran erinnern, dass Lebensmittel Mittel zum Leben sind und nicht immer makellos und in allen Variationen verfügbar sein müssen.

          Zugegeben, das scheint noch nicht bei allen gefruchtet zu haben: Als ich mit den verbeulten Paprika und der komisch runden, viel zu großen Aubergine beim Grillfest erscheine, ernte ich Kommentare wie: „Verwertest du deine Reste? Kann man die noch essen?“ Die Makel kommen nicht gut an. Und natürlich muss ich das angeschlagene Gemüse schneller aufbrauchen als das makellose, weil es leichter schimmelt. Aber als Grillgut und Salatzutat geschnippelt sieht eh alles gleich aus, ob krummgewachsen oder gerade.

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