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Gemeinsam Essen : Zusammen isst man weniger allein

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Dass nun so viele Sharing-Restaurants eröffnen, hat auch mit den Supper-Clubs zu tun, die als halb öffentliche, halb legale Veranstaltungen meist in Privatwohnungen stattfinden - eine Mischung aus dem Essen zu Hause und dem Gang ins Restaurant. Den familiär freundschaftlichen Geist solcher Abende haben Collins und Tannock schätzen gelernt. "Bei uns sitzen nicht selten fremde Personen beisammen und essen miteinander. Es reservieren nicht nur Gruppen von Freunden."

Essen als abendfüllendes Erlebnis

Gemeinsam zu speisen, das Essen zu empfehlen und zu teilen - damit beginnt die Unterhaltung am Tisch. Essen sei ein Eisbrecher, meint Hanni Rützler. Die österreichische Ernährungswissenschaftlerin und Trendforscherin verfasst die Food Reports des Zukunftsinstituts. "Früher haben alle aus einem Napf gegessen", sagt sie. "Mit eigenem Geschirr und Besteck fing der Individualisierungsprozess erst an."

Zu dem neuen Trend sagt sie, es komme nicht von ungefähr, dass Raclette oder Fondue als Festtagsgerichte nach wie vor beliebt seien. "Das sind Gerichte, bei denen das gemeinsame Essen zum abendfüllenden Erlebnis wird." Ohnehin komme man um das communal eating gar nicht mehr herum: "Heutzutage leben immer mehr Menschen alleine, wenn sie auch hochgradig vernetzt sind. Da müssen neue Kommunikationsräume geschaffen werden."

Die neue Familie

Ist das communal dining also eine Antwort auf veränderte Lebensweisen? Mehr als ein Drittel der deutschen Haushalte sind Single-Haushalte. Auch andere Branchen wie Immobilienunternehmen und Urlaubsveranstalter reagieren auf diese Entwicklung mit Angeboten für Alleinstehende. Das Bedürfnis, während des Essens mit anderen zu kommunizieren, zeigt sich auch in einem neuen Trend aus Asien: Dort gibt es Youtube-Blogger, die allabendlich vor der Webcam sitzen, stundenlang per LiveSchaltung Essen in sich hineinschaufeln, von ihrem Tag erzählen - und dem SingleSpeisenden in seiner Single-Wohnung so beim Dinner Gesellschaft leisten.

Im „Kitchen Store“ wird vorzugsweise mit regionalen Produkten direkt aus der Natur gearbeitet.
Im „Kitchen Store“ wird vorzugsweise mit regionalen Produkten direkt aus der Natur gearbeitet. : Bild: Hannes Jung

Zusammen isst man eben weniger allein. Die Gastronomie übernimmt familiäre Funktionen. Foodies finden Geborgenheit in ihrer kulinarischen Gemeinde. Heute teilt man seine Designertasche, das Auto und selbst die Wohnung. In der Store Kitchen wird sogar die Küche geteilt: Dort finden regelmäßig Pop-up-Events statt, bei denen angesagte Köche aus allen Ländern ein kulinarisches Intermezzo zaubern.

Geborgenheit im Lieblinsgrestaurant

"Menschen hängen heute weniger an Dingen, sondern setzen verstärkt auf das Erlebnis", sagt Sophia Rudolph. "Essen wird wie Reisen deshalb immer wichtiger." Die Küchenchefin des neuen Berliner Restaurants Panama versucht, den Wunsch nach Ferne wie die Sehnsucht nach Geborgenheit zu befriedigen. Exotisches wird mit Vertrautem gemischt. Die mittelgroßen Tellergerichte sind zum Teilen gedacht. Rudolph, die ihre Ausbildung am renommierten Institut Paul Bocuse absolvierte und zuvor im Reinstoff und als Sous-Chefin in der Weinbar Rutz arbeitete, kredenzt etwa rote Bete mit Forellentartar und einem Hauch orientalischer Kurkuma oder Limonensaitling mit Schmorsalat, verfeinert mit Zimtblüte.

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