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Kolumne „Fünf Dinge“ : Fünf Dinge, die am deutschen Bierkonsum nerven

4. Bier-Rhetorik

Geringe Bierkompetenz in Verbindung mit überzogenen Expansionsansprüchen hat in Deutschland zu einer Reihe von rhetorischen Auswüchsen geführt. Zum einen sind da die Bier-Übertreiber, die mit vorgefertigten Sommelier-Versatzstücken das Bier als Spitzengewächs verkaufen wollen, dabei aber den Charme seiner technischen Gemachtheit und seine bewahrenswerte kommunikative Niedrigschwelligkeit aus den Augen verlieren.

Mindestens ebenso falsch aber liegen die Bier-Untertreiber, die meist unter den hartnäckigen Standardbiertrinkern oder in eher herkömmlichen Brauereien anzutreffen sind. Sie tun so, als sei Bier etwas zutiefst Normales, Unveränderliches, um das man kein großes Aufhebens machen sollte. Flankiert werden sie durch eine zweite Gruppe von traditionellen Brauern, die Craftbier und neue Bierideen nur deshalb gut finden, weil sie das Interesse am Bier insgesamt neu beleben, die aber selbst keinerlei kreative Schlüsse für ihre eigene Produktion daraus ziehen wollen.

Den Kunden nehmen beide Extrembewegungen nicht ernst und unterschätzen seine gesunde Neugier auf überraschende Möglichkeiten eines alten Produkts.

5. Reinheitsgebot

Über Jahrzehnte hinweg begründete das „Deutsche Reinheitsgebot“ mit seinen aus der frühen Neuzeit stammenden puristischen Brauregeln den Ruhm des deutschen Biers. Inzwischen steht es in Kennerkreisen eher für die Phantasielosigkeit, ja Rückständigkeit desselben. Wobei diese Anti-Haltung nicht auf vermeintliche ausländische Neider oder verantwortungslose Heißsporne beschränkt, sondern auch in Deutschland im Grunde Konsens ist. Hört man sich bei den unterschiedlichsten Bierkennern im Lande um, stellt man fest, dass das Reinheitsgebot und vor allem die besonders ausnahmslose Biergesetzgebung in Bayern und Baden-Württemberg eigentlich kaum einer mehr ernst nimmt, dem an Biervielfalt liegt. Das Gütezeichen „Gebraut nach dem deutschen (oder bayerischen) Reinheitsgebot“ wird es sicher noch lange geben, man sollte die Kriterien sogar noch verschärfen. Dass es den deutschen Biermarkt weiter so stark dominiert wie in den letzten Jahrzehnten, ist aber nicht länger förderlich.

Im Rahmen des Reinheitsgebots lässt sich, auch wenn das oft behauptet wird, eben nicht alles brauen, was das Biertrinkerherz begehrt. Um das zu widerlegen, muss man nur auf die raffinierten Brauprodukte des Nachbarlands Belgien schauen, die übrigens zu meist sehr nachvollziehbaren Preisen angeboten werden. Hier ist auch zu sehen, dass das Gegenteil von Reinheitsgebotsverfechtern eben nicht immer nur selbstverliebte Hipster sind. Eine der größten Innovationswellen jenseits des Reinheitsgebots ging zu Beginn des 20. Jahrhunderts von belgischen Mönchen aus, und zwar aus einer Mischung aus ökonomischen Erwägungen und bewundernswertem Erfindergeist. Das belgische Bier gehört dann auch seit 2016 wegen seiner „lebendigen Braukultur“, seiner „Vielfalt“ und der „Wertschätzung“, die Bier im Land erfährt, zum UNESCO-Weltkulturerbe. Das deutsche Bier nicht, obwohl es sich ebenfalls beworben hatte.

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