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Fruit Carving : Mehr als Käseigel und Tomatenpilze

  • -Aktualisiert am

Filigran: Avocado des australischen Künstlers Daniel Barresi. Bild: Caters

In Thailand lernen Kinder das sogenannte Fruit Carving, also das Schnitzen von Obst und Gemüse zu einem kunstvollen Objekt, schon in der Schule. Das ist nicht nur Dekoration, das ist Kunst.

          Wie sanft er den Apfel in seiner Hand dreht. Ein Schnitt in die Schale. Noch einer und noch einer, dann nimmt er das erste Stück heraus. Unter der dunkelroten Schale scheint das helle Fruchtfleisch. Nahaufnahme auf die geöffnete Schnittstelle. ItalyPaul schneidet wieder in die Schale und dreht die Frucht langsam weiter, so dass die ausgeschnittene Blüte um den Apfelstiel sichtbar wird. ItalyPaul betreibt einen Youtube-Kanal, der Anfängern Fruit Carving beibringt. Also das Schnitzen, um aus Obst ein Kunstwerk zu machen.

          Eine Ananas als Eule und eine Banane als Dackel – das klingt skurril und sieht besonders aus. Ursprünglich wurden mit den Kunstwerken aus Obst und Gemüse die Tische der thailändischen Königsfamilie dekoriert. Weitere Ursprünge liegen in China und Japan. Mittlerweile ist aus der Tradition eine moderne Kunst geworden, die in Thailand beispielsweise besonders während des Neujahrfestes zu erleben ist oder das ganze Jahr über auf Youtube. Dort erklären Menschen aus aller Welt in kostenlosen Tutorials, wie sie ihr Essen in eine Dekoration verwandeln. Wer das Schnitzen zum Beispiel in Deutschland lernen möchte, kann auf einen seltenen Kurs hoffen oder zu Hause Videos angucken.

          Mit Handschuhen und einem großen Messer schält die Frau vom Youtube-Kanal Fruity Freshy Juicy eine Wassermelone so, dass die grüne Schale verschwindet und darunter die erste Schicht weißes Fruchtfleisch erscheint. Sie wechselt das Messer und schneidet mit einer Art Skalpell einen Kreis in das weiche Fleisch. Versetzt und unterschiedlich tief schneidet sie weitere Ringe darum und nimmt einzelne Stücke Melone heraus. Unter der weißen Schicht ist die Frucht rot. Optisch mischen sich die Farben an den Stellen, wo die Schnitte tief genug sind. Die Frau schneidet weiter, arbeitet sich immer weiter nach außen, und allmählich fächert sich in der Melone eine Rose auf.

          Das Video dauert zehn Minuten. Zwischendurch ein bisschen Zeitraffermodus, das Tempo ein bisschen angezogen, aber hauptsächlich ist in dem Clip in Echtzeit zu verfolgen, wie sich die Melone in eine Rose verwandelt. Kein Schnickschnack, niemand der redet. Von der Künstlerin sind nur die Hände mit den rosa lackierten Fingernägeln zu sehen. Der Hintergrund ist unterlegt mit Gitarrenmusik, Vogelgezwitscher und leisem Grillenzirpen. Das erzeugt Terrassenstimmung selbst am Laptop.

          „Mit Essen spielt man nicht“, hieß es früher immer am Esstisch. Aber Fruit Carving ist kein Spiel, es ist Kunst. Oder wie manche sagen: Meditation. Es ist entspannend, jemandem beim Obstschnitzen zuzugucken. Bei der filigranen Arbeit geht es nur um die Frucht. Der Schnitzer rückt völlig in den Hintergrund. Deshalb sind bei den Fruit-Carving-Videos fast nie die Macher zu sehen. Und wer zu-guckt, kann nicht mehr wegsehen, weil es so spannend ist, die Verwandlung zu beobachten. Es mag pathetisch klingen, aber Fruit Carving hat etwas mit Achtsamkeit zu tun. Die Künstler machen sichtbar, dass sie Essen wertschätzen. Die Stars ihrer Kunst sind die Früchte.

          Die Frucht als Kunstobjekt

          Im Instagram- und Pinterest-Zeitalter nehmen sich die Menschen viel Zeit, um ihr Essen zu präsentieren. Aber Farbfilter und Gänseblümchen neben dem Teller wirken fast schlicht gegenüber einer Frucht, die selbst das Kunstobjekt ist.

          Und diese Dekorform hat auch einen psychologischen Aspekt. Deshalb wird Fruit Carving häufig verwendet, um Kindern Obst und Gemüse schmackhaft zu machen. Als Schildkröte getarnt, wird etwa eine Kiwi von Kindern viel lieber gegessen. Dafür muss man die Kiwi schälen, teilen und die Hälften so schnitzen, dass sie aussehen wie ein Panzer. Vier Achtel einer Weintraube bilden die Beine und eine restliche Weintraubenhälfte den Kopf der Obstschildkröte. Dass Kinder die Kiwi jetzt lieber essen, hat psychologische Gründe: Sie denken jetzt an eine Schildkröte und nicht mehr an etwas Gesundes.

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