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Obstbrände aus Berlin : Der gute Geist von Kreuzberg

  • -Aktualisiert am

Draußen im Walde hat Fräulein Brösel viel über die Früchte und Beeren gelernt, die heute in ihren Schnäpsen stecken. Bild: Matthias Lüdecke

Ihr Haselnuss-Schnaps verkauft sich fast wie im Märchen. So hat sich Fräulein Brösel mit ihren Obstbränden einen Namen gemacht.

          Fräulein Brösel – in welchem Märchen kommt die nochmal vor? War das im „Gestiefelten Kater“? Ist sie nicht eine Schwester von Aschenputtel? Die Tochter von Frau Holle? Die Wahrheit ist: Es gibt gar kein Märchen mit Fräulein Brösel. Der Name klingt bloß so, als hätten ihn die Brüder Grimm erfunden.

          Das ist Fräulein Brösel ganz recht. Weil sie die schöne alte Sprache der Märchen mag, und weil sie als Unternehmerin weiß, dass zu einem guten Produkt eine gute Geschichte und ein klingender Name gehören. Umso besser, wenn es der eigene Name ist.

          Ein Leben in Schwarz-Weiß-Rosa

          Fräulein Brösel ist eine zarte Frau von 31 Jahren, die vor einiger Zeit aus Österreich nach Berlin gekommen ist und dort versucht, ein Produkt zu verkaufen, das so gar nicht als zart, jung und weiblich gilt: Schnaps. Genauer gesagt Obstbrände und Obstgeister: Marille, Vogelbeere, schwarze Johannisbeere und ihren Bestseller „Fräulein Brösels Haselnuss“.

          Ihren Namen, erzählt sie, hat ihr damals im Burgenland der Grundschullehrer gegeben. Eigentlich heißt sie Stefanie Drobits, und „Drobits“ ist slowenisch für Brösel. Sie hat den Namen behalten, und sie wird ihn wohl auch nicht mehr loswerden. Je erfolgreicher ihre Schnäpse werden, desto enger verschmilzt Stefanie Drobits mit dem märchenhaften Fräulein Brösel.

          Längst findet man die durchsichtigen, verkorkten Flaschen nicht mehr nur in Berliner Cafés, Restaurants, Bars. Auch in Frankfurt, München und anderswo in Deutschland stehen sie in den Regalen. Darauf sieht man: eine Scherenschnitt-Welt von Bäumen und Sträuchern rund um ein Comic-Fräulein mit schwarzen Haaren und rosa Wangen. Die Hände brav hinter dem Rücken verschränkt, schielt das Fräulein mit gebührendem Abstand auf die Früchte, die an den Sträuchern wachsen. Wenn Kunden zum ersten Mal den Showroom von Fräulein Brösel betreten, den sie in einem hellen Hinterzimmer eines Cafés in Kreuzberg eingerichtet hat, sagen sie oft: „Ach, Sie sehen ja wirklich so aus!“ Fräulein Brösel trägt zu ihren schwarzen lockigen Haaren im Pagenschnitt schwarze Blusen, Röcke und Capes. Ihre Haut ist hell, die Wangen sind rosig. Ein Leben in Schwarz-Weiß-Rosa, nur wegen des Marketings, Fräulein Brösel? Nein, entgegnet sie. „Schwarz habe ich schon immer gemocht. Das habe ich schon getragen, bevor ich zur Comicfigur wurde.“

          Der Unterschied zwischen Geist und Likör

          Während Fräulein Brösel in ihrem Showroom erzählt, schiebt sie zum selbstgebackenen Kirschstrudel ein Schnapsglas mit langem Stiel auf den Tisch und schenkt ihren Haselnussgeist ein. Klar wie Wasser läuft er ins Glas. Führt man ihn an die Nase, riecht man die Haselnüsse so kräftig, als wäre das Glas eine gusseiserne Pfanne voller Nüsse und der Stiel die Flamme eines Herdfeuers. Im Mund werden Röstaromen und Nuss noch stärker, und es kommt ein schokoladiger Geschmack hinzu. „Wie Nutella“, sagt Fräulein Brösel. Womit sie recht hat – auch wenn es die Romantik des Genusses stört.

          Schnaps-Schuss: Fräulein Brösel in ihrem Kreuzberger Showroom

          Der Geist ist – anders als ein Likör – nicht süß, weil ihm kein Zucker zugesetzt wird. Aber weil man bei gerade mal 33 Prozent den Alkohol nur in der Ferne spürt, gibt er einen wunderbar weichen Digestif ab. „Ich finde es schön, wenn er noch Schmelz hat, wenn er die Kehle runterläuft“, sagt Fräulein Brösel. Vielen Leuten gefalle das. Die Zielgruppe reicht von älteren Damen, die Liköre mögen, über Hipster, die sich von der Gin-Welle haben mitreißen lassen und nun andere Spirituosen probieren wollen, bis zu Kennern der deutschen Brände und Geister.

          Wien war ihr zu piefig geworden

          Und wie ist sie selbst zu den Schnäpsen gekommen? „Ich glaube, das hat damit zu tun, dass ich mit meiner Oma damals im Burgenland durch die Wälder gestreift bin.“ Dort lernte sie all die Früchte und Beeren kennen, die nun in ihren Schnäpsen stecken. Vor allem die Vogelbeeren sind ihr in Erinnerung geblieben, weil sie so verführerisch rot leuchteten, aber so mehlig stumpf schmeckten wie Hagebutten. Außerdem gab es im Dorf eine Gemeinschaftsbrennerei, und zu Hause wurde gern Wein und nach einem guten Essen auch Schnaps getrunken. Nur war der meist so stark, dass sich die Leute schüttelten, kaum hatten sie ihn geschluckt.

          Zwischen der märchenhaften Kindheit im Burgenland und dem in Berlin registrierten Unternehmen „Fräulein Brösels Weinerwachen“, über das sie ihren Schnaps verkauft, liegen noch ein paar Stationen: das BWL-Studium in Wien etwa, das sie sich ausgesucht hatte, weil ihr Mathematik leicht fiel und sie dachte, so genügend Zeit zu haben, um nebenher ihr Leben zu planen. Und später, mit 20 Jahren, das Praktikum bei einer Bank in New York, wo sie die Bars und die Kunstszene schätzen lernte. Als sie zurückkam, war ihr Wien zu klein, zu engstirnig, zu piefig. Sie stieg in einen Bus und zog mit drei Koffern und einer Flasche Wein nach Berlin.

          „Meine Arbeit ist die einer Parfümeurin“

          Fortan pendelte sie: studierte in Wien, jobbte in Berlin, arbeitete für Galerien, baute Modelle für einen Architekten, nähte für eine Modedesignerin. Dann kam ihr die Idee, ein eigenes Unternehmen zu gründen – als ihr auffiel, dass der österreichische Wein, der in Berlin nicht zu bekommen war, auch deutschen Freunden schmeckte.

          Sie begann, Weine aus Österreich und Ungarn den Restaurants und Bars der deutschen Hauptstadt näherzubringen. Wie eine Kuratorin wählte sie das Beste und Interessanteste aus. Die Schnäpse kamen dann vor rund drei Jahren dazu.

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          Auch die Schnäpse macht sie nicht selbst. Aber sie lässt sie nach ihren Vorstellungen in Österreich und in Franken brennen. „Meine Arbeit ist die einer Parfümeurin.“ Sie riecht und probiert und sagt dann, was geändert werden muss: Alkoholgehalt, Fruchtanteil in der Maische, Herkunft und Verarbeitung der Früchte und Nüsse, der Marillen aus Österreich, der Nüsse aus Franken oder der Türkei. Kein angeschlagenes Obst verwenden, Haselnüsse leicht anrösten, beim Haselnussgeist nicht mehr als 33 Prozent Alkohol, bei der Vogelbeere mindestens 38 Prozent. Und vieles mehr. Es ist eine Frage von Geschmack und Wissen. „Ich habe immer schon an allem gerochen“, sagt Fräulein Brösel. Später hat sie auch Sensorikseminare besucht. „Da habe ich ein bisschen was durchgetrunken.“

          Von den Küchenchefs geschätzt, von den Gästen geliebt

          Das ist schwer vorstellbar, wenn Fräulein Brösel im Showroom ihr Weidenkörbchen mit Schnapsflaschen packt und wie ein Rotkäppchen in Schwarz loszieht in die Berliner Bars und Restaurants. Sie sieht so zierlich aus, dass andere Menschen oft das Gefühl haben, sie beschützen zu müssen. Als sie eine halbe Stunde später etwas unkonventionell vor einem Restaurant parkt, in dem sie der Besitzerin neue Weine präsentieren will, sagt ein Passant: „Da kriegste auf jeden Fall einen Strafzettel.“ – „Ich weiß“, sagt Fräulein Brösel, die Hände brav im Schoß gefaltet.

          Dann geht sie in das Lokal, das man außerhalb Berlins mit „sieht aus wie in Berlin“ beschreiben würde: unverputzter Beton, einfache Holztische, kompakte Karte mit bis ins Detail perfekten Gerichten. Das Spartanische reicht bis in den Namen des Lokals. Es heißt „Das Lokal“.

          An der Bar lässt sie die Besitzerin Maren Thimm gut ein Dutzend Weine probieren und unterhält sich zwei Stunden lang darüber, wie sich ein Kalksteinboden auf den Wein auswirkt, wie ein spontan vergorener Silvaner normalerweise schmeckt (“Sauerkraut mit Aromen wie Quitte und reife Birne“) und wie der spontan vergorene Silvaner des Weinguts Thörle schmeckt (“eher eingekochte Quitte, Nashi-Birne und Mirabellen“). Über Wein kann sie viel erzählen, das schätzen Küchen- und Barchefs. Für den Schnaps wird sie von den Gästen geliebt.

          14 Stunden am Tag unterwegs

          So kommt es gelegentlich zu Szenen wie dieser: Ein Mann Anfang dreißig betritt das volle Restaurant, und Maren Thimm begrüßt ihn, wie viele der Gäste, persönlich. „Darf ich kurz jemanden vorstellen?“ Der Mann – blaues Button-Down-Hemd unter dem Pullover, grüne Stoffjacke, Haare gescheitelt – ist im Begriff, der Frau in Schwarz die Hand zu geben, wie man das zu solchen Anlässen tut: freundlich, aber im Grunde desinteressiert. Aber Maren Thimm sagt: „Das ist Fräulein Brösel.“ Da hält er inne. „Fräulein Brösel, wir trinken sehr gerne ihren Schnaps.“ Wenn er ihr jetzt einen Handkuss gäbe, es würde kaum verwundern.

          Bevor Fräulein Brösel das Lokal verlässt, sagt hinter dem Tresen ein tätowierter Mann im Holzfällerhemd, sie müsse wissen, dass man Alkohol ja auch durch die Schleimhäute aufnehme. Daher solle sie, selbst wenn sie bei der Weinprobe nur „spucke“, vielleicht besser kein Auto mehr fahren. Fräulein Brösel, die jede Woche drei bis vier Weinproben abhält, sagt: „Ich weiß.“ Sie faltet die Hände und fährt Auto, als hätte sie den ganzen Abend nur Mineralwasser verkostet.

          Fräulein Brösel ist viel unterwegs, im Auto und zu Fuß. 14 Stunden am Tag, sagt sie. Immer mehr Kunden, immer neue Ideen, mittlerweile drei Mitarbeiter. Vor kurzem ist ihre fünfte Sorte fertig geworden, eine seltene unter den Schnäpsen: ein Mandelbrand. Auf der Flasche sind Mandelbäume im Scherenschnitt zu sehen, auf denen Eulen sitzen, daneben steht das Comic-Fräulein mit den rosa Wangen. Und das, was in der Flasche ist, sieht aus wie stilles Wasser. Ist es aber nicht.

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