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Weinexperte Stephan Reinhardt : „Ich trete mit dem Wein in eine Art Dialog“

  • -Aktualisiert am

Die Leidenschaft zum Beruf gemacht: Verkoster Stephan Reinhardt, der nun auch Kolumnist in der F.A.S. ist. Bild: Guenther Schwering/laif

Er vergibt für Deutschland die wertvollste Währung der Weinbranche: die „Parker-Punkte“. Ein Besuch bei Stephan Reinhardt.

          7 Min.

          Die Zwiebeln im Beilagensalat hat er wie gewohnt zur Seite geschoben. Alles mit Knoblauch auf der Speisekarte ignoriert. Und dennoch plagt Stephan Reinhardt nun ein Gefühl, das jeder kennt, der zum Mittagessen Käsespätzle gegessen hat: „Ich muss mich jetzt erst mal wieder aufraffen und habe gerade keine Lust zu arbeiten“, sagt er.

          Er seufzt und geht an einen massiven Kühlschrank, der vom Boden zur Decke mit Weinflaschen gefüllt ist. Reinhardt nimmt drei heraus und bringt sie zu einer langen Tafel. Das Tagespensum ist strikt. Im Kühlschrank warten noch 40 weitere Flaschen, die er an diesem Nachmittag probieren soll. Und das erfordert hohe Konzentration. Wenn er das Gefühl hat, er ist noch nicht so weit, wartet er, Stunden manchmal, geht spazieren oder laufen. „Ich trete ja mit dem Wein in eine Art Dialog, das kann man sich wie eine Meditation vorstellen“, sagt er.

          Sein Geschmack ist weltweit bekannt. Nur ihn selbst kennt kaum einer. Reinhardt ist einer von neun Weinkritikern, die die bekannteste und relevanteste Währung des Weinmarktes vergeben, die „Parker-Punkte“. Seine Arbeit klingt so simpel wie beneidenswert: Der 51-Jährige probiert Weine und schreibt dann auf, was er von ihnen hält: wie die Komponenten zusammenspielen, welchen Ausdruck der Wein hat, auch im Kontext zu anderen Weinen der Lage, des Gebiets, des Produzenten.

          Seine Probenotizen beendet er stets in Form einer Zahl. An dieser orientieren sich Winzer und Händler, bisweilen selbst Discounter wie Lidl oder Aldi, ebenso wie Sommeliers und Verbraucher; sie kann Weine zu Erfolgen oder Misserfolgen machen. Die Skala beginnt bei 50 Punkten, dann geht es in Zehnerschritten aufwärts, erst mal zu: inakzeptabel, unterdurchschnittlich, harmlos. Interessant wird es jenseits der 80: Weine mit einer Punktzahl zwischen 80 und 89 sind gut bis sehr gut, zwischen 90 und 95 exzellent bis herausragend. Weine mit 96 bis 100 Punkten sind „überwältigend und fast jeden Preis wert“, wie Reinhardt sagt.

          Die 100 Punkte jedoch, die gibt es nur selten. Sie bedeuten, so sagt der Tester, „Perfektion mit Seele“. Weine, die das Zeug dazu haben, eine Legende zu werden. Weine, die mehr Kunst sind als Getränk. In den letzten 40 Jahren haben das auf der ganzen Welt 700 Weine geschafft. Sie werden anschließend für mindestens dreistellige Preise gehandelt.

          Jahrgang, Lage, Rebsorte

          Reinhardt ist nun startklar für die Arbeit. Vor ihm stehen die besten Rieslinge aus dem Rheingau; Namen wie Schloss Johannisberg, Weil, Künstler. Neben dem Kühler hat er fünf Gläser, eine Wasserflasche und ein kleines Notebook aufgestellt. Sein Blick verliert sich einen Moment lang im Ausblick aus den bodentiefen Fenstern. Der Raum, in dem er seinen heutigen Arbeitsplatz aufgebaut hat, befindet sich in einem Weingut direkt über den besten Lagen der Region, dem berühmten Kiedricher Gräfenberg.

          Reinhardt, der ein wenig aristokratisch wirkt mit seinem silbernen Haar und der gewählten Ausdrucksweise, öffnet auf dem Notebook ein Musikprogramm, und der Sound von Keith Jarrett legt sich in den Raum. Er wird in den nächsten Stunden die Stille vertreiben.

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