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Kolumne Geschmackssache : Das wahre Märchen vom reinen Wein

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Natürlichkeit ist Eva Frickes Credo, Nachhaltigkeit ihr Katechismus und eine Balance in allen Dingen des Lebens und Seins der Sinn allen Strebens. „Ganzheitlich und holistisch, so soll mein Weingut sein“, sagt Fricke, die nicht aus Zufall auch ausgebildete Yoga-Lehrerin ist. Sie verwendet weder Herbizide noch Insektizide, geht äußerst sparsam mit Kupfer und Schwefel im Wingert um, lässt zwischen den Rebstöcken Kamille, Rauke, Schafgarbe und wilde Erdbeeren wachsen, stabilisiert ihre Weine nur minimal, verzichtet auf alle Schönungsmittel, vertraut ausschließlich Bio-Reinzuchthefen, ist als ökologisches Gut zertifiziert, gehört der Vegan Society an – all das mit dem Ziel, maximal naturbelassene Weine zu keltern. Sie kommen auch nicht ins Fass, sondern nur in den Edelstahltank, und wenn sie eine leichte Eiweißfärbung oder etwas Weinstein haben, ist das Eva Fricke egal. Und sie ist fest davon überzeugt, dass ihr ökologischer Enthusiasmus nicht nur Umwelt und Gewissen, sondern – viel wichtiger noch – auch der Qualität der Weine zugutekommt: Je länger und radikaler sie ökologisch wirtschafte, umso besser schmecke ihr Wein und umso höher seien die Bewertungen in den gängigen Führern, sagt die Öko-Winzerin.

Eva Frickes Rieslinge, die meist auf Schiefer- und Quarzitböden wachsen, seltener auf Lehm, Löß, Ton oder Sand, sind im Geschmacksbild getreue Abbilder von Charakter und Physiognomie ihrer Schöpferin: schlanke, klare, geradlinige Gewächse ohne Schnörkel und Girlanden, immer ausgestattet mit einer dominanten Mineralität und intensiven Salzigkeit, die Zucker und Säure in der Balance hält und den ohnehin zurückhaltenden Alkohol gar nicht erst zur Fettleibigkeit neigen lässt. Manchmal geht diese Strenge auf Kosten der Komplexität, so wie beim Ortswein Kiedricher Riesling von 2016, der nach Zitrusfrüchten duftet und schön dicht ohne jede Andeutung von Opulenz, aber auch nicht besonders vielschichtig ist, ein Wein ohne Wenn und Aber, der seinen Trinkern ein recht kurzes Vergnügen in Mund und Nase bereitet. Ein ganz anderes Kaliber ist der Lagenwein Elements, der mit reifen, gelben Steinfrüchten prunkt und trotzdem nicht barock oder manieristisch wirkt, sondern so drahtig und schlank schmeckt, als sei er von einem Giacometti in die Flasche gesteckt worden.

Noch wuchtiger ist der Lorcher Seligmacher von 2016 mit seinen Noten von Aprikose und Maracuja, der einem Großen Gewächs verdächtig nahe kommt, ein Meisterstück von Eva Fricke aus ihren besten Lagen, ein Wein von kompromissloser Klarheit und Unverfälschtheit, der trotz seiner Intensität vollkommen auf Speck und Cremigkeit verzichtet, ein norddeutscher Wein, möchte man fast sagen – und das genaue Gegenteil der Lorcher Schlossberg Spätlese mit ihren 7,5 Prozent Alkohol, die wie ein sattsüßer, schwülschwerer Paradiesgarten voller Mangos, Ananas und Papayas im Glas schwappt. Da lassen wir uns doch lieber auf norddeutsche Art selig machen.

Weingut Eva Fricke

Elisabethenstraße 6, 65343 Eltville, Telefon: 0 61 23/70 36 58, www.evafricke.com.

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