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Ernährung : Die Macht des Mood Food

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Zu denen gehörte für Ellrott lange Zeit eine bestimmte Sorte Schokolade mit gerösteten Mandeln. Einmal, erzählt er, sei ihm ziemlich übel geworden, nachdem er einige Stücke davon gegessen hatte. „Wahrscheinlich aus einem ganz anderen Grund.“ Dennoch sei diese Süßigkeit seitdem kein Genuss mehr für ihn, weil er die Erinnerung nicht einfach ausschalten könne. „Wenn Physiologie alles wäre“, sagt der Ernährungspsychologe, „müsste die Schokolade ja auch heute noch positive Stimmung bei mir erzwingen.“ Zumal die Substanzen, die theoretisch Glücksgefühle hervorrufen könnten, in den meisten Schokoladensorten nur minimal vorhanden sind. Milchschokolade zum Beispiel enthält nicht nur wenig Tryptophan, sondern auch noch viele Konkurrenzproteine, die ebenfalls die Blut-Hirn-Schranke überwinden wollen. „Da spielen das Schmelzen im Mund und der Geschmack wahrscheinlich eine größere Rolle für die Psyche“, räumt auch Biologin Flemmer ein.

Schokolade erinnert an Geborgenheit

Gerade der Hang zu Schokolade und Co. wird vielen Menschen bereits kurz nach der Geburt antrainiert. „Weil Muttermilch leicht süß ist und die meisten Babys beim Stillen sehr zufrieden an der Brust der Mutter liegen, wird Süßes oft noch Jahrzehnte später mit Geborgenheit verbunden“, so Flemmer. Diese Koppelung kann freilich irgendwann auch zu Problemen führen. Selbst wenn Mood Food in Form von Keksen, Kuchen oder Alkohol kurzfristig für Freude und Entspannung sorgen mag, bringt es langfristig womöglich unerwünschte körperliche und psychische Begleiterscheinungen mit sich. Und Sucht, Essstörungen oder Übergewicht machen sicher nicht glücklich.

Dass typischerweise kalorienreiches Essen und nicht Salat und Knäckebrot zu Mood Food gezählt wird, hat allerdings einen guten Grund, sagt Ellrott. „Unser Belohnungssystem hatte evolutionsbiologisch nur ein Ziel: so alt zu werden, dass man sich fortpflanzen kann.“ Da Kalorien knapp, Hunger und Mangelernährung hingegen verbreitet waren, habe der Mensch, um zu überleben, vor allem Lebensmittel mit hoher Energiedichte zu sich nehmen müssen. „Kalorien belohnt der Körper mit einem guten Gefühl“, sagt der Ernährungspsychologe. Und typische Kalorienquellen sind nun einmal Fette und Kohlenhydrate.

Datteln an schlechten Tagen

Ellrott ist nach der schlechten Erfahrung mit seinem früheren Mood Food auf eine reine Vollmilchschokolade umgestiegen - die aber von einer bestimmten Schweizer Marke sein muss. „Nur die enthält Maisextrakt und hat den schönen malzigen Geschmack, der mich an meine Kindheit erinnert.“ Biologin Flemmer hat immer getrocknete Datteln zu Hause, seit sie den Ratgeber für Glücksnahrung geschrieben hat. „Wenn ich die an einem schlechten Tag esse, geht es mir hinterher besser.“

Überbewerten solle man den Effekt aber nicht. „Bei echten Depressionen“, betont sie, „braucht man mit Lebensmitteln nicht rumzudoktern. Das ist viel zu gefährlich. Da gehört man in die Hand eines Arztes.“

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