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Ernährungspsychologe erklärt : „Richtige Ernährung ist ein Kriegsschauplatz geworden“

  • -Aktualisiert am

Leben und essen wie vor Tausenden von Jahren, fast jedenfalls: Teilnehmer eines Camps im „Steinzeitpark“ in Albersdorf, Schleswig-Holstein, 2014 nach dem Einkauf im Supermarkt. Bild: dpa

Wir sind, was wir essen: Veganer, Flexitarier, Vegetarier, Anhänger von „Paleo“ oder „Low Carb“. Wie konnte es passieren, dass wir Essen dazu benutzen, unserer Identität ein schärferes Profil zu verleihen? Der Ernährungspsychologe Christoph Klotter klärt auf.

          Herr Prof. Klotter, seit wann ist Essen ein Identitätsstifter?

          Bei den Wohlhabenden und Adeligen war das Essen schon immer Teil ihrer Selbstdarstellung: Mit dem, was sie aßen, haben sie repräsentiert, wer sie waren. So war Essen für eine kleine Minderheit damals schon identitätsausweisend, während der Großteil der Gesellschaft arm war und sich entsprechend ernährt hat. Seit ein paar Jahrzehnten gibt es allerdings eine Pluralisierung von Esswelten. Wir leben in einer Überflussgesellschaft, in unseren Supermärkten stehen 170.000 verschiedene Lebensmittel. Man kann sich durch das, was man isst, von anderen abgrenzen. Das ist ein relativ neues Phänomen.

          Wodurch haben die Menschen denn früher gezeigt, wer sie sind?

          Noch vor hundert Jahren durch die Parteienzugehörigkeit, da war man beispielsweise Teil der Zentrumspartei oder der SPD. Durch die Achtundsechziger-Bewegung gewann dann die eigene Identität über die Sexualität an Kontur. Heute, wo fast alles beim Sex erlaubt ist, hat das Essen die Sexualität als Freiheitsplattform abgelöst. Das begann vielleicht vor zehn Jahren. Früher war Essen etwas Privates, während es heute zu einem Theaterstück geworden ist. Dadurch, dass ich mich über Essensziele in der Öffentlichkeit präsentiere, ist Essen eine Art von Selbstmarketing geworden. Ich zeige über das Essen, was für eine Gesinnung ich habe, zum Beispiel, dass ich niemals Tiere töten würde. Das bedeutet, dass ich mich damit auch exhibitioniere, dass ich über Essen meine Gesinnung und meine moralische Überzeugung repräsentiere.

          Wieso ist gerade das Essen an die Stelle der Sexualität getreten?

          Essen ist erst ein Thema, seit wir unbegrenzt viele Lebensmittel zur Verfügung haben. Noch vor 200 Jahren war es in Deutschland so, dass man überwiegend Kartoffeln und Gemüse aß und ab und an Fleisch – so konnte man keine besondere Identität ausbilden. Heute leben wir in einer einmaligen historischen Situation des Überflusses. Der Trend zur Identitätsbildung über Essen lässt sich also nur in wohlhabenden Gesellschaften beobachten.

          Wie genau prägt Essen die soziale oder kulturelle Identität?

          Wir verbinden mit Essen heutzutage nicht nur Identität, sondern auch Erlösung und Unsterblichkeit. Das Essen ist somit quasi zu einem Erlösungsessen geworden, in Nachfolge der Sexualität und der politischen Utopie, die gescheitert ist, siehe Sozialismus und Kommunismus. So tendieren die Menschen jetzt eher in Richtung körpernahe Erlösung. Und das ist, nach der Sexualität, eben heutzutage das Essen. Es ist ein großer Kompetenzzuwachs: Die Menschen entdecken einen ganzen Lebensbereich wieder! Essen und Kochen stiftet Selbstvertrauen. Es zeigt: Ich kann was, ich habe Geschmack, und ich kann differenzieren. Geschmack hat nämlich immer eine kognitive Komponente. Daher ist es sehr traurig, wenn Leute nur etwas in die Mikrowelle schieben. Durchs eigene Kochen erobert man sich hingegen einen aufmerksamen Umgang mit Nahrung zurück, und es kann sogar zu einer Ritualisierung kommen, wenn aus Essen eine Feierlichkeit wird. So entsteht eine Kulturzugehörigkeit und Gruppenzugehörigkeit, sei es zur Familie oder zu Freunden. Man kann sich durchs Essen sozial und kulturell verorten.

          Also ist es gut, dass Essen jetzt als Identitätsstifter fungiert?

          Ich finde es erst mal gut, dass sich die Menschen ums Essen kümmern. Die Anzahl der qualitätsbewussten Esser nimmt zu. Es ist eine großartige Entwicklung, dass man nicht einfach isst, was Großmutter auch gegessen hat, sondern sich einen bewussten Umgang mit dem Essen erwirbt. Negativ finde ich hingegen den inszenatorischen Charakter dabei. Und wenn viele Erwartungen an das Essen gebunden werden, ist außerdem das Umkippen relativ wahrscheinlich, wenn das Essen nicht gelingt. Dann ist die Enttäuschung groß. Außerdem kann das Essen als spezifischer Lebensstil auch in zwanghaftes Essen umschlagen. Es gibt eindeutige wissenschaftliche Befunde, dass die übermäßige Beschäftigung mit Essen anfällig für Essstörungen macht, vor allem, wenn das eigene Selbstwertgefühl nicht hoch ist. Außerdem finde ich den moralisierenden Blick auf gewisse Ernährungsmethoden ganz schrecklich.

          Immer häufiger liest man, dass Essen als Ersatzreligion bezeichnet wird.

          Es ist ja erst einmal so, dass der christliche Glaube relativ verblasst ist. Noch vor 400 Jahren war es in Europa undenkbar, nicht an Gott zu glauben. Man konnte ketzerisch sein, aber es war undenkbar, seine Existenz nicht anzuerkennen. Heute ist das anders. Damit ist aber das religiöse Bedürfnis nicht ausgestorben. Dementsprechend suchen sich Menschen andere Felder, die ein Religionsersatz sein können. Und dazu gehört das Essen. Wenn man an die Deutsche Gesellschaft für Ernährung denkt: Die hat ein Dogma, nach dem sich die Menschen richten sollen. Da wird das Essen zur Ersatzreligion. Ich würde sagen, dass die DGE die säkularisierte Kirche ist. Und dann gibt es natürlich in unserer ausdifferenzierten Gesellschaft auch noch die zahllosen Ernährungssekten, die sozusagen abtrünnig sind. Wenn man sich soziale Medien ansieht, hat die DGE schon abgedankt. Es gibt viele Menschen, die sagen, dass sie einfach aufgrund ihrer eigenen Erfahrung die richtige Ernährung für sich gefunden haben: also ihren Glauben und ihr eigenes Glaubenssystem. Jeder gründet somit seine eigene Religion.

          Christoph Klotter ist Professor für Gesundheits- und Ernährungspsychologie an der Universität Fulda.

          Sie bezeichnen die verschiedenen Esskulturen ernsthaft als Sekten?

          Nicht in jedem Fall. Man kann mit bestimmten Essensstilen locker umgehen, man kann daraus aber auch eine Ideologie machen. Ich habe zum Beispiel eine Veganerin kennengelernt, die Fleisch mit Kinderpornographie gleichsetzt. Sie wohnt in einer veganen WG. Und ihr Freund, der kein Veganer ist, darf sie nicht in der veganen WG besuchen – er hat Hausverbot. Nur Veganer dürfen die Wohnung betreten. Diese Leute verschanzen sich in ihren eigenen vier Wänden, was typisch für eine Sekte ist.

          Mittlerweile gibt es auch Datingforen, die sich darauf spezialisiert haben, Menschen mit den gleichen Essgewohnheiten zusammenzubringen.

          Diese Foren wollen das Bedürfnis nach Individualität und Gruppenzugehörigkeit verbinden. Der Ansatz kann aber auch die komplexe Welt, in der wir leben, reduzieren. Es ist eine Reduktion von Unübersichtlichkeit, wobei man die Vielzahl von Wahlmöglichkeiten als bedrohlich ansieht. Ich finde das trist. Die Frage nach der richtigen Ernährung ist ein Kriegsschauplatz geworden, auf dem Sekten gegeneinander kämpfen. Und es gibt eine deutliche Zunahme dieser Tendenz. Das bedeutet, dass sich über Essen ein Freund-Feind-Verhältnis bildet. Die Polarisierung nimmt allerdings allgemein zu, wenn man sich beispielsweise die Politik ansieht. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Und Essen ist ein Teil davon. Es gibt Mitarbeiter von Nahrungsmittelunternehmen, die im Freundeskreis nicht mehr angeben, wo sie arbeiten, weil sie persönlich angegriffen werden. Der medial repräsentierte aktuelle Diskurs sagt nämlich, dass Zucker des Teufels ist. Auch da ist eine Polarisierung. Früher war es das Fett, heute ist es der Zucker.

          Parallel zur vegan-vegetarischen Bewegung gibt es eine Bewegung, die Fleisch anpreist und BBQ zum Lebensstil auserkoren hat.

          Genau, es gibt Zeitschriften wie beispielsweise „Beef“, die einen bemerkenswerten Auflagenanstieg verzeichnet haben. Das verdanken sie natürlich den Vegetariern. Sobald Vegetarismus verstärkt auftritt, gibt es sofort eine Gegenbewegung. Denn Vegetarier und Veganer sind immer noch zu 80 Prozent jung, weiblich und gebildet. Und, wenn man sich DGE-Statistiken anschaut, essen Männer doppelt so viel Fleisch wie Frauen. So wird Essen zum Kampf zwischen den Geschlechtern. Das meine ich mit Kriegsschauplatz.

          Wie wird es mit dem Essen als Identitätsstifter weitergehen?

          Ich kenne viele Leute, die ihre Essenssysteme wechseln, weil für sie weder das eine noch das andere funktioniert. Sie haben die Erwartung, über das Essen eine vollkommene Identitätsplattform geboten zu bekommen. Dass das scheitert, ist absehbar. In zwei Jahrzehnten wird es etwas anderes geben. Der Körper taugt als Medium der Erlösung nicht richtig; wie die Achtundsechziger-Bewegung wird auch das Modell „Essen als Identitätsstifter“ auslaufen. Heute spricht ja auch kaum noch jemand davon, dass er sich über seine Sexualität befreien will.

          Wird sich der Hype um das Essen vor seinem Ende noch steigern?

          Die Konjunktur ist noch nicht vorbei. Es ist ja auch attraktiv, sich mit Essen zu beschäftigen. Man darf nur nicht zu viel davon erwarten. Essen ist ein toller Lebensbereich, den es zurückzuerobern gilt. Wir haben den Zugang zum Essen verloren, weil wir es nicht mehr selbst produzieren. Und diese Wiedereroberung ist großartig. Nur die Dogmatisierung und Ideologisierung ist für mich ein Problem.

          Was ist im Gegenzug normale Ernährung?

          Das normale Essen ist das aus der Tradition geborene: Currywurst, Wiener Schnitzel, Spaghetti Bolognese. Es ist das, was die Mehrheit isst. Das rührt noch aus der Tradition des „Wer Fleisch isst, dem geht’s gut“ her. Dazu gehören auch Convenience-Produkte. Es zeugt von einer Kultur, in der es wichtig ist, Fleisch zu essen. Fleisch steht in der gesamten Menschheitsgeschichte für Macht und Wohlstand. Dementsprechend ist diese Ernährung ein Verweis auf die Tradition.

          Das bedeutet, dass eine Ernährung, die komplett auf Fleisch verzichtet, keine normale Ernährung wäre?

          Ja, allerdings steht „normal“ ja in Anführungszeichen, ist also ironisiert. Man könnte auch „traditionell“ dazu sagen.

          Sind wir denn noch in der Lage, uns „normal“ zu ernähren?

          Eigentlich nicht. Wir haben das Essen problematisiert. Wir haben einen bestimmten Wunsch, wie wir uns ernähren wollen. Wenn wir das nicht schaffen, sind wir mit uns unzufrieden. Das ist ein Teufelskreis. Diese Problematisierung kann nicht gesundheitsfördernd sein. Ich plädiere dafür, nicht die Gelassenheit beim Essen zu verlieren. Der Körper ist unglaublich geduldig. In den letzten 200 hat Jahren sich die Lebenserwartung aufgrund der ausreichenden Ernährung und besserer Hygiene verdoppelt. Tatsächlich übersieht man auch, dass sich der Großteil der Bevölkerung noch traditionell ernährt und die Trends an ihm vorbeirauschen. Das „normale“ Essen wird diskreditiert, wobei diejenigen, die so essen, nur umso stärker darauf beharren. Das nennen Psychologen Reaktanz. Viele Studien zeigen, dass besonders junge Männer zynisch auf Ernährungsempfehlungen reagieren. Sie ignorieren sie und kaufen stattdessen „Beef“.

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