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Ernährungspsychologe erklärt : „Richtige Ernährung ist ein Kriegsschauplatz geworden“

  • -Aktualisiert am

Parallel zur vegan-vegetarischen Bewegung gibt es eine Bewegung, die Fleisch anpreist und BBQ zum Lebensstil auserkoren hat.

Genau, es gibt Zeitschriften wie beispielsweise „Beef“, die einen bemerkenswerten Auflagenanstieg verzeichnet haben. Das verdanken sie natürlich den Vegetariern. Sobald Vegetarismus verstärkt auftritt, gibt es sofort eine Gegenbewegung. Denn Vegetarier und Veganer sind immer noch zu 80 Prozent jung, weiblich und gebildet. Und, wenn man sich DGE-Statistiken anschaut, essen Männer doppelt so viel Fleisch wie Frauen. So wird Essen zum Kampf zwischen den Geschlechtern. Das meine ich mit Kriegsschauplatz.

Wie wird es mit dem Essen als Identitätsstifter weitergehen?

Ich kenne viele Leute, die ihre Essenssysteme wechseln, weil für sie weder das eine noch das andere funktioniert. Sie haben die Erwartung, über das Essen eine vollkommene Identitätsplattform geboten zu bekommen. Dass das scheitert, ist absehbar. In zwei Jahrzehnten wird es etwas anderes geben. Der Körper taugt als Medium der Erlösung nicht richtig; wie die Achtundsechziger-Bewegung wird auch das Modell „Essen als Identitätsstifter“ auslaufen. Heute spricht ja auch kaum noch jemand davon, dass er sich über seine Sexualität befreien will.

Wird sich der Hype um das Essen vor seinem Ende noch steigern?

Die Konjunktur ist noch nicht vorbei. Es ist ja auch attraktiv, sich mit Essen zu beschäftigen. Man darf nur nicht zu viel davon erwarten. Essen ist ein toller Lebensbereich, den es zurückzuerobern gilt. Wir haben den Zugang zum Essen verloren, weil wir es nicht mehr selbst produzieren. Und diese Wiedereroberung ist großartig. Nur die Dogmatisierung und Ideologisierung ist für mich ein Problem.

Was ist im Gegenzug normale Ernährung?

Das normale Essen ist das aus der Tradition geborene: Currywurst, Wiener Schnitzel, Spaghetti Bolognese. Es ist das, was die Mehrheit isst. Das rührt noch aus der Tradition des „Wer Fleisch isst, dem geht’s gut“ her. Dazu gehören auch Convenience-Produkte. Es zeugt von einer Kultur, in der es wichtig ist, Fleisch zu essen. Fleisch steht in der gesamten Menschheitsgeschichte für Macht und Wohlstand. Dementsprechend ist diese Ernährung ein Verweis auf die Tradition.

Das bedeutet, dass eine Ernährung, die komplett auf Fleisch verzichtet, keine normale Ernährung wäre?

Ja, allerdings steht „normal“ ja in Anführungszeichen, ist also ironisiert. Man könnte auch „traditionell“ dazu sagen.

Sind wir denn noch in der Lage, uns „normal“ zu ernähren?

Eigentlich nicht. Wir haben das Essen problematisiert. Wir haben einen bestimmten Wunsch, wie wir uns ernähren wollen. Wenn wir das nicht schaffen, sind wir mit uns unzufrieden. Das ist ein Teufelskreis. Diese Problematisierung kann nicht gesundheitsfördernd sein. Ich plädiere dafür, nicht die Gelassenheit beim Essen zu verlieren. Der Körper ist unglaublich geduldig. In den letzten 200 hat Jahren sich die Lebenserwartung aufgrund der ausreichenden Ernährung und besserer Hygiene verdoppelt. Tatsächlich übersieht man auch, dass sich der Großteil der Bevölkerung noch traditionell ernährt und die Trends an ihm vorbeirauschen. Das „normale“ Essen wird diskreditiert, wobei diejenigen, die so essen, nur umso stärker darauf beharren. Das nennen Psychologen Reaktanz. Viele Studien zeigen, dass besonders junge Männer zynisch auf Ernährungsempfehlungen reagieren. Sie ignorieren sie und kaufen stattdessen „Beef“.

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