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Ernährungspsychologe erklärt : „Richtige Ernährung ist ein Kriegsschauplatz geworden“

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Ich finde es erst mal gut, dass sich die Menschen ums Essen kümmern. Die Anzahl der qualitätsbewussten Esser nimmt zu. Es ist eine großartige Entwicklung, dass man nicht einfach isst, was Großmutter auch gegessen hat, sondern sich einen bewussten Umgang mit dem Essen erwirbt. Negativ finde ich hingegen den inszenatorischen Charakter dabei. Und wenn viele Erwartungen an das Essen gebunden werden, ist außerdem das Umkippen relativ wahrscheinlich, wenn das Essen nicht gelingt. Dann ist die Enttäuschung groß. Außerdem kann das Essen als spezifischer Lebensstil auch in zwanghaftes Essen umschlagen. Es gibt eindeutige wissenschaftliche Befunde, dass die übermäßige Beschäftigung mit Essen anfällig für Essstörungen macht, vor allem, wenn das eigene Selbstwertgefühl nicht hoch ist. Außerdem finde ich den moralisierenden Blick auf gewisse Ernährungsmethoden ganz schrecklich.

Immer häufiger liest man, dass Essen als Ersatzreligion bezeichnet wird.

Es ist ja erst einmal so, dass der christliche Glaube relativ verblasst ist. Noch vor 400 Jahren war es in Europa undenkbar, nicht an Gott zu glauben. Man konnte ketzerisch sein, aber es war undenkbar, seine Existenz nicht anzuerkennen. Heute ist das anders. Damit ist aber das religiöse Bedürfnis nicht ausgestorben. Dementsprechend suchen sich Menschen andere Felder, die ein Religionsersatz sein können. Und dazu gehört das Essen. Wenn man an die Deutsche Gesellschaft für Ernährung denkt: Die hat ein Dogma, nach dem sich die Menschen richten sollen. Da wird das Essen zur Ersatzreligion. Ich würde sagen, dass die DGE die säkularisierte Kirche ist. Und dann gibt es natürlich in unserer ausdifferenzierten Gesellschaft auch noch die zahllosen Ernährungssekten, die sozusagen abtrünnig sind. Wenn man sich soziale Medien ansieht, hat die DGE schon abgedankt. Es gibt viele Menschen, die sagen, dass sie einfach aufgrund ihrer eigenen Erfahrung die richtige Ernährung für sich gefunden haben: also ihren Glauben und ihr eigenes Glaubenssystem. Jeder gründet somit seine eigene Religion.

Christoph Klotter ist Professor für Gesundheits- und Ernährungspsychologie an der Universität Fulda.

Sie bezeichnen die verschiedenen Esskulturen ernsthaft als Sekten?

Nicht in jedem Fall. Man kann mit bestimmten Essensstilen locker umgehen, man kann daraus aber auch eine Ideologie machen. Ich habe zum Beispiel eine Veganerin kennengelernt, die Fleisch mit Kinderpornographie gleichsetzt. Sie wohnt in einer veganen WG. Und ihr Freund, der kein Veganer ist, darf sie nicht in der veganen WG besuchen – er hat Hausverbot. Nur Veganer dürfen die Wohnung betreten. Diese Leute verschanzen sich in ihren eigenen vier Wänden, was typisch für eine Sekte ist.

Mittlerweile gibt es auch Datingforen, die sich darauf spezialisiert haben, Menschen mit den gleichen Essgewohnheiten zusammenzubringen.

Diese Foren wollen das Bedürfnis nach Individualität und Gruppenzugehörigkeit verbinden. Der Ansatz kann aber auch die komplexe Welt, in der wir leben, reduzieren. Es ist eine Reduktion von Unübersichtlichkeit, wobei man die Vielzahl von Wahlmöglichkeiten als bedrohlich ansieht. Ich finde das trist. Die Frage nach der richtigen Ernährung ist ein Kriegsschauplatz geworden, auf dem Sekten gegeneinander kämpfen. Und es gibt eine deutliche Zunahme dieser Tendenz. Das bedeutet, dass sich über Essen ein Freund-Feind-Verhältnis bildet. Die Polarisierung nimmt allerdings allgemein zu, wenn man sich beispielsweise die Politik ansieht. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Und Essen ist ein Teil davon. Es gibt Mitarbeiter von Nahrungsmittelunternehmen, die im Freundeskreis nicht mehr angeben, wo sie arbeiten, weil sie persönlich angegriffen werden. Der medial repräsentierte aktuelle Diskurs sagt nämlich, dass Zucker des Teufels ist. Auch da ist eine Polarisierung. Früher war es das Fett, heute ist es der Zucker.

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