https://www.faz.net/-hrx-9jbsr

Sterne-Koch im Europapark : Einmal Foie Gras mit Fahrgeschäft, bitte

  • -Aktualisiert am

Eine Küche „ohne Hokuspokus“ gibt es im „ammolite“. Bild: Ammolite

Der Europapark in Rust ist die beliebteste Touristenattraktion Deutschlands – und dank Peter Hagen-Wiests Lokal „ammolite“ der einzige Vergnügungspark weltweit mit einem Zwei-Sterne-Restaurant.

          4 Min.

          Wir sitzen in einem rot-weiß geringelten Leuchtturm, der gar keiner ist, sondern eine Attrappe, weil für echte Leuchttürme in der oberrheinischen Tiefebene zwischen Schwarzwald und Vogesen wenig Bedarf besteht. Der Leuchtturm gehört zu einem Hotel im neuenglischen Kolonialstil, das weder neuenglisch noch kolonial ist, seine historistischen Kulissen aber trotzdem tapfer mit Leben zu füllen versucht, was sich wegen seiner Lage am Rande eines Häuslebauerneubaugebiets und des gemütlichen, badischen Zungenschlags seines Personals nicht ganz einfach gestaltet. Das Hotel wiederum gehört zum größten Freizeitpark Deutschlands, der halb Europa nach allen Regeln der Klischeekunst nachgebaut und somit den schönen Schein zu seinem Geschäftsmodell erhoben hat, dessen kulinarischer Anspruch sich aber nicht in Paella, Pizza und Piroschki erschöpft, sondern auch unseren Leuchtturm mit seinen beiden Michelin-Sternen umfasst. Dort sitzen wir nun und hoffen, dass unser Abend weder zur Illusion noch zur Desillusion wird.

          Das Wagyu-Rind zumindest ist schon einmal echt. Und es ist schön und gut, weil es als feines Canapé aus Kaviar und Tatar und als kurz abgeflämmtes, auf der Zunge zerschmelzendes Carpaccio mit japanischem Zwiebelöl und cremigen Pünktchen aus Aubergine und Shimeji-Pilzen serviert wird, die so exakt auf dem Tellerrand plaziert sind, als wäre Joël Robuchon nur für uns noch einmal aus dem Himmelreich der Köche herabgestiegen. Auch die Karotte taugt nicht zum Desillusionierungskatalysator. Sie kommt in allen erdenklichen Konsistenzen von der Suppe bis zum Eis auf den Tisch und wird mit der indischen Gewürzmischung Vadouvan exotisch kontrastiert. Sie duftet wie ein ganzer Basar nach Kurkuma, Kreuzkümmel und Bockshornklee, macht der Karotte ordentlich Feuer im Kontor, holt sie leichthändig aus ihrer süßen Selbstgenügsamkeit, überschreitet mit ihrer Schärfe aber nie die Schmerzgrenze. Und wir entspannen uns allmählich, weil wir uns in unserer Leuchtturmattrappe nun nicht mehr vor Schimären fürchten.

          Das Lokal hat Peter Hagen-Wiest nach seinen eigenen Vorstellungen eingerichtet.

          Das „ammolite“ ist zu neunzig Prozent gebucht

          Dafür sorgt Peter Hagen-Wiest, der Erstaunliches im Europapark Rust bei Freiburg vollbracht hat. Er stammt aus Bregenz, lernte bei Großmeistern wie Harald Wohlfahrt oder Dieter Koschina und stand im Baseler Zwei-Sterne-Haus „Cheval Blanc“ am Herd, als ihn ein folgenschwerer Anruf ereilte. Einer der Besitzer des Europaparks, ein leidenschaftlicher Feinschmecker mit Praktika-Erfahrung in Sterneküchen, lockte ihn nach Rust, ließ ihn ein Lokal ganz nach seinen Wünschen einrichten und nannte es nach dessen Grundriss in Form eines versteinerten Ammoniten und nach dessen Lage im Erdgeschoss eines Pseudoleuchtturms „ammolite – The Lighthouse Restaurant“. Im Jahr 2012 wurde es eröffnet, 2013 kam der erste Stern, 2014 der zweite, und längst verspottet niemand mehr Hagen-Wiest als „Mäusekoch“, nur weil er in einem Freizeitpark mit einer Maus als Maskottchen arbeitet.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          War als Journalistin schon vor ihrem Bruder erfolgreich: Rachel Johnson

          Rachel Johnsons Buch : Being Boris’ Schwester

          Ehrgeiz wird in dieser Familie übergroß geschrieben, öffentliche Aufmerksamkeit ist für sie lebensnotwendiger Treibstoff: Was das Buch von Boris Johnsons Schwester Rachel zwischen den Zeilen verrät.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.