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Eleganz im Gemüseregal? Ansichtssache Bild: dpa

„Du Lauch!“ : Der König der Einkaufstüte

Unter den Vorschlägen für das Jugendwort 2018 findet sich der Lauch – und zwar als Beleidigung. Zu Unrecht, findet unser Autor – und hält ein Plädoyer zur Ehrenrettung eines stolzen Gemüses.

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          Wer sich die 30 Begriffe anschaut, die es auf die Shortlist für die Wahl zum Jugendwort des Jahres 2018 geschafft haben, der gewinnt von unserer Jugend ein überraschendes Bild: Sie hat offensichtlich zu viel Kabarett geschaut. Woher sonst sollte sie kommen, die Neigung zu schlechten Wortspielen, die sich ausdrückt in Vorschlägen wie „breiern“ (Bedeutung: „brechen und trotzdem weiterfeiern“) oder „Screenitus“ („Gefühl, wenn man zu lange auf den Bildschirm geschaut hat“)?

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bei der Langenscheidt-Redaktion, die den Wettbewerb ausrichtet, ist man überdies der Meinung, die Jugend habe sich das verdächtig nach einer Journalisten-Erfindung klingende „Lindnern“ angeeignet („Lieber etwas gar nicht machen, als es schlecht zu machen“). Wir können da nur sagen: Sheeeesh? („Wirklich? Echt jetzt? Nicht dein Ernst?!“)

          Ein anderer Kandidat aber verdient tatsächlich unsere Aufmerksamkeit: In der Liste findet sich auch das Wort „Lauch“. Und wer jetzt meint, mit diesem kulinarischen Begriff zolle man dem sich gerade unter jungen Menschen ausbreitenden Veganismus Tribut, der werfe einen Blick auf die angebliche Bedeutung: „Trottel, auch: unmuskulöser Mensch.“ Vom nährstoffreichen Gemüse, gepriesen für seine erfreuliche Wirkung auf Herz und Darm, zum Schmähbegriff: ein irritierender Abstieg. Fast klingt es, als hätten sich irgendwelche Scherzkekse in einer konzertierten Aktion entschlossen, einem völlig beliebigen Wort eine negative Konnotation zu verpassen: Du Heckenschere! Du Salzstreuer! Du Rentenfonds! Oder eben: Du Lauch! Doch die Wurzeln für dessen Abstieg liegen tiefer.

          Ist Lauch ein feiner Charakterzug?

          Die für das Jugendwort des Jahres nominierten Begriffe haben noch stets für Debatten gesorgt, teilen sie sich doch verlässlich in zwei Gruppen: Entweder hat man von ihnen nie gehört (besonders dann nicht, wenn man Jugendlicher ist), oder man kennt sie seit Ewigkeiten. In letztere Kategorie fällt der Lauch, dessen Verwendung als Schimpfwort sich bis mindestens in die frühen 2000er Jahre zurückdatieren lässt. Im August 2005 etwa verletzte in Frankfurt-Bornheim ein 18-jähriger Türke einen 19-jährigen Marokkaner mit einem Messer und bedachte ihn zuvor mit „Verbalattacken“: „Du Lauch – gleichbedeutend mit ,Du Weichei‘“, informierte der Polizeibericht.

          Nicht lange darauf melden sich die ersten – jungen – Menschen zu Wort, die in Internetforen Rat suchen: „Ich werde von einer Bekannten aus der Schule immer ,Lauch‘ genannt. Da ich aber nicht die Statur eines Lauchs habe, hat sie mir gesagt, dass ich vom Charakter her ein Lauch bin“, erzählt ein Schüler und will wissen, ob das nun „gut oder schlecht“ sei.

          Das Wort Lauch geht ihm locker über die Lippen: Skandalrapper Kollegah

          Die Meinungen zu solchen Fragen fallen gemischt aus: „Lauch ist immer abwertend gemeint, es sei denn, es handelt sich wirklich um das Gemüse“, meint einer, während ein Mädchen schreibt: „In meiner Klasse sagen sich die Jungs das alle gegenseitig. Aber die meinen das nur aus Spaß.“ Ein anderer Nutzer sinniert, worauf der schlechte Ruf sich gründen mag: „Lauch ist ein Gemüse, also nicht imstande nachzudenken, und na ja...“.

          Das freilich gilt ganz genauso für andere Gemüsesorten, die zudem mit dem Lauch ästhetisch nicht mithalten können: Man denke nur an die pockennarbige Knollensellerie oder an den Wirsingkohl mit seinen laschen, von Adergeflechten überzogenen Hautlappen. Welch eine Augenweide ist dagegen der Lauch mit seinem langen, glatten, weißen Stamm und seinen üppig wuchernden grünen Blättern! Diverse deutsche Rapper sehen das jedoch anders. „Im Rap zählt Körperstatur, Muskelmasse und Auftreten“, lesen wir auf einer fachkundigen Website namens „Bedeutung online“, und hierzu werde der Lauch als „Gegenfigur“ betrachtet: „Er ist schwach, blass und unsicher.“ Also wird der Lauch seit längerem schon von Rappern gedisst, unter anderem auch von der Skandalfigur Kollegah, die über „Lauchgestalten“ spottet.

          Zum Superhelden mutierten Frühlingszwiebel

          Dass jedoch der Lauch schwach sei und unsicher, ist üble Nachrede. Gewiss, er mag vielen allenfalls als Suppengemüse geläufig sein, als Beilage oder Zutat und kaum je als Hauptgericht, seine Erscheinung aber ist die einer zum Superhelden mutierten Frühlingszwiebel. Anders als all das kugelige Kleingemüse lässt der Lauch sich nicht unterkriegen, steil und stolz ragt er aus der Einkaufstüte empor und reckt sein gekröntes Haupt in die Höhe.

          Seinen edlen Charakter erkannt haben die Waliser, die den Lauch in ihrem Wappen verewigten, und sogar bei Shakespeare darf er eine wichtige Rolle spielen: In „Heinrich V.“ zwingt der walisische Offizier Fluellen den Soldaten Pistol, der über seinen mit Lauch geschmückten Hut gelästert hatte, mit Stockschlägen dazu, ebenjenen Lauch zu verspeisen: „So muss ich beißen?“, fragt Pistol, und der gnadenlose Fluellen verkündet: „Könnt Ihr Lauch verspotten, so könnt Ihr Lauch essen.“

          Ulkige regionale Bezeichnungen für Lauch

          Ganz freiwillig Unmengen an Lauch gegessen haben soll Kaiser Nero, der indes nicht das allerbeste Testimonial abgibt, da er generell zu schrägen Ideen neigte. Als Lauch-Verächter wiederum zeigt sich Bastian Pastewka in der nach ihm selbst benannten Serie: Heimlich legt er vier der sechs Lauchstangen aus dem Einkaufswagen zurück ins Regal, und als seine Freundin trotzdem einen Porree-Auflauf kocht, mäkelt er, Porree sei darin „schon sehr dominant“.

          Apropos Porree: Unter diesem eleganteren, in vielen Regionen des Landes geläufigeren Namen wäre der Lauch wohl kaum zum Schimpfwort mutiert. Und wohl auch nicht so, wie ihn die Lübecker nennen: Du Priselocher! Sein niederdeutscher Name „Aeschlauch“ erinnert derweil an eine ganz andere, gröbere Beleidigung. Zur Wahl zum Jugendwort 2018 steht, bis zum 13. November, nun aber der Lauch. Wir sollten ihm unsere Stimmen geben – und das Schmähwort dann positiv umwidmen: Du bist ein Lauch! Doch wir sind es auch.

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