https://www.faz.net/-hrx-7pr60

Köchin Douce Steiner : Die junge Milde

Eine Diktatorin mit dem Kochlöffel ist sie nicht: Douce Steiner hat die Hände frei, um in der Küche und am Pass zum Restaurant anzupacken. Bild: Röth, Frank

Douce Steiner weiß sich durchzusetzen, doch eine Diktatorin mit Kochlöffel ist sie nicht: In der Küche der besten deutschen Köchin herrscht die Höflichkeit.

          Der Moment der Metamorphose kommt wie aus heiterem Himmel. Plötzlich werden die lachenden Augen existentialistisch ernst, in Sekundenschnelle verlieren sie wie von Zauberhand all ihre Krähenfüßenfröhlichkeit. So konzentriert, als sei sie in Trance, errichtet Douce Steiner jetzt einen Katafalk aus Zander, Jakobsmuschel und einer hauchzarten Schwarzwurzelscheibe, so meditativ nappiert sie Edelfisch und Meeresfrucht mit Erbsencreme und Cidreschaum, als wäre die ganze Welt ringsum in Bedeutungslosigkeit versunken, als gäbe es nichts anderes mehr auf diesem Planeten als ihre Pfannen, Kasserollen und den Pass, an dem sie die Teller anrichtet, vollendet und freigibt, um sie ihren Gästen servieren zu lassen.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Douce Steiner scheint so sehr bei sich, so sehr der Mittelpunkt ihres eigenen Universums zu sein, dass nicht der geringste Zweifel an dem besteht, was sie gerade tut, an dem, was sie am liebsten macht und am besten kann – sie kocht.

          Keine Diktatorin mit dem Kochlöffel als Zepter

          Und genauso plötzlich, sobald die erste Partie Teller die Küche verlassen hat, kehrt das Lachen in Douce Steiners rundes, weiches Gesicht zurück, als sei es nie fort gewesen. Denn dort ist es zu Hause. Ein Napoleon ist die Köchin höchstens von der Statur, nicht aber vom Temperament – keine Feldherrin am Herd, keine Diktatorin mit dem Kochlöffel als Zepter und Zuchtpeitsche, sondern ein freundlicher Mensch mit großem Herzen, der lieber lobt als straft, lieber lacht als schimpft, immer die Harmonie, nie den Streit sucht und als einziges Diktat in ihrer Küche die Herrschaft der Höflichkeit duldet.

          „Ich hasse Respektlosigkeit und schlechte Umgangsformen“, sagt Douce Steiner mit der Bestimmtheit eines Menschen, der hinter seiner Zartheit eine ungeheure Zähigkeit verbirgt. Und für einen winzigen Augenblick huscht ein gefährliches Grollen über ihr Gesicht, das die pechschwarzen Augenbrauen erbeben lässt. Es ist die Andeutung der Drohung, dass sie bei den wirklich wichtigen Dingen trotz aller Liebenswürdigkeit keinen Spaß versteht.

          Die Frauenfrage ist sie leid

          Douce Steiner ist mit dieser Lebensmaxime weit gekommen in einer Welt, in der Liebenswürdigkeit allzu oft als Charakterschwäche gilt. Ihre Kochkunst hat ihr Lobeshymnen in allen Feinschmeckermagazinen, zwei Sterne im Michelin-Führer und den inoffiziellen Titel der besten Köchin Deutschlands eingebracht, weil sie zwischen Ostsee und Alpen die einzige Frau mit dieser Bewertung ist. Auf diese Auszeichnung legt sie allerdings den geringsten Wert.

          Denn sie ist es leid, ständig auf die Frauenfrage reduziert zu werden, auch wenn der noch immer mannhafte und manchmal auch machistische Kosmos der Haute Cuisine ein bisschen mehr weibliche Würze gut vertragen könnte. Eine Feministin mit Kochschürze will sie also partout nicht sein – und muss es trotzdem hinnehmen, dass man ihrem Durchsetzungswillen als kochender Frau den gebührenden Rang einräumt.

          Tränenreiche Ausbildung unter 45 Machos

          Schon mit acht Jahren wollte die Tochter der Meisterkoch-Legende Hans-Paul Steiner das Erbe ihres Vaters antreten und bewarb sich mit einem Brief voller heiligem Kinderernst beim Baseler Gourmetrestaurant „Stucki“ um einen Ausbildungsplatz, in dem die Familie Steiner traditionell ihr Ostermenü verspeiste. Sie wurde aus verständlichen Gründen abgelehnt – und aus unverständlichen auch später in allen Gourmetküchen, als sie die Schule beendet, nichts an ihrem Berufswunsch geändert und den Gedanken aufgegeben hatte, ihre Liebe zum Tanz als Lebensinhalt weiterzuverfolgen, weil Traumtänzereien einfach nicht zu ihr passen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Gipfel in Marokko : Staatengemeinschaft nimmt UN-Migrationspakt an

          Nach heftigen Diskussionen in den vergangenen Wochen ist der UN-Migrationspakt bei einer internationalen Konferenz in Marokko gebilligt worden. UN-Generalsekretär Guterres nennt das Vertragswerk eine „Roadmap zur Vermeidung von Leid und Chaos“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.