https://www.faz.net/-hrx-7pr60

Köchin Douce Steiner : Die junge Milde

Im „Hirschen“ knarzen die Böden, die Balken biegen sich

Douce Steiner kocht zwei Türen weiter in einem 500 Jahre alten Haus, das sich mit bürgerlicher Bescheidenheit in seine Gebäudezeile einreiht und alles andere als eine prunksüchtige Kathedrale der Haute Cuisine ist. Drinnen knarzen die Böden und biegen sich die Balken unter der Last der Jahrhunderte, während die Ölgemälde, Radierungen und Stiche an den Wänden keinen Zweifel an der Bestimmung des Hauses lassen. Sie zeigen – so sparsam wie sorgsam ergänzt von moderner Kunst – Küchen, Backstuben und Speisesäle, Jäger, Fischer und Bauern, Prasser, Zecher und Schlemmermäuler, denen das schöne Motto mitgegeben wird, dass dem Glücklichen keine Stunde schlage.

Das Herzstück des „Hirschen“ ist selbstredend das Restaurant, das unprätentiös eingerichtet ist: rustikal, aber nicht folkloristisch, traditionsbewusst, aber nicht altbacken, gemütlich, aber – und das ist hohe Kunst – nicht gediegen. Hier fühlt man sich, als säße man in einer guten Stube, nicht in einem der besten deutschen Restaurants. Und genauso soll es nach ihrem Willen auch sein.

Ein Familienunternehmen wie aus dem Bilderbuch

Am liebsten bezeichnet sie ihr Restaurant als „Gasthaus“, in dem man sich wie im Schoß einer Familie fühlen soll – was nicht sonderlich schwer fällt, denn die Steiners sind ein Familienunternehmen wie aus dem Bilderbuch. Douce ist die Chefin, hält die Zügel fest in der Hand, arbeitet 16 Stunden am Tag, bleibt mit Joggen und Schwimmen fit, muss allerdings auf das Tanzen, die Lieblingsbeschäftigung ihrer Jugend, angesichts dieser Dauerbelastung verzichten.

Ihr Mann bevorzugt den Hintergrund, ist als Koch aber genauso wichtig wie sie, denn er übernimmt die Rolle des schärfsten Kritikers und besten Ratgebers seiner Frau. Der Vater, der Zeit seines Lebens klassisch französisch gekocht hat und mit seinem majestätischen Fernand-Point-Gedächtnisbauch samt der gravitätischen Gestik in bester Paul-Bocuse-Manier wie die Ideal-Inkarnation eines französischen Groß- und Meisterkochs wirkt, macht bei den Gästen die Honneurs, ohne aber seiner Tochter die Schau zu stehlen.

Die französische Mutter, auch sie zierlich wie eine Elfe, doch mit burschikosem Kurzhaarschnitt und extravaganter Designerbrille ausgestattet, dirigiert den Service, resolut, schnörkellos und selbst nach Jahrzehnten in Deutschland noch auf charmanteste Weise mit dem Genus der deutschen Artikel ringend. Dann gibt es noch einen Onkel als Faktotum und gute Seele, diverse Kellner, die seit Urzeiten im „Hirschen“ sind und längst zur Familie gehören, und natürlich die Tochter, die so selbstverständlich im Sternerestaurant aufwächst wie einst ihre Mutter – ihre Hausaufgaben erledigt sie am liebsten im Gastraum zwischen Mittagsund Abendservice.

Eher Gasthaus als Restaurant: Den „Hirschen“, den sie von ihrem Vater übernommen hat, will Douce Steiner familiär führen.

Der Pass ist ihr Platz im Leben

„Ich hatte das Glück, niemals schlechte Sachen essen zu müssen, und meiner Tochter geht es genauso. Dabei verbiete ich ihr nichts, sie soll ruhig alles ausprobieren. Einmal ist sie sogar bei McDonald’s gewesen und fand es fürchterlich“, sagt Douce Steiner, ohne ihre diebische Freude über dieses Desaster zu verbergen. Überhaupt sei sie der Meinung, dass man jedes Kind nicht nur zum guten Geschmack erziehen könne, sondern sogar müsse, und dass die Schulen kulinarischen Unterricht erteilen sollten, wenn es in den Elternhäusern schon nicht funktioniere. Sie sagt das mit kategorischer Überzeugung.

Weitere Themen

Die Freiheit des Andersschmeckenden

Geschmackssache : Die Freiheit des Andersschmeckenden

Ulrich Heldmann hält in der Arbeiterstadt Remscheid mit bemerkenswerter Beharrlichkeit die Fahne des sehr guten Essens hoch. Doch das wird selbst für ihn immer schwieriger. Die Kolumne Geschmackssache.

Road Movie Video-Seite öffnen

Modestrecke in Italien : Road Movie

Jella Haase, Clemens Schick und Max von der Groeben sind demnächst im Kriminalfilm „Kidnapping Stella“ zu sehen. Mit uns sind sie an den Lago Maggiore gefahren.

Topmeldungen

Mordfall Lübcke : Die Falle der AfD

Die AfD ist an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten. Die Krokodilstränen über den Tod eines Repräsentanten des „Systems“, das sie aus den Angeln heben will, kann sie sich sparen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.