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Köchin Douce Steiner : Die junge Milde

Tschechow sah das, was auch Douce Steiner sieht, wenn sie durch ihre Heimat fährt: adrette Dörfer mit Villen im klassisch französischen Stil ohne jede Spur von Verwahrlosung, aber auch ohne einen Hauch spießbürgerlicher Engstirnigkeit; und dazu eine Natur, an die der Mensch so lange verfeinernd Hand anlegte, bis er ihr jede Derbheit ausgetrieben und sie so sanftmütig gemacht hatte, dass auch sie Douce heißen könnte.

Sie ist im besten Sinne des Wortes kultiviert – mit Abertausenden Obstbäumen und Hunderten Weinbergen, deren Rebenreihen in vollendeter Geometrie die Hügel hinaufwachsen und hinunterfließen, als wäre die Landschaft gekämmt und gescheitelt. Als Diademe inmitten der Weinstöcke geben überall zwergenhafte Kapellen, sandsteinerne Wegkreuze und prachtvolle Freiluftherrgottswinkel mit der Muttergottes ihren himmlischen Segen zum sündigen Tun.

„Ein Schlaraffenland, in dem man wie ein König essen konnte“

Denn es fällt schwer, gottgefälliges Maß zu halten angesichts der Versuchung, in die der Markgräfler Wein jeden Zecher führt. Er wird längst nicht mehr nur aus dem etwas einfältigen Gutedel gekeltert, sondern inzwischen auch aus einem ganzen Bouquet von Burgundertrauben, die sich hier gerne vom warmen Wind aus der Burgundischen Pforte umschmeicheln lassen.

Das Markgräflerland sei wie gemacht für Weiß- und Spätburgunder, sagt Ulrich Bernhart, der es wissen muss, denn sein Privatweingut Schlumberger-Bernhart gehört zu den ersten Adressen im Süden Badens und ist aus gutem Grund Mitglied im Verband der Deutschen Prädikatsweingüter.

Die vielen Süd- und Westlagen, die fruchtbaren Löss- und Kalkmergelböden, die Wärme und die Sonne seien das Glück jedes Winzers, und das seit 2000 Jahren, schwärmt der Weinbauer, der vor 20 Jahren aus der Pfalz in den Südwestzipfel Deutschlands kam, um in die Dynastie Schlumberger einzuheiraten – und sich verwundert die Augen rieb: „Die Pfalz war damals eine kulinarische Diaspora, da war man schon um einen anständigen Saumagen froh. Das Markgräflerland kam mir dagegen wie ein Schlaraffenland vor, in dem man an jeder Ecke wie ein König essen konnte und am besten natürlich im Sulzburger Hirschen.“

Ein Dorf wie aus Brüder-Grimm-Märchen

Auf den ersten Blick sieht man Sulzburg seine Liebe zur Feinschmeckerei nicht an – ein hübsches kleines, etwas schläfriges Dorf mit altehrwürdigen Giebelhäusern und einem buckligen Tor wie aus einem Brüder-Grimm-Märchen, das sich an die Flanken des Schwarzwaldes schmiegt, als suche es dort Geborgenheit. Doch schon der zweite Blick ist verräterisch. In der Dorfbäckerei sind die Wände mit Urkunden und Zertifikaten tapeziert, die dem Bäcker höchste Handwerkskunst bescheinigen. Alles werde bei ihnen noch selbst gemacht, sagt die Bäckersfrau stolz, Backmischungen oder Teiglinge kämen ihr nicht ins Haus, auch wenn sie deswegen jede Nacht um zwei Uhr aufstehen müsse, das sei doch Ehrensache.

Der Dorfmetzger schräg gegenüber, den ein Schild an der Tür als eine der besten Fleischereien Deutschlands ausweist, will da nicht zurückstehen. Sämtliche Würste und Schinken stammen aus eigener Fertigung, die Salami sowieso. Die bestelle auch die Douce Steiner gerne bei ihr, sagt die Metzgermeisterin hinter der Theke, ach die Douce, ein ganz normales Mädchen sei sie geblieben, immer freundlich, immer liebenswert und so bescheiden, obwohl sie dem Dorf doch so viel Ruhm und Ehre bringe. „Wenn ich heute irgendwo unterwegs bin und sage, dass ich in Sulzburg lebe, bekommen die Leute gleich glänzende Augen und meinen nur: Da kocht doch die Douce Steiner.“

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