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Köchin Douce Steiner : Die junge Milde

Hans-Paul Steiner blieb nichts anderes übrig, als sich seiner Tochter selbst anzunehmen und sie auszubilden. Schließlich erbarmte sich der Drei-Sterne-Koch Georges Blanc aus der Bresse der Nachwuchsköchin und stellte sie als einzige Frau unter 45 kochenden Machos ein. Es war eine tränenreiche Zeit für Douce Steiner, die aber nur ihren Willen befeuerte, an ihrem Ziel festzuhalten.

Eine Frau im Olymp? Nicht mit dem Feinschmecker-Herrenclub!

Sie ging zu Harald Wohlfahrt nach Baiersbronn, dem vielleicht besten Chef und gewiss großartigsten kulinarischen Didaktiker Deutschlands, der ganze Armeen von Meisterköchen geformt hat. Dort lernte sie ihren Mann Udo Weiler kennen, mit dem sie seither gemeinsam kocht, kehrte 2008 ins heimatliche Markgräflerland zurück, übernahm von ihrem Vater das Restaurant „Hirschen“ in Sulzburg und mit ihm die Bürde von zwei Michelin-Sternen. Den zweiten Stern verlor sie kurz darauf, vielleicht als Reflex des Feinschmecker-Herrenclubs, der einer Frau einen Platz im Olymp nicht zugestehen wollte.

Douce Steiner allerdings ging unbeirrt ihren Weg. 2012 konnte der Michelin schließlich nicht länger die Augen vor ihrer Meisterschaft verschließen. Der zweite Stern kehrte nach Sulzburg zurück, und seine Sterntalerin kann sich sicher sein, dass er ihr nicht in den Schoß fiel, sondern hart erarbeitet wurde.

Auch ein Meisterkoch fällt nicht vom Himmel. Er ist immer ein Kind seiner Erde, und bei Douce Steiner scheint diese Regel noch kategorischer zu gelten als bei den meisten ihrer Kollegen. Wenn man durch das Markgräflerland im äußersten Südwesten Deutschlands fährt, begreift man sofort, dass Douce Steiners Sanftmut nur dieser Landschaft entsprungen sein kann.

Eine Landschaft, so ausgeglichen wie die Köchin

Die ganze Gegend ist genauso gelassen, ausgeglichen und unaufgeregt wie die Köchin. Selbst der schroffe Schwarzwald wird hier plötzlich milde und rollt in weichen Hügelwellen zur Rheinebene aus, nicht mehr finster grollend, nicht mehr gefangen in seiner schwarzen Seele, sondern übermütig, beschwingt, leichtlebig fast. Und er macht den Menschen sogar noch Geschenke: Wie eine schützende Hand hält er die kalten Ostwinde ab, fängt die warme Luft aus der Burgundischen Pforte ein und sorgt dafür, dass es im Markgräflerland so sonnig und wohltemperiert ist wie kaum irgendwo sonst in Deutschland. Und sollte es den Menschen trotzdem einmal kalt werden, nicht ums Herz, weil das hier gar nicht geht, sondern um die Knochen, finden sie - ein weiteres Präsent des gutmütig gewordenen Schwarzwalds – in heißen Thermalquellen Linderung.

Die Legionen des Römischen Imperiums waren die ersten, die vor der Liebenswürdigkeit dieser Natur kapitulierten. Ihre Veteranen siedelten sich hier an, pflanzten Wein, errichteten Villen und bauten Badeanstalten, deren Ruinen bis heute zu sehen sind.

Adrette Dörfer mit Villen im klassisch französischen Stil

Später kamen Kaiser und Könige ins Markgräflerland, schufen sich mit Badenweiler eine repräsentative Kurresidenz voller blütenweißer Grand Hotels in klassizistischem Sonntagsstaat und zogen auch Menschen an, denen die Gabe des Herrschens über Wörter statt Untertanen gegeben war – Anton Tschechow zum Beispiel, der in Badenweiler die letzte Schlacht seines hoffnungslosen Kampfes gegen die Tuberkulose schlug, am 15. Juli 1904 ein allerletztes Glas Champagner trank und dann mit den deutschen Worten „Ich sterbe“ auf den Lippen für immer die Augen schloss. Wenigstens dürfte ihm der finale Blick, den er von der Erde mitnahm, gefallen haben.

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